Wer soll das al­les hö­ren?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - BLICKPUNKT KULTUR - VON WOLF­RAM GO­ERTZ

Täg­lich er­schei­nen Ber­ge von neu­en Klas­sik-CDs. Wir ha­ben ins vol­le Tönele­ben ge­grif­fen und ge­lauscht. Bei ei­ni­gen Plat­ten fragt man sich, ob es Hö­rer für sie gibt. Oft macht man aber un­er­war­te­te und nicht sel­ten schö­ne Ent­de­ckun­gen.

Die Welt der Schall­plat­ten schmeckt nicht nur nach Aus­tern und Ka­vi­ar. Es will auch Schwarz­brot ge­ges­sen wer­den. Aber das kann aus­ge­spro­chen köst­lich sein.

Im Lau­fe ei­nes Jah­res er­schei­nen ei­ni­ge we­ni­ge Hoch­preis­pro­duk­te der Stars und unend­lich vie­le Plat­ten, de­ren In­ter­pre­ten oder Kom­po­nis­ten man nie im Le­ben ge­hört hat oder de­nen man ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se an ih­nen nur mit Mü­he un­ter­stel­len darf – nen­nen wir nur mal das „Weih­nachts­ora­to­ri­um“der Kan­to­rei Stral­sund oder die 4. Sin­fo­nie e-Moll von Jo­han­nes Brahms des Orches­t­re Phil­har­mo­ni­que de Cler­mont-Fer­rand. Sind das wirk­lich nur be­lang­lo­se Pro­duk­te, al­len­falls für lo­ka­le Be­dürf­nis­se ge­presst, oder ver­birgt sich da­hin­ter die ei­ne oder an­de­re Kost­bar­keit?

Um das zu prü­fen, ha­ben wir uns in ei­ner be­lie­bi­gen Aus­wahl die Plat­ten an­ge­hört, die bin­nen ei­nes Mo­nats auf un­se­rem Schreib­tisch ge­lan­det sind. Um das Er­geb­nis vor­weg­zu­neh­men: Es war viel Schö­nes und noch mehr Uner­war­te­tes dar­un­ter. Nun der Rei­he nach. Das klei­ne La­bel: au­di­te aus Det­mold Im­mer wenn ich ei­ne Plat­te der Det­mol­der Fir­ma au­di­te be­kom­men, weiß ich: Das kann kein Schrott sein! Sie pro­du­zie­ren nicht wie die Kar­ni­ckel, son­dern mit Bedacht, und was aus dem Press­werk kommt, das kann man sich an­hö­ren. Die Fra­ge ist halt nur, ob das auch Pro­duk­te für je­der­mann sind.

Im Fall der Neu­auf­nah­me al­ler Streich­quar­tet­te von Lud­wig van Beet­ho­ven mit dem Quar­tet­to di Cre­mo­na ist man zu­nächst un­si­cher, ob die Welt das braucht. Nach we­ni­gen Tak­ten ist die­ses Ge­fühl wie weg­ge­pus­tet. Die vier Mu­si­ker las­sen sich mit be­wun­derns­wer­ter Si­cher­heit auf den ver­schie­de­nen Al­ters­sit­zen des Kom­po­nis­ten Beet­ho­ven nie­der. Im frü­hen A-Dur-Quar­tett aus Opus 18 er­freut die wun­der­ba­re Fri­sche und Be­schwingt­heit, mit der die Mu­si­ker zu Wer­ke ge­hen; im spä­ten Streich­quar­tett B-Dur op. 130 tref­fen sie die Aspek­te ei­nes fast schon bi­zarr klin­gen­den Nacht­schat­ten­ge­wäch­ses atem­be­rau­bend si­cher. Es gibt frag­los et­li­che hoch­ran­gi­ge Ein­spie­lun­gen der Streich­quar­tet­te Beet­ho­vens, trotz­dem wird man mit die­ser Auf­nah­me wirk­lich glück­lich, zu­mal sie ei­ne ein­leuch­ten­de Kon­fron­ta­ti­on des spä­ten mit dem jun­gen Beet­ho­ven bie­tet und uns auf die Fahn­dungs­lis­te setzt, wie viel Re­vo­lu­tio­nä­res auch schon im Früh­werk des Kom­po­nis­ten zu ent­de­cken ist. Ein Kai­ser, der kom­po­nier­te: Leo­pold I. schrieb ein „Re­qui­em“Im Ge­gen­satz zu Beet­ho­ven ist – und das darf hier als Ka­lau­er er­laubt sein – der Kom­po­nist Leo­pold I. ei­ne wirk­li­che Ent­de­ckung. Der 1640 in Wi­en als zwei­ter Sohn von Kai­ser Fer­di­nand III. ge­bo­re­ne Kom­po­nist war 1658 in Frank­furt zum Rö­mi­schen Kai­ser ge­kürt wor­den, doch sei­ne 47-jäh­ri­ge Amts­zeit bis zu sei­nem Tod im Jahr 1705 muss aus­ge­spro­chen un­po­li­tisch ge­we­sen sein. Leo­pold hat­te es eher mit der Mu­sik, mit Fest­lich­kei­ten, Re­li­gi­on und der Jagd, al­so mit welt­li­chen und spi­ri­tu­el­len Ge­nüs­sen. Dass er auch kom­po­niert hat, dürf­ten die we­nigs­ten wis­sen.

Au­di­te über­rascht uns nun mit ei­ner aus­ge­wähl­ten Samm­lung von Kir­chen­mu­sik aus Leo­polds Fe­der. Der ist na­tür­lich kein Groß-, aber im­mer­hin ein an­spre­chen­der Klein­meis­ter. Dass Leo­pold sich an gro­ße For­ma­te wie ein „Sta­bat Ma­ter“und ein „Re­qui­em“wag­te, darf man als den Ver­such wür­di­gen, mit den Kai­sern der Ton­kunst mit­zu­hal­ten. Dank vor­bild­li­cher In­ter­pre­ten wie Cap­pel­la Mu­ren­sis und Les Cor­nets Noirs un­ter Lei­tung von Jo­han­nes Strobl darf das Er­geb­nis als ge­lun­gen gel­ten. Trotz­dem wür­de ich mich wun­dern, wenn die­se Plat­te in Nord­rhein-West­fa­len au­ßer bei den ein­ge­fleisch­ten An­hän­gern his­to­ri­scher Kö­nigs­häu­ser mehr als zehn Mal über

die La­den- be­zie­hungs­wei­se In­ter­netthe­ke geht. Eben­falls für his­to­risch aus­ge­rich­te­te Mu­sik­freun­de scheint ei­ne CD vor­ge­se­hen zu sein, die an die Al­tis­tin Mau­re­en For­res­ter (1933 bis 2010) er­in­nert. Sie war von Bru­no Wal­ter ent­deckt wor­den und galt in ih­ren bes­ten Jah­ren als gran­dio­se Mah­ler-In­ter­pre­tin. Das „Ur­licht“auf Youtube ist ei­ne Sen­sa­ti­on. Jetzt bringt au­di­te uns aus­ge­wähl­te Lie­d­auf­nah­men (Mah­ler, Loewe, Wa­gner, Brahms, Schu­bert, Schu­mann, Brit­ten und an­de­re) – und man ist über­wäl­tigt vom flu­ten­den Wohl­laut ei­ner im­pe­ria­len Stim­me. Ra­ri­tät aus Göt­tin­gen: De­bus­sys Oper­nein­ak­ter Wenn ei­ne CD des Göt­tin­ger Sym­pho­nie-Orches­ters un­ter Lei­tung von Chris­toph-Ma­thi­as Mu­el­ler im Bü­ro an­kommt, möch­te man sich zu­nächst ei­ner be­dürf­ti­gen Tan­te er­in­nern, bei der man un­er­wünsch­te Lie­fer­wa­re im­mer ab­ge­ben kann. Die freut sich auch über Tand und Ramsch. Das hier aber ist ei­ne Kost­bar­keit: Sie bie­tet die bei­den (un- voll­ende­ten) Oper­nein­ak­ter nach Ed­gar Al­lan Poe „Le Dia­ble dans le Bef­f­roi“(Der Teu­fel im Glo­cken­turm) und „La Chu­te de la Mai­son Us­her“(Der Un­ter­gang des Hau­ses Us­her) von Clau­de De­bus­sy. Kaum sind die ers­ten Tak­te ver­klun­gen, horcht man auf: War­um hört man die­se Klän­ge nicht öf­ter? Ge­wiss, sie sind fürs Mu­sik­thea­ter nur schwer zu­gäng­lich (man­che Mu­sik­thea­ter ha­ben „Us­her“schon ein­mal ge­zeigt), aber die­se Göt­tin­ger Auf­nah­me mit dem Deutschlandradio Kul­tur zeigt, dass die Mu­sik von atem­be­rau­ben­der Schön­heit ist und durch­aus an den Kom­po­nis­ten des Meis­ter­werks „Pel­léas et Me­li­san­de“den­ken lässt. Die Sän­ger­be­set­zung ist pro­fes­sio­nell, und wir gra­tu­lie­ren herz­lich nach Göt­tin­gen für ein Ri­si­ko, das man dort nicht oh­ne For­tü­ne ein­ge­gan­gen ist. Ein Schwe­de lehrt: Kunst kommt von Kön­nen Man­che Kom­po­nis­ten ver­brin­gen ei­ne klei­ne Ewig­keit auf der Mu­sik­hoch­schu­le und brin­gen es doch nur zum Mit­tel- oder gar Un­ter­klas­se­meis­ter. Bei Kurt At­ter­berg (1887 bis 1974) war das an­ders. Er war In­ge­nieur und ar­bei­te­te in lei­ten­der Funk­ti­on am schwe­di­schen Pa­tent­amt. Das Kom­po­nie­ren hat er eher am Ran­de ge­lernt. Trotz­dem wur­de er zu Schwe­dens be­deu­tends­tem Sym­pho­ni­ker. Das eng­li­sche La­bel Chan­dos hat so­eben ei­ne Neue­di­ti­on die­ser Sym­pho­ni­en auf die Schie­ne ge­bracht, und wie man hört, ver­kauft sie sich auch süd­lich des Bott­ni­schen Meer­bu­sens gar nicht übel.

Jetzt sind die Mu­si­ker (Gö­te­bor­ger Sym­fo­ni­ker un­ter Nee­me Jär­vi) bei Fol­ge vier an­ge­kom­men, die uns mit der 3. Sym­pho­nie („Bil­der von der West­küs­te“) er­freut. At­ter­berg hat­te dort oft Ur­laub ge­macht und auch kom­po­niert, trotz­dem hört man kei­ne ein­zi­ge Schä­re in die­ser saf­ti­gen, en­thu­si­as­ti­schen Mu­sik. Sie ent­wi­ckelt – 1915/1916 ge­schrie­ben – viel­mehr ei­nen gro­ßen ru­hi­gen Atem. In Schwe­den wur­de das Werk von den Mu­sik­kri­ti­kern ver­ris­sen, in Deutsch­land da­ge­gen hym­nisch be­ju­belt. Im­mer­hin spie­len die Mu­si­ker aus Gö­te­borg (West­küs­te!) so hin­ge­bungs­voll, als kä­men sie ei­ner pa­trio­ti­schen Pflicht nach. Ein biss­chen ist es ja auch so. Lie­der aus dem Nor­den: Beet­ho­ven bei den Schot­ten Der Ba­ri­ton Chris­ti­an Ger­ha­her be­sticht durch sei­ne brei­te Re­per­toireKennt­nis und -Neu­gier. Jetzt hat der Baye­ri­sche Rund­funk auf sei­nem Haus­la­bel BR Klas­sik ei­ne apar­te Aus­wahl von Grenz­gän­gen her­aus­ge­bracht. Un­ter dem Mot­to „Folks Lied“hö­ren wir die „Schot­ti­schen Lie­der“op. 108 von Beet­ho­ven, da­zu die Lie­der glei­chen Ti­tels von Jo­seph Haydn so­wie die Folk­songs von Ben­ja­min Brit­ten. Das ist jetzt kei­ne Mu­sik vom Rang der „Mis­sa so­lem­nis“, aber trotz­dem ech­ter Beet­ho­ven. Vor al­lem ist es ein neu­er­li­ches Zeug­nis von Ger­ha­hers Ge­s­angs­kunst, die sich auch um Ne­ben­wer­ke mit größ­ter Auf­rich­tig­keit küm­mert. Kei­ne On­kel­haf­tig­keit. Der 25-jäh­ri­ge So­ko­l­ov und Schu­berts ziem­lich bes­te Freun­de Und was sonst noch ge­schah: Eu­ro­disc bringt ei­ne Auf­nah­me des 25jäh­ri­gen Gri­go­ry So­ko­l­ov, al­so ei­nes Pia­nis­ten, der mo­men­tan wie kein an­de­rer im Olymp her­um­ge­reicht wird; da­mit schließt man an die ak­tu­el­le Pu­bli­ka­ti­on bei der Deut­schen Gram­mo­phon an. Das Er­geb­nis ist nicht son­der­lich über­zeu­gend: Das ist ein eher ge­ruh­sa­mes als ex­plo­si­ves Kla­vier­spiel.

Al­les an­de­re als be­lang­los ist da­ge­gen die 4-CD-Box beim La­bel Al- pha un­ter dem Ti­tel „Schu­ber­tia­de“, die der Pia­nist und Di­ri­gent Jos van Im­mer­seel mit sei­nen Mu­si­ker von Ani­ma Eter­na Brüg­ge (auf his­to­ri­schen In­stru­men­ten) und aus­ge­wähl­ten Ge­s­angs­so­lis­ten vor­ge­legt hat. Wir be­fin­den uns hier so­zu­sa­gen in Schu­berts Wirts­haus, in dem die ziem­lich bes­te Freun­de mit­ein­an­der Mu­sik mach­ten und au­ßer­dem or­dent­lich be­cher­ten. Die tö­nen­de Er­geb­nis ist wun­der­voll, für die­se Auf­nah­me hät­te das Ad­jek­tiv „lau­schig“er­fun­den wer­den kön­nen. Es herrscht ei­ne hin­rei­ßen­de Form von mu­si­ka­li­scher Pri­vat­heit, gleich­wohl spürt man, dass über die­se Mu­sik der fins­te­re Geist des Herrn von Met­ter­nich ge­wacht ha­ben muss. Rück­zug in die In­ner­lich­keit als sub­ver­si­ve Re­vol­te der In­tel­lek­tu­el­len – das hört man hier aus je­dem Takt. Tran­szen­dent: Etü­den von Liszt

Der Pia­nist Ki­rill Ger­stein, den man der Welt nicht mehr vor­stel­len muss, mach­te kürz­lich mit ei­ner groß­ar­ti­gen Ein­spie­lung von Pe­ter Tschai­kow­skis Kla­vier­kon­zert Nr. 1 in der Ori­gi­nal­fas­sung auf sich auf­merk­sam. Mit den Etü­den von Franz (er­schie­nen bei my­ri­os clas­sics) be­gibt er sich auf hoch­gra­dig ver­min­tes Ge­län­de, in dem er sich je­doch mit un­er­hör­ter Si­cher­heit be­wegt. Ger­stein be­sticht nicht nur mit ei­ner ge­ra­de­zu abs­trak­ten pia­nis­ti­schen Si­cher­heit, es ge­lingt ihm auch, Liszts ty­pi­sche mu­si­ka­li­sche Emo­tio­nen le­ben­dig wer­den zu las­sen: De­mut, Lüs­tern­heit und Über­wäl­ti­gung. Zum Glück wirkt der Vor­trag kaum je par­fü­miert, im Ge­gen­teil: Ki­rill Ger­stein lässt uns vie­le De­tails hö­ren, die bei an­de­ren Pia­nis­ten eher un­ter die Kla­via­tur fal­len. Sehr, sehr gut! Her­be Ent­täu­schung aus Zü­rich: An­ton Bruck­ners Ach­te Hübsch fin­de ich die Plat­te mit der kom­plet­ten Mu­sik für „ly­ra vi­ol“, ei­ner klei­nen Bass­gam­be, von Wil­li­am La­wes. Der leb­te von 1602 bis 1645 und war Lau­te­nist und Sän­ger am Ho­fe Charles I.; von sei­nem Richard Boo­th­by wird er jetzt fein be­treut (har­mo­nia mun­di). Zau­ber­haft passt der mitt­ler­wei­le gut do­tier­te So­pran von Chris­tia­na Land­sha­mer zu Lie­dern von Ro­bert Schu­mann; dass sie sich auch un­be­kann­ter Lie­der von Vik­tor Ull­mann an­nimmt (bei Oehms), spricht für ih­re Sän­ger­kom­pe­tenz. Mon­te­ver­diFans wer­den an „Il pi­a­n­to del­la Ma­don­na“des Eli­te-En­sem­bles La Com­pa­gnia del Ma­d­ri­ga­le kaum vor­bei­kom­men (bei Glos­sa).

Ei­ne über­flüs­si­ge Pro­duk­ti­on ist je­doch Bruck­ners Ach­te mit Phil­har­mo­nia Zü­rich un­ter Lei­tung von Fa­bio Lui­si. Das Orches­ter der Oper Zü­rich möch­te gern auf dem sym­pho­ni­schen Spiel­platz mit­ma­chen, doch man­gelt es Lui­si an ei­ner Idee für das Werk. Au­ßer­dem hört man in­stru­men­ta­le Schwä­chen (Phil­har­mo­nia Re­cor­ds). Die­se Är­ger­nis geigt man je­doch rasch wie­der weg – und wie­der mit dem La­bel au­di­te: Fran­zis­ka Pietsch und Det­lev Ei­sin­ger bie­ten ei­ne for­mi­da­ble Auf­nah­me der bei­den be­zau­bern­den und en­er­ge­ti­schen Pro­kof­jew-So­na­ten für Vio­li­ne und Kla­vier.

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