Die Re­pu­blik und die To­des­stra­fe

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PUTSCH IN DER TÜRKEI -

Seit Staats­grün­dung 1923 wur­den mehr als 400 Men­schen ge­henkt.

BER­LIN (höh/dpa) Das letz­te Ur­teil liegt 32 Jah­re zu­rück. 1984, ein Jahr nach dem En­de der Mi­li­tär­dik­ta­tur, wur­de zu­letzt ein Mensch in der Tür­kei hin­ge­rich­tet. In der drei­jäh­ri­gen Mi­li­tär­herr­schaft da­vor wur­den ins­ge­samt 517 To­des­ur­tei­le aus­ge­spro­chen, 50 da­von wur­den voll­streckt.

Auch da­mals be­gann al­les mit ei­nem Putsch: Die Mi­li­tär­füh­rung un­ter Ge­ne­ral Ken­an Ev­ren ver­häng­te 1980 das Kriegs­recht, um den Ver­fall staat­li­cher Au­to­ri­tät an­ge­sichts des Ter­rors von rechts und links auf­zu­hal­ten. Am 20. Sep­tem­ber 1980 wur­de der ehe­ma­li­ge Be­fehls­ha­ber der Ma­ri­ne, Ad­mi­ral Bü­lend Ulusu, zum neu­en Re­gie­rungs­chef er­nannt. Ins­ge­samt for­der­te die Mi­li­tär­jun­ta für rund 7000 Men­schen die To­des­stra­fe. Erst mit der Par­la­ments­wahl vom No­vem­ber 1983 ging die Mi­li­tär­herr­schaft of­fi­zi­ell zu En­de.

Seit 1985 bil­lig­te das Par­la­ment, das über je­de Hin­rich­tung ein­zeln ent­schei­den muss­te, kei­ne Voll­stre­ckun­gen mehr. Pro­mi­nen­tes­ter To­des­kan­di­dat war der 1999 we­gen Hoch­ver­rats ver­ur­teil­te PKK-Füh­rer Ab­dul­lah Öca­lan. Vor al­lem auf eu­ro­päi­schen Druck hin wur­de das To­des­ur­teil aber nicht voll­streckt. Nach­dem das tür­ki­sche Par­la­ment im Som­mer 2002 die To­des­stra­fe in Frie­dens­zei­ten ganz ab­ge­schafft und da­mit ei­ne wich­ti­ge Re­form­for­de­rung der EU er­füll­te hat­te, wur­den al­le be­reits ver­häng­ten To­des­ur­tei­le, dar­un­ter auch das ge­gen Öca­lan, in le­bens­lan­ge Haft­stra­fen um­ge­wan­delt. Un­ter der Re­gie­rung von Re­cep Tay­yip Er­do­gan wur­de die To­des­stra­fe 2004 auch in Kriegs­zei­ten ab­ge­schafft. Da­mit mach­te Er­do­gan den Weg frei für Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der EU. Ins­ge­samt wur­den seit Grün­dung der tür­ki­schen Re­pu­blik 1923 mehr als 400 Men­schen ge­henkt.

Mit ei­ner Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe wür­de die Tür­kei nun ge­gen die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­sto­ßen und ei­nen Aus­schluss aus dem Eu­ro­pa­rat ris­kie­ren. Der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim hält die Wie­der­ein­füh­rung in sei­nem Land da­ge­gen für mög­lich, warnt aber vor über­has­te­ten Be­schlüs­sen. „Es ist nicht rich­tig, in der Hit­ze und dem Ei­fer des Ge­fechts ei­ne vor­ei­li­ge Ent­schei­dung zu tref­fen“, sag­te Yil­di­rim mit Blick auf den nie­der­ge­schla­ge­nen Putsch­ver­such. „Aber wir kön­nen die­se For­de­rung un­se­rer Bür­ger nicht igno­rie­ren. Das wird un­ser Par­la­ment um­fang­reich be­den­ken und be­spre­chen.“Vor­her wol­le sei­ne Re­gie­rung die­se For­de­run­gen we­der zu­rück­wei­sen noch un­ter­stüt­zen. Yil­di­rim sag­te, ei­ne Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe wür­de ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung er­for­dern. „Da­bei wer­den wir uns an der Mei­nung des Vol­kes ori­en­tie­ren.“Un­klar blieb, ob der Mi­nis­ter­prä­si­dent da­mit auf ein mög­li­ches Re­fe­ren­dum an­spiel­te. Um ein sol­ches in die We­ge zu lei­ten, bräuch­te die Re­gie­rungs­par­tei AKP 330 der 550 Stim­men aus dem Par­la­ment und da­mit Un­ter­stüt­zung aus der Op­po­si­ti­on. Prä­si­dent Er­do­gan hat­te am Sonn­tag an­ge­kün­digt, mit der Op­po­si­ti­on zu re­den.

FO­TO: SPIE­GEL ON­LI­NE

So lebt Er­do­gans Erz­feind im Exil: Gü­len schläft auf ei­ner Ma­trat­ze auf dem Fuß­bo­den.

FO­TO: IMA­GO

Bei der Be­er­di­gung ei­nes beim Putsch­ver­such ge­tö­te­ten Freun­des bricht der tür­ki­sche Prä­si­dent Er­do­gan in Trä­nen aus.

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