Is­ra­el jagt Ter­ro­ris­ten mit­hil­fe von Face­book

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - TERROR IN NIZZA - VON HANS ONKELBACH

Der Ju­den­staat hat auch iso­lier­te Ein­zel­tä­ter im Vi­sier.

JE­RU­SA­LEM Der is­rae­li­sche Si­cher­heits­ex­per­te und frü­he­re Mi­li­tär-Atta­ché Ni­z­an Nu­ri­el (56) sieht die Eu­ro­pä­er vor ei­ner tief­grei­fen­den Ent­schei­dung: Was kommt zu­erst – Men­schen­rech­te oder das Recht zu le­ben? Nach dem An­schlag von Niz­za er­klär­te Nu­ri­el in ei­nem dpa-In­ter­view, man kön­ne tief­grei­fen­de Vor­keh­run­gen nicht tref­fen, oh­ne „den All­tag ein biss­chen zu be­ein­flus­sen“. In Is­ra­el ha­be man auch Er­fah­run­gen mit At­ten­ta­ten durch Lkw und da­her ein Ge­setz er­las­sen, das es Last­wa­gen mit ge­fähr­li­chen Gü­tern nur er­lau­be, auf be­stimm­ten Stra­ßen zu rol­len. Wei­chen die­se ab, ge­be es ei­ne Tech­nik, von au­ßen die Mo­to­ren elek­tro­nisch ab­zu­schal­ten. Nu­ri­el: „Die nut­zen wir not­falls auch!“

Der Staat Is­ra­el be­herrscht ei­ne im­mer aus­ge­feil­te­re Tech­nik im Kampf ge­gen At­ten­tä­ter, die als So­lis­ten ak­tiv wer­den. Man at­ta­ckiert sie neu­er­dings so­gar auf dem vir­tu­el­len Schlacht­feld. Ge­rüs­tet da­für ha­ben sich die Is­rae­lis mit ent­spre­chen­der Soft­ware. Al­go­rith­men hel­fen bei der um­fas­sen­den und früh­zei­ti­gen Aus­spä­hung des Geg­ners. Dank die­ser Auf­rüs­tung ge­lingt es öf­ters, al­lein agie­ren­de Tä­ter un­schäd­lich zu ma­chen.

Oh­ne Kom­pli­zen und Pla­nung schla­gen die­se Frau­en und Män­ner un­be­re­chen­bar zu wie in Niz­za. Sie ma­chen die an Ter­ror ge­wöhn­ten is­rae­li­schen Po­li­zis­ten ner­vös, weil sie schein­bar wahl­los auf der Stra­ße plötz­lich mit dem Au­to in ei­ne Men­schen­men­ge ra­sen, Mes­ser oder Axt zü­cken und an­de­re ver­let­zen und tö­ten. Mi­cky Rosenfeld, Spre­cher der Po­li­zei Je­ru­sa­lems: „Wir hat­ten an­fangs fast kei­ne Zeit zu re­agie­ren. Oft ka­men sie mit dem Bus aus um­lie­gen­den Or­ten, stie­gen am Jaf­faTor aus, gin­gen in die Alt­stadt – und schlu­gen zu.“Sie recht­zei­tig un­schäd­lich zu ma­chen, war an­fangs rei­ne Glücks­sa­che.

Das hat sich ge­än­dert. Is­ra­el hat auf die­se Be­dro­hung re­agiert. Un­ter an­de­rem nut­zen die Be­hör­den das Com­pu­ter­pro­gramm ei­nes Star­t­up-Un­ter­neh­mens aus Tel Aviv, das un­ter dem Na­men Facep­ti­on auf den Markt kam. Das Pro­gramm liest re­gel­recht in Ge­sich­tern von Men­schen. Sei­ne Ent­wick­ler be­haup­ten, mit ei­ner 80-pro­zen­ti­gen Si­cher­heit sa­gen zu kön­nen, ob je­mand, der so be­ob­ach­tet wird, Ter­ro­rist oder fried­lich ist, ob er pä­do­phi­le Nei­gun­gen hat oder Bin­go spielt.

Ex­per­ten aus al­ler Welt se­hen die Soft­ware aus ethi­schen Grün­den mit Skep­sis – ein Kon­flikt, auf den auch Ni­z­an Nu­ri­el hin­weist. Aber Is­ra­el will sich sol­che Be­den­ken nicht leis­ten, un­ter dem Druck der wach­sen­den Fall­zah­len von un­be­re­chen­ba­ren Ein­zel­tä­tern hat die Po­li­zei sie in ihr Si­cher­heits­kon­zept ein­be­zo­gen und über­wacht spe­zi­ell Bus­hal­te­stel­len mit Ka­me­ras.

Fach­leu­te ha­ben mit Hil­fe ent­spre­chen­der Pro­gram­me zu­dem er­kannt, dass die po­ten­zi­el­len Tä­ter in Her­kunft, so­zia­lem Um­feld, bei der Bil­dung, ih­rer Le­bens­er­fah­rung, ih­rer Fa­mi­li­en­struk­tur und dem Be­kann­ten­kreis über­ein­stim­men­de Mus­ter zei­gen, an­hand de­rer man sie im Vor­feld er­ken­nen kann.

Die­ses Pro­filing in der vir­tu­el­len Welt be­treibt man mi­nu­ti­ös, um mehr Re­ak­ti­ons­zeit zu ge­win­nen. Com­pu­ter wer­den so zu In­for­man­ten, mel­den Per­so­nen mit un­ge­wöhn­li­chem Ver­hal­ten oder auf­fal­len­den Ei­gen­hei­ten. Vor al­lem die so­zia­len Netz­wer­ke lie­fern wich­ti­ge In­fos: be­vor­zug­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strän­ge, Struk­tur der Freun­des­lis­te, die auf­ge­ru­fe­nen The­men, an­ge­klick­te Web­sites, Kon­tak­te bei Face­book oder Twit­ter. Al­les wird ge­scannt und ana­ly­siert. Ver­kün­det je­mand plötz­lich sei­nen Freun­den, bald wohl nicht mehr er­reich­bar zu sein, schril­len die Alarm­glo­cken. Rosenfeld be­stä­tigt, man ha­be mit­hil­fe die­ses Ver­fah­rens An­schlä­ge ver­hin­dern und Tä­ter mit Mes­ser oder Axt in der Ta­sche auf dem Weg zum An­schlag buch­stäb­lich in letz­ter Se­kun­de fest­neh­men kön­nen.

„Mankann­tief­grei­fen­de

Ve­rän­de­run­gen nicht tref­fen, oh­ne den All­tag ein biss­chen zu än­dern“

Ni­z­an Nu­ri­el

Is­rae­li­scher Ter­ror­ex­per­te

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