Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Heißt das nein? Dann sa­ge ich ihm eben ab. Was für ein Jam­mer.“Herr­je, Ag­gy war ei­ne furcht­er­re­gen­de Geg­ne­rin, wenn sie zu Hoch­tou­ren auf­lief. Kein Wun­der, dass Chris bei der Pla­nung der Big Fat Ita­lo­eng­li­schen Hoch­zeit kein Wört­chen hat­te mit­re­den dür­fen. „Ich über­leg es mir.“„Aber mach Tem­po! Ei­nen wie Pri­mo kriegt man nicht al­le Ta­ge.“

An­na zog den seit­li­chen Reiß­ver­schluss ei­nes schwar­zen Kleids aus Crê­pe mit schmal ge­schnit­te­nem Rock und ei­nem spit­zen­be­setz­ten Ober­teil zu. Nach ei­nem Au­gen­blick des be­klom­me­nen In­ne­hal­tens, als sie schon dach­te, der Reiß­ver­schluss wür­de an der Tail­le hän­gen­blei­ben, grif­fen die obe­ren Me­tall­zäh­ne, und plötz­lich saß das Kleid wie ei­ne zwei­te Haut. Hmmm. Nicht . . . nein, wirk­lich nicht schlecht. An­na dreh­te sich um, späh­te über ih­re Schul­ter und zupf­te den Stoff über den Hüf­ten zu­recht. Dann öff­ne­te sie den Vor­hang.

„Ar­gen­ti­ni­sche Tan­go­wo­che in Let’s Dan­ce. Ab­ge­half­ter­te Pro­sti­tu­ier­te, die ver­lernt hat zu ver­trau­en, wird in ei­ner Bar in Buenos Aires von ei­nem ge­heim­nis­vol­len Aben­teu­rer mit Filz­hut ho­fiert.“„Du siehst toll aus!“„Ist es auch okay für ei­ne Braut­jung­fer?“

„Das ist mir ganz egal. Für mich zählt nur, dass mei­ne Schwes­ter aus­sieht wie ei­ne Salz­kar­tof­fel.“„Ei­ne Salz­kar­tof­fel?“„Das ist aus The On­ly Way Is Essex.“

An­na über­prüf­te noch ein­mal, wie eng das Kleid am Po saß.

„Schwes­tern­lie­be.“

„Wenn Pri­mo dich in dem Kleid sieht, wird er hin und weg sein.“Wes­halb nur wur­de An­na das Ge­fühl nicht los, dass ih­re ei­ge­ne Mei­nung in Sa­chen Pri­mo über­haupt kei­ne Rol­le spiel­te, weil die Ein­la­dung längst aus­ge­spro­chen war?

Ag­gy nes­tel­te an An­nas Haar her­um. „Da oben kommt ir­gend­ei­ne Span­ge mit ei­ner Blu­me rein . . . Wun­der­schön. Ja. Das kau­fen wir.“„Ich kau­fe es“, sag­te An­na. „Was? Wirk­lich? War­um?“„Weil du schon ge­nug Geld aus­ge­ge­ben hast und ich die­ses Kleid auch zu an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten an­zie­hen kann.“

„An­na, du bist die bes­te al­ler Schwes­tern.“Ag­gy fiel ihr um den Hals. Ei­ne Pau­se. „Die Pumps woll­te ich ei­gent­lich auch be­zah­len.“

An­na mus­ter­te sie nach­denk­lich. „Echt? Die Pumps na­tür­lich auch.“

An­na ver­schwand hin­ter dem Vor­hang, um ih­re ei­ge­nen Sa­chen und, dem Him­mel sei Dank, fla­che Schu­he an­zu­zie­hen.

„Wuss­test du, dass die Leu­te nur ih­ren erst­ge­bo­re­nen Sohn Pri­mo nen­nen?“, mein­te sie zu Ag­gy. „Über­setzt wä­re das, als wür­de man sei­nen Äl­tes­ten Er­stie tau­fen.“

„Sag so was bloß nicht, wenn du ihn ken­nen­lernst. Mum hat schon recht: Fahr dei­ne Per­sön­lich­keit zu­rück.“

An­na hat­te ein Übungs­se­mi­nar mit ei­ni­gen Stu­den­ten im drit­ten Jahr hin­ter sich. Die an­ste­hen­den Ab­schluss­prü­fun­gen hat­ten ei­ne sicht­lich er­nüch­tern­de und be­un­ru­hi­gen­de Wir­kung auf die jun­gen Leu­te. An­na er­in­ner­te sich dar­an, wie die Zeit ih­res ei­ge­nen Stu­di­ums ver­flo­gen war. An­fangs ka­men ei­nem drei Jah­re vor wie ei­ne Ewig­keit. Doch wie man ir­gend­wann fest­stell­te, war es nur ein Wim­pern­schlag.

„Scheu­en Sie sich nicht zu fra­gen, falls Sie Schwie­rig­kei­ten mit der Se­mes­ter­ar­beit ha­ben“, mein­te sie gut ge­launt, als die Stu­den­ten hin­aus­ström­ten.

Sie wand­te sich dem Mai­l­ein­gang zu, die­sem zeit­ver­schlin­gen­den Un­ge­heu­er, das den Hals ein­fach nicht voll­krie­gen konn­te. In der Lis­te der Bri­ef­ku­vert-Icons be­fand sich auch ei­nes von Ja­mes Fra­ser. Be­treff­zei­le: Sie be­fin­den sich in gu­ter Ge­sell­schaft – wei­te­re be­rühm­te Lu­therLe­bens­ret­ter . . .

Ein Lä­cheln spiel­te um ih­re Lip­pen, und als sie die Mail öff­ne­te und die drei mit Pho­to­shop be­ar­bei­te­ten Stand­auf­nah­men aus be­kann­ten Fil­men sah, fing sie laut­hals zu la­chen an.

Da war Richard Ge­re, der in Ein Of­fi­zier und ein Gen­tle­man ei­nen miss­mu­tig drein­bli­cken­den Lu­ther an sei­ne wei­ße Ma­ri­ne­uni­form drück­te. Ralph Fi­en­nes im Lei­nen­an­zug schritt in Der eng­li­sche Pa­ti­ent mit Lu­ther durch die Wüs­te. Und Patrick Sway­ze streck­te ihn im Fi­na­le von Dir­ty Dan­cing hoch in die Luft. Dass Ja­mes stets das­sel­be Foto von Lu­ther ver­wen­det hat­te, auf dem er sein mür­ri­sches Ge­sicht der Ka­me­ra zu­wand­te und den Schwanz hän­gen ließ wie der Ko­mi­ker Ken Dodd sei­nen be­rühm­ten Staub­we­del, mach­te das Gan­ze noch ko­mi­scher. In der Nach­richt stand:

Noch ein­mal vie­len Dank für Ih­ren be­acht­li­chen Mut an­ge­sichts der dro­hen­den Aus­rot­tung ei­ner Ras­se­kat­ze letz­te Wo­che. Ich ha­be her­aus­ge­fun­den, dass Par­lez ton­nen­wei­se Frei­kar­ten für das Stück hat, das mor­gen im Don­mar Wareh­ou­se läuft. Dy­lan Kel­ly spielt mit. Weib­li­che We­sen schei­nen auf ihn zu ste­hen. Ich per­sön­lich kann das nicht nach­voll­zie­hen, denn mit Pla­teau­soh­len ist er ge­ra­de mal eins sech­zig. Ha­ben Sie bis zu zwei Freun­din­nen, die Sie ein­la­den möch­ten? In die­sem Fall neh­men Sie die­ses Zei­chen mei­ner Dank­bar­keit bit­te an. Ja­mes x

Und da­zu ei­nen elek­tro­ni­schen Kuss? Der Ka­ter lag ihm ein­deu­tig am Her­zen. An­na trom­mel­te mit den Fin­gern auf die Schreib­tisch­plat­te und über­leg­te, was sie ant­wor­ten soll­te. Ei­ner­seits woll­te sie kei­ne Zu­wen­dun­gen von ihm an­neh­men, so­lan­ge sie be­ruf­lich mit­ein­an­der zu tun hat­ten. Und hin­zu kam, dass es sich um Ja­mes Fra­ser han­del­te. An­de­rer­seits war ih­re Zu­sam­men­ar­beit in Sa­chen Theo­do­ra mehr oder we­ni­ger ab­ge­schlos­sen, und nach dem, was sie ge­se­hen hat­te, muss­te sie zu­ge­ben, dass die App toll ge­wor­den war. Was den Stu­ben­ti­ger an­ging, über­schlug Ja­mes sich förm­lich vor Dank­bar­keit, ob­wohl sie das Pro­blem ja erst ver­schul­det hat­te.

Aber sie trau­te ihm trotz­dem nicht über den Weg. Das wür­de sie nie.

Al­ler­dings wür­de Ag­gy sie ei­nen Kopf kür­zer ma­chen, soll­te sie je er­fah­ren, dass ihr An­na Frei­kar­ten zu die­sem Stück vor­ent­hal­ten hat­te. Sie be­te­te Dy­lan Kel­ly an, und au­ßer­dem war Rei­bungs­ver­lus­te schon vor Mo­na­ten in­ner­halb von Se­kun­den aus­ver­kauft ge­we­sen. Sie konn­te Ag­gy na­tür­lich auch al­lein hin­schi­cken. Aber wür­de es An­na we­ni­ger be­stech­lich aus­se­hen las­sen, wenn Mit­glie­der ih­rer Fa­mi­lie von be­sag­ten Zu­wen­dun­gen pro­fi­tier­ten?

(Fort­set­zung folgt)

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