Die Viel­sei­tigs­te der Viel­sei­tig­keits­rei­ter

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMANN

In­grid Klim­ke will mit der deut­schen Equi­pe bei Olym­pia im ehe­ma­li­gen „Mi­li­ta­ry“das drit­te Gold in Fol­ge ho­len. Mit ih­rer Of­fen­heit für Neue­run­gen hat sie ei­nen ganz ei­ge­nen An­teil an der ste­tig wach­sen­den Be­liebt­heit ih­rer Sport­art.

AACHEN Wenn da nicht die kör­per­li­che An­stren­gung ei­nes Ge­län­de­rit­tes von fast sie­ben Mi­nu­ten durch die So­ers wä­re, wahr­schein­lich wür­de In­grid Klim­ke die gan­ze Zeit nur lä­cheln. Die 48-Jäh­ri­ge ge­nießt die Schluss­dis­zi­plin ein­fach ob der tau­sen­den Zu­schau­er am Stre­cken­rand beim CHIO. „Das be­flü­gelt ei­nen und ist rich­tig cool“, sagt sie. Ihr Pferd Ha­le Bob sieht das üb­ri­gens ganz ge­nau­so, das weiß Klim­ke. „Beim Ge­län­de­ritt ist er ins Ziel ga­lop­piert und woll­te förm­lich noch

„ Ha­le Bob kann al­les, ich muss ihn nur in der Dres­sur schön

ru­hig hal­ten“

In­grid Klim­ke ei­ne Run­de hin­le­gen“, er­zählt sie hin­ter­her und muss da­bei la­chen. Es ist das zuf­rie­de­ne La­chen ei­ner Ath­le­tin, die spürt, wel­chen Auf­schwung in punk­to Wert­schät­zung und Po­pu­la­ri­tät ih­re Dis­zi­plin Viel­sei­tig­keit in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­fah­ren hat. Klim­ke selbst hat da­für auf ih­re Art ei­ni­ges ge­tan.

Es wirkt wie ei­ne nicht ab­ge­spro­che­ne Rol­len­auf­tei­lung im deut­schen Team, das sich in Aachen zwar im Na­tio­nen­preis den Aus­tra­li­ern ge­schla­gen ge­ben muss, aber in Micha­el Jung und Klim­ke im Ein­zel den ers­ten und drit­ten Platz holt. Hier Jung, der Welt­rang­lis­ten­ers­te, der gro­ße Fa­vo­rit auf Gold in Rio – der, der als Ein­zi­ger bis­lang gleich­zei­tig Olym­pia­sie­ger (2012), Welt­meis­ter (2010) und Eu­ro­pa­meis­ter (2011, 2013 und 2015) war. Jung, der 33-jäh­ri­ge Aus­nah­me­rei­ter, schiebt sei­ne Sport­art vor al­lem durch sei­ne Er­fol­ge an, sie ver­hel­fen zu me­dia­ler Prä­senz, zu wach­sen­der Be­kannt­heit. Ne­ben­her ist er nicht un­be­dingt der Typ En­ter­tai­ner, eher voll­zeit-fo­kus­siert.

In­grid Klim­ke ist ein an­de­rer Typ. Sie ist die viel­sei­tigs­te Rei­te­rin im deut­schen Quar­tett für Rio, dem au­ßer­dem noch San­dra Auf­fahrt (29, Gan­der­ke­see), Andre­as Ost­holt (38, Wa­ren­dorf) und als Er­satz Ju­lia Kra­je­w­ski (27, Wa­ren­dorf) an­ge­hö­ren. In Aachen trat Klim­ke nicht nur in ih­rer Dis­zi­plin an, son­dern wur­de auch ne­ben­bei Sechs­te in ei­nem Dres­sur-Prix-St-Ge­or­ges und ritt am Sams­tag­abend im Reit­sta­di­on ei­ne kom­bi­nier­te Prü­fung.

Viel­sei­tig­keit über die Viel­sei­tig­keit hin­aus liegt der po­pu­lä­ren Müns­te­ra­ne­rin am Her­zen, ge­ra­de auch bei der Aus­bil­dung ih­rer Pfer­de. Und so nimmt sie auch schon mal die Dres­sur­pfer­de mit ins Ge­län­de oder zum Sprin­gen. Klim­ke, die Toch­ter vom sieg­reichs­ten Dres­sur­rei­ter der Welt, Dr. Rei­ner Klim­ke, hat ei­ne Leh­re zur Bank­kauf­frau ab­sol­viert, sie be­sitzt das ers­te Staats­ex­amen Pri­mar­stu­fe und ist Pfer­de­wirt­schafts­meis­te­rin, sie gibt Se­mi­na­re und hält Vor­trä­ge und steht – so schil­dern es Ver­an­stal­ter – Neue­run­gen, die ih­rem Sport gut­tun, of­fen ge­gen­über. In der So­ers ritt sie so wie­der mit ei­ner auf­fäl­li­gen Helm­ka­me­ra, mit­tels der die Zu­schau­er ih­re Per­spek­ti­ve auf dem Pfer­de­rü­cken ein­neh­men kön­nen.

„In der Viel­sei­tig­keit hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr viel ge­wan­delt, und es zeigt sich heu­te, dass wir ei­ne sehr po­pu­lä­re Sport­art ha­ben“, sagt Klim­ke. Es tat dem Viel­sei­tig­keits­rei­ten spür­bar gut und re­du­zier­te zu­dem die Fäl­le schwe­rer Stür­ze, als man An­fang der 2000er weg vom Aus­dau­er­sport mit Schwer­punkt Ge­län­de hin zu ei­nem ech­ten Drei­kampf aus den na­he­zu gleich­wer­ti­gen Teil­prü­fun­gen Dres­sur, Sprin­gen und Ge­län­de­ritt ging. „Wenn man heu­te sieht, wie vie­le hier raus ins Ge­län­de kom­men und mit­fie­bern, das zeigt ja, dass die Leu­te den Sport gut fin­den. Das ist ei­ne ho­he Wert­schät­zung“, sagt Klim­ke.

Es ist ei­ne Wert­schät­zung, die sich na­tür­lich auch aus den Er­fol­gen bei den zu­rück­lie­gen­den Olym­pi­schen Spie­len 2008 und 2012 speist. In Ri­os Reit­zen­trum in Deo­do­ro soll dann na­tür­lich auch das drit­te Mann­schafts­gold in Fol­ge her. Deutsch­land ist je­den­falls Fa­vo­rit, und das fin­det Klim­ke gut. „Man kann doch bes­ser als ei­ner der Fa­vo­ri­ten ins Ren­nen ge­hen, als von hin­ten ver­su­chen zu müs­sen, die an­de­ren zu über­ho­len. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt über­heb­lich wer­den oder auf­hö­ren, uns top vor­zu­be­rei­ten“, sagt sie. Ei­ne Ein­zel­me­dail­le wä­re schließ­lich das i-Tüp­fel­chen. „War­um nicht? Ha­le Bob kann al­les, ich muss ihn nur in der Dres­sur schön ru­hig hal­ten“, sagt Klim­ke. „Bob­by“, wie sie ih­ren Ol­den­bur­ger Wal­lach nennt, war da­bei ur­sprüng­lich gar nicht als ihr Olym­pia­pferd vor­ge­se­hen, doch weil Es­ca­da im April mit ei­ner Band­ver­let­zung aus­fiel, stieg Ha­le Bob zum Plan A auf.

FOTO: IM­A­GO

Kei­ne Scheu vor Was­ser: Ha­le Bob ga­lop­piert mit In­grid Klim­ke un­er­schro­cken durch die Was­ser­stel­le und hat be­reits das nächs­te Hin­der­nis fo­kus­siert.

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