LE­BEN

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - HOCHSCHULE -

Ich kann nicht zau­bern!

Tonya und ih­re Mut­ter sind zwar zu ei­ner Be­ra­tung zu mir ge­kom­men, schei­nen aber zu er­war­ten, dass ich zau­bern kann. Tonya hat schon letz­tes Jahr Abitur ge­macht, mit ei­nem Durch­schnitt von 3,3 nicht ge­ra­de toll, will aber un­be­dingt stu­die­ren – und zwar in Müns­ter, weil dort ihr Freund wohnt.

Die Mut­ter will für sie lie­ber ei­nen Stu­di­en­platz in Düs­sel­dorf. Das wä­re so­gar mach­bar, denn an bei­den Hoch­schul­stand­or­ten gibt es Fä­cher, die nicht zu­las­sungs­be­schränkt sind. Aber da­zu muss man In­ter­es­se für ein Stu­di­en­ge­biet ent­wi­ckeln. Und dar­an ha­pert es bei Tonya.

Ma­the, Phy­sik und Che­mie kann sie nicht. Und viel le­sen will sie nicht. Und in der Schu­le gab es kein ein­zi­ges Un­ter­richts­fach, was ih­re be­son­de­re Sym­pa­thie hat­te. Und über­haupt kann sie sich nicht lan­ge kon­zen­trie­ren. Aha. Nach­dem sie nun schon ein Jahr hat ver­strei­chen las­sen, soll jetzt im Herbst end­lich et­was be­gin­nen. Mein Vor­schlag, doch zur Vor­be­rei­tung ei­nes Stu­di­ums erst ein­mal mit ei­ner Aus­bil­dung zu star­ten, wird ent­rüs­tet ab­ge­lehnt. Da sind sich bei­de ei­nig. Denn Tonya war mal ei­ne sehr gu­te Schü­le­rin, al­ler­dings nicht mehr in der Ober­stu­fe.

Das kommt oft vor. In die­sem Fall sind na­tür­lich die Leh­rer schuld, wer sonst? Ein Me­di­zin-Stu­di­um wä­re schön, fin­den bei­de, aber sie­ben Jah­re War­te­zeit kom­men gar nicht in Fra­ge. Er­war­tungs­voll se­hen sie mich an.

Das wä­re der Mo­ment, in dem ich mei­nen Zau­ber­stab raus­zie­he, die Abi­no­te auf 1,3 ver­bes­se­re, das Me­di­zin-Stu­di­um von den läs­ti­gen Na­tur­wis­sen­schaf­ten be­freie und auch das Lern­pen­sum re­du­zie­re. Jetzt kommt für mich der Au­gen­blick der Wahr­heit. Ich muss ge­ste­hen, dass ich gar nicht zau­bern kann. Na, die Re­ak­ti­on der bei­den kön­nen Sie sich si­cher vor­stel­len.

Kurz be­vor ich an­schlie­ßend frus­triert das Bü­ro ver­las­se, klin­gelt das Te­le­fon. Lau­ra ist dran. Sie wuss­te nach dem Abi nicht, ob sie sich BWL zu­trau­en könn­te, hat auf mei­nen Rat hin ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung ge­macht, die sie jetzt sehr er­folg­reich ab­schließt. Nun will sie ih­re wei­te­ren Plä­ne für die Zu­kunft, wie ei­nen län­ge­ren Aus­lands­auf­ent­halt und ein Stu­di­um, bald mit mir be­spre­chen. Sie hat mir da­mit denTag ge­ret­tet.

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