Sor­ge vor Tür­ken­kon­flikt in Deutsch­land

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - VORDERSEITE -

Die Tür­kei ent­fernt sich durch die „Säu­be­run­gen“nach dem Putsch­ver­such im­mer wei­ter von rechts­staat­li­chen Stan­dards. Die EU warnt vor ei­ner Es­ka­la­ti­on. Er­do­gans An­hän­ger und Geg­ner ste­hen sich auch in Deutsch­land un­ver­söhn­lich ge­gen­über.

AN­KA­RA/BER­LIN/BRÜS­SEL (RP) Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) warnt vor ei­ner Zu­nah­me der Ge­walt un­ter Tür­ken in Deutsch­land. Die Ge­fahr ei­ner Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts zwi­schen An­hän­gern und Geg­nern von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan sei nach dem ge­schei­ter­ten Putsch­ver­such auch in Deutsch­land ge­stie­gen. Durch die tür­ki­sche Ge­sell­schaft ge­he selbst hier­zu­lan­de „ein tie­fer Riss“.

In Gel­sen­kir­chen er­mit­telt in­zwi­schen der Staats­schutz, nach­dem zwei Fens­ter­schei­ben ei­nes tür­ki­schen Ju­gend­treffs zer­stört wor­den wa­ren. Bis zu 150 auf­ge­brach­te Er­do­gan-An­hän­ger hat­ten sich am Sams­tag vor dem Ge­bäu­de ver­sam­melt – der Ju­gend­treff sym­pa­thi­siert an­geb­lich mit der Gü­len-Be­we­gung.

Der in den USA im Exil le­ben­de Pre­di­ger Fe­thul­lah Gü­len wird von Er­do­gan be­schul­digt, hin­ter dem Putsch­ver­such zu ste­hen, was die­ser aber be­strei­tet. Auch in an­de­ren deut­schen Städ­ten ha­be es St­ein­wür­fe auf Gü­len-Ein­rich­tun­gen ge­ge­ben, be­klag­te Er­can Ka­ra­koyun, Vor­sit­zen­der der „Stif­tung Dia­log und Bil­dung“, die der Gü­len-Be­we­gung na­he­steht. In Stutt­gart wird ei­ne tür­ki­sche Schu­le von der Po­li­zei be­wacht. Die pri­va­te Ein­rich­tung hat eben­falls Ver­bin­dun­gen zur Gü­len-Be­we­gung. Be­am­te kon­trol­lier­ten die Schu­le in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den, be­stä­tig­te ein Po­li­zei­spre­cher.

Der Ruf nach der To­des­stra­fe für Put­schis­ten in der Tür­kei stößt bei der Bun­des­re­gie­rung und bei der EU auf Ab­leh­nung. Bei ei­ner Rück­kehr zu der 2004 in der Tür­kei ab­ge­schaff­ten To­des­stra­fe sei für den EU-Bei­tritts­kan­di­da­ten in der Eu­ro­päi­schen Uni­on kein Platz, mach­te Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) deut­lich. Er­do­gan hat­te an­ge­kün­digt, mit der Op­po­si­ti­on über ei­ne Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe zu be­ra­ten. „Wenn sie be­reit sind, das zu dis­ku­tie­ren, dann wer­de ich als Prä­si­dent je­de Ent­schei­dung des Par­la­men­tes bil­li­gen“, be­kräf­tig­te Er­do­gan ges­tern.

Im ers­ten Te­le­fo­nat nach dem Um­sturz­ver­such for­der­te Mer­kel Er­do­gan ges­tern auf, sich an rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en zu hal­ten. Die Wel­le von Ver­haf­tun­gen und Ent­las­sun­gen in Ar­mee, Po­li­zei und Jus­tiz ge­be „An­lass zu gro­ßer Sor­ge“. Die EU-Staa­ten rie­fen die tür­ki­schen Be­hör­den in ei- ner ge­mein­sa­men Er­klä­rung ein­dring­lich zur Zu­rück­hal­tung auf. „Es muss al­les da­für ge­tan wer­den, wei­te­re Ge­walt zu ver­mei­den“, heißt es in ei­nem von den Au­ßen­mi­nis­tern ver­ab­schie­de­ten Text. Nach dem Putsch­ver­such sind An­ga­ben der tür­ki­schen Re­gie­rung zu­fol­ge mehr als 13.000 Staats­be­diens­te­te sus­pen­diert wor­den. Dar­un­ter sei­en 2745 Jus­tiz­be­am­te, fünf Mit­glie­der des Ho­hen Ra­tes der Rich­ter und Staats­an­walt­schaft und 7899 Po­li­zis­ten. Nicht in der Zahl der Su­s­pen­die­run­gen ent­hal­ten sind die 6038 Sol­da­ten, die bis­lang fest­ge­nom­men wur­den. Ins­ge­samt kam es zu 7543 Fest­nah­men seit Frei­tag­abend. Fest­ge­nom­men wur­den dem­nach ne­ben den 6038 Sol­da­ten 100 Po­li­zis­ten, 755 Rich­ter und Staats­an­wäl­te so­wie 650 wei­te­re Zi­vi­lis­ten. Um die öf­fent­li­che Ver­wal­tung auf­recht­zu­er­hal­ten, wur­de ei­ne Ur­laubs­sper­re für mehr als drei Mil­lio­nen Be­am­te ver­hängt. Wer be­reits im Ur­laub ist, muss ihn ab­bre­chen.

An­füh­rer der Put­schis­ten soll nach An­ga­ben tür­ki­scher Re­gie­rungs­krei­se Ex-Luft­waf­fen­chef Akin Öz­türk ge­we­sen sein. Der Ge­ne­ral ge­hör­te dem Obers­ten Mi­li­tär­rat an. Nach sei­ner Ver­haf­tung de­men­tier­te Öz­türk al­ler­dings ei­ne Be­tei­li­gung, wie die staat­li­che Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu un­ter Be­ru­fung auf die Staats­an­walt­schaft mel­de­te. Kurz zu­vor hat­te Ana­do­lu be­rich­te­te, Öz­türk ha­be sei­ne Be­tei­li­gung ein­ge­stan­den. Die Agen­tur kor­ri­gier­te die Mel­dung dann.

Der Um­sturz­ver­such war nie­der­ge­schla­gen wor­den, nach­dem Er­do­gan die Be­völ­ke­rung zu Mas­sen­pro­tes­ten auf­ge­ru­fen hat­te. Bei den Kämp­fen, vor­nehm­lich in An­ka­ra und Istan­bul, wa­ren nach jüngs­ten of­fi­zi­el­len An­ga­ben 145 Zi­vi­lis­ten, 60 Po­li­zis­ten und drei Sol­da­ten ge­tö­tet wor­den, mehr als 1500 Men­schen wur­den ver­letzt. Ver­wir­rung gab es um die Zahl der ge­tö­te­ten Put­schis­ten. Wäh­rend die Re­gie­rung zu­nächst von mehr als 100 ge­spro­chen hat­te, gab der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim ih­re Zahl ges­tern mit 24 an.

Noch nicht be­kannt ist, ob ein At­ten­tat auf den Vi­ze-Bür­ger­meis­ter des Istan­bu­ler Be­zirks Sis­li im Zu­sam­men­hang mit dem Um­sturz­ver­such steht. Un­be­kann­te sei­en in das Bü­ro von Ce­mil Can­das ein­ge­drun­gen, hät­ten dem Po­li­ti­ker der Op­po­si­ti­ons­par­tei CHP in den Kopf ge­schos­sen und ihn schwer ver­letzt, be­rich­tet der Sen­der NTV Türk. Ein wei­te­rer ge­walt­sa­mer Zwi­schen­fall er­eig­ne­te sich in An­ka­ra wäh­rend ei­ner ge­richt­li­chen An­hö­rung mut­maß­li­cher Put­schis­ten: Ein Mann er­öff­ne­te vor dem Ge­richts­ge­bäu­de das Feu­er auf Si­cher­heits­kräf­te und wur­de dar­auf­hin in sei­nem Au­to er­schos­sen. Leitartikel Sei­te A 2 Po­li­tik Sei­ten A4 und A5

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