Staats­feind Num­mer eins

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PUTSCH IN DER TÜRKEI - VON THO­MAS SEI­BERT

Fe­thul­lah Gü­len wur­de als Pre­di­ger ver­ehrt, nun als Strip­pen­zie­her ver­dammt. Der 75-Jäh­ri­ge be­strei­tet jed­we­de Schuld am Putsch.

SAY­LORS­BURG Für die ei­nen ist er der Ver­tre­ter ei­nes mo­der­nen und ge­mä­ßig­ten Is­lam, der den ho­hen Wert der Bil­dung be­tont und Schu­len baut, für die an­de­ren ein fins­te­rer Strip­pen­zie­her, der In­tri­gen ge­gen die ge­wähl­te Re­gie­rung der Tür­kei und de­ren Prä­si­den­ten spinnt: Der 75-jäh­ri­ge Fe­thul­lah Gü­len steht nach dem Putsch­ver­such in der Tür­kei im Zen­trum schwe­rer Vor­wür­fe. Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan be­schul­digt ihn, den Um­sturz­ver­such or­ga­ni­siert zu ha­ben, und for­dert von den USA die Aus­lie­fe­rung Gü­lens, der seit 1999 in Ame­ri­ka lebt. Gü­len weist die An­schul­di­gun­gen zu­rück.

In ei­nem Ge­spräch mit meh­re­ren in­ter­na­tio­na­len Me­di­en am Sams­tag sag­te Gü­len in sei­nem Wohn­sitz in Say­lors­burg im Bun­des­staat Penn­syl­va­nia, mög­li­cher­wei­se ha­be Er­do­gan den Putsch selbst in­sze­niert, als Vor­wand, um den Druck auf die Gü­len-Be­we­gung in der Tür­kei wei­ter er­hö­hen zu kön­nen.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Gü­len mit den Mäch­ti­gen in der Tür­kei über Kreuz liegt. Der aus dem ost­ana­to­li­schen Er­zu­rum stam­men­de Pre­di­ger wur­de schon Mit­te der 60er Jah­re zum ers­ten Mal fest­ge­nom­men, auch nach dem Putsch von 1971 wur­de er in­ter­niert. Als die Mi­li­tärs neun Jah­re spä­ter er­neut die Macht an sich ris­sen, stell­te sich Gü­len auf die Sei­te der Ge­ne­rä­le. In den 90er Jah­ren war er auf dem Hö­he­punkt sei­nes Ein­flus­ses: Die Gü­len-Be­we­gung, die je nach Schät­zung über bis zu acht Mil­lio­nen An­hän­ger in zum Teil ein­fluss­rei­chen Po­si­tio­nen ver­fügt, galt als Re­pu­blik-kom­pa­ti­ble Al­ter­na­ti­ve zum po­li­ti­schen Is­lam.

Gü­lens Leh­ren wer­den oft als Aus­druck ei­nes sanf­ten Is­lam cha­rak­te­ri­siert, der Mus­li­me auf­for­dert, sich in der mo­der­nen Welt zu eta­blie­ren und ei­ne mög­lichst gu­te Aus­bil­dung an­zu­stre­ben. Al­lein in den USA be­treibt die Gü­len-Be­we­gung, zu der auch Wirt­schafts­un­ter­neh­men und Me­di­en ge­hö­ren, rund 100 Schu­len.

Kri­ti­ker wei­sen je­doch auf ei­ne dunk­le­re Sei­te des Gü­len-Sys­tems hin: Der ana­to­li­sche Pre­di­ger ist ein über­zeug­ter tür­ki­scher Na­tio­na­list, der zum Bei­spiel in der Kur­den­fra­ge ei­ne har­te Li­nie be­für­wor­tet, den mo­der­nen west­li­chen Le­bens­stil ab­lehnt und ei­ne „Ver­klä­rung des Os­ma­ni­schen Rei­ches als tür­kischmus­li­mi­sche Groß­macht“be­treibt, wie es der Tür­kei-Ex­per­te Gün­ter Seu­fert von der Ber­li­ner Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik ein­mal aus­ge­drückt hat.

En­de der 90er Jah­re wur­de Gü­len den Mi­li­tärs in An­ka­ra su­spekt, und er floh in die USA. Ob­wohl er in ei­nem spä­te­ren Pro­zess we­gen ei­nes mut­maß­li­chen is­la­mis­ti­schen Um­sturz­ver­su­ches frei­ge­spro­chen wur­de, ist er bis heu­te nicht in die Tür- kei zu­rück­ge­kehrt. Lan­ge Jah­re un­ter­stütz­ten die Gü­len-An­hän­ger, die in der Tür­kei in Jus­tiz und Bü­ro­kra­tie auf­stie­gen und star­ke Seil­schaf­ten bil­de­ten, Er­do­gan und des­sen Re­gie­rungs­par­tei AKP.

Der Bruch kam vor drei Jah­ren, als Gü­len dem heu­ti­gen Prä­si­den­ten zu mäch­tig wur­de. Er­do­gan warf Gü­len die Bil­dung „par­al­le­ler Struk­tu­ren“im Staats­ap­pa­rat vor und be­gann mit der Ent­fer­nung von Gü­le­nis­ten aus dem Staats­dienst. Gü­len-An­hän­ger spre­chen von ei­ner He­xen­jagd, be­son­ders seit die tür­ki­schen Be­hör­den da­mit be­gon­nen ha­ben, Un­ter­neh­men und Me­di­en der Be­we­gung un­ter staat­li­che Zwangs­ver­wal­tung zu stel­len.

Gü­len selbst ging in sei­ner Pres­se­be­geg­nung nach dem ge­schei­ter­ten Putsch noch ei­nen Schritt wei­ter und ver­glich die Er­do­gan-An­hän­ger in der Tür­kei mit „Hit­lers SS“. „Sie to­le­rie­ren kei­ne Grup­pe, die nicht von ih­nen kon­trol­liert wird.“Gleich­zei­tig lob­te Gü­len sei­ne ei­ge­nen An­hän­ger in der Tür­kei, die trotz des staat­li­chen Drucks fried­lich ge­blie­ben sei­en. So man­cher im Er­do­gan-La­ger ver­mu­tet, es kön­ne kein Zu­fall sein, dass Gü­len schon so lan­ge un­be­hel­ligt in den USA lebt. Sie se­hen den Pre­di­ger als Werk­zeug der CIA – und se­hen sich durch die Wei­ge­rung Wa­shing­tons be­stä­tigt, Gü­len an die Tür­kei aus­zu­lie­fern. Bis­her hat An­ka­ra je­doch noch kei­nen of­fi­zi­el­len Aus­lie­fe­rungs­an­trag ge­stellt, wohl aus der Sor­ge her­aus, dass er ab­ge­lehnt wer­den kön­ne. Ein ers­ter Ver­such war vor ei­ni­gen Jah­ren am Nein ei­nes Rich­ters in den USA ge­schei­tert.

Nun er­höht Er­do­gan er­neut den Druck auf Wa­shing­ton, um Gü­len in die Tür­kei brin­gen und vor Ge­richt stel­len zu kön­nen. US-Au­ßen­mi­nis­ter John Ker­ry zeig­te beim Au­ßen­mi­nis­ter­tref­fen in Brüs­sel der Tür­kei aber be­reits ih­re Gren­zen auf: Über ein Ge­such wer­de rechts­staat­lich ent­schie­den. „Es rei­chen nicht Be­schul­di­gun­gen, wir brau­chen ech­te Be­wei­se“, sag­te Ker­ry.

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