Salz­bur­ger Träu­me in Worms

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON ROLAND MÜL­LER

Bei den Ni­be­lun­gen­fest­spie­len kam jetzt das Stück „Gold“zur Urauf­füh­rung.

WORMS Der Papst spielt jetzt auch mit in Worms. Zu ver­dan­ken ist das al­ler­dings kei­nem Be­set­zungs­coup, son­dern ir­di­schen Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten, de­nen sich der Dom der pfäl­zi­schen Stadt ge­ra­de un­ter­zieht. „Barm­her­zig­keit ver­wan­delt eu­er Herz“, ver­kün­det Fran­zis­kus auf dem Wer­be­ban­ner, das an ei­nem Bau­ge­rüst hängt – ei­ne wei­se Bot­schaft, die un­ten frei­lich nicht er­hört wird. Auf der Spiel­flä­che vor der Dom­ku­lis­se suhlt man sich näm­lich in Hass und Ra­che, in Neid und Gier, in Ei­fer­sucht und Grö­ßen­wahn. Kurz­um: im Stoff der Ni­be­lun­gen, des deut­sches­ten al­ler deut­schen My­then, der hier un­ter frei­em Him­mel seit fünf­zehn Jah­ren mit enor­mer Be­harr­lich­keit durch­ge­nu­delt wird, im­mer un­ter Auf­bie­tung von Stars aus Film und Fern­se­hen.

Man will ja hoch hin­aus, am liebs­ten dort­hin, wo der Papst schon ist: an die Spit­ze! Das war das Ziel von Die­ter We­del, der die Ni­be­lun­gen­fest­spie­le 2002 grün­de­te und als na­tio­na­les Fes­ti­val eta­b­lier­te. 2015 über­nahm Ni­co Hoff­man die In­ten­danz, wie­der ein Fern­seh­mann, und schraub­te die An­sprü­che noch hö­her. Man schielt in Worms jetzt nach Salz­burg, zu den gro­ßen Som­mer­fes­ti­vals, und lässt sich beim künst­le­ri­schen Per­so­nal noch we­ni­ger lum­pen. Aus­druck des Wil­lens zum Auf­stieg: der als Haus­au­tor en­ga- gier­te Al­bert Os­ter­mai­er, ei­ner der wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen Dra­ma­ti­ker, der für Worms an ei­ner Ni­be­lun­gen-Tri­lo­gie ar­bei­tet. Teil eins ging 2015 un­ter dem Ti­tel „Ge­met­zel“über die Büh­ne und war ei­ne Psy­cho­tra­gö­die, die ih­re Fein­hei­ten vor der ge­wal­ti­gen Dom­ku­lis­se al­ler­dings nur schwer be­haup­ten konn­te. Teil zwei heißt jetzt „Gold“und macht al­les an­ders, aber nicht un­be­dingt bes­ser. Das Stück ver­mengt die mit­tel­al­ter­li­che Sa­ge mit der Welt von Show- und Film­busi­ness und ist: ei­ne Ko­mö­die.

Um die­se neue Spiel­wei­se vor 1300 Zu­schau­ern aus­brei­ten zu kön­nen, greift Os­ter­mai­er zu ei­nem al­ten Trick. Er zeigt Dreh­ar­bei­ten – die Dreh­ar­bei­ten eben zu „Gold“, wie das hip­pe Ni­be­lun­gen-Pro­jekt des su­perk­rea­ti­ven Film­re­gis­seurs Ar­sen­ij Ku­bik heißt. Er blickt hin­ter die Ku­lis­sen und ent­deckt den „nack­ten Wahn­sinn“. Zi­cken und Di­ven auf weib­li­cher, Ge­cken und Groß­mäu­ler auf männ­li­cher Sei­te, ver­eint im Nach­spie­len der Hüh­ner und Hü­nen, die Kriem­hild und Brün­hild, Ha­gen, Gun­ter und Sieg­fried hei­ßen; da­zu das Team um den kunst­be­ses­se­nen Ku­bik, in­klu­si­ve des von Uwe Och­senk­necht ge­spiel­ten krebs­kran­ken Pro­du­zen­ten Kon­stan­tin Trau­er, der mit dem nur auf Vi­deo er­schei­nen­den Hei­ner Lau­ter­bach als Worm­ser Bür­ger­meis­ter Franz Kop­po­ler skypt, ei­nem image­gei­len Ken­ne­dy aus der Pro­vinz – und wem jetzt ob all der Kli­schees schwind­lig ge­wor­den ist, hat ei­ne zu­tref­fen­de Vor­stel­lung von dem, was die bunt­sche­cki­ge Ins­ze­nie­rung bie­tet. Re­gis­seur Nu­ran Da­vid Ca­lis ent­fes­selt ei­ne Ty­pen­re­vue, die al­les darf, au­ßer: lang­wei­len.

Den­noch ächzt „Gold“zu­neh­mend un­ter der Last der Lus­tig­keit, die ihm auf­ge­bür­det wird – und, pa­ra­dox, auch un­ter der Ernst­haf­tig­keit, die ihm Ca­lis und Os­ter­mai­er tie­fer schür­fend doch noch un­ter­ju­beln wol­len. Gleich­wohl: Worms ist zwar noch nicht Salz­burg, aber die Pro­vinz hat es bei al­ler Mä­ke­lei doch schon weit hin­ter sich ge­las­sen. In­fo Auf­füh­run­gen täg­lich bis zum 31. Ju­li, nur der 25. Ju­li ist spiel­frei. Am 23. Ju­li, 20.15 Uhr, zeigt 3 Sat ei­ne Auf­zeich­nung des Thea­ter­stücks.

FOTO: DPA

Uwe Och­senk­necht (l.) und Michae­la Stei­ger im Worm­ser „Gold“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.