„Ich bin sen­si­bler ge­wor­den“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin über ihr Kü­chen­ka­bi­nett, das Bun­des­prä­si­di­al­amt und über ih­re „in­ni­ge Lie­be“zu Eu­ro­pa.

BER­LIN Die Bar­kas­se „Ma­ri­ne 1“liegt weiß glän­zend in der Abend­son­ne auf der Spree im Her­zen des Re­gie­rungs­vier­tels. Knapp 15 Me­ter lang, 160 PS stark. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin von der Ley­en be­grüßt die Drei-Mann-Be­sat­zung, be­vor sie an Bord kommt. In der Rei­he „Kurs hal­ten“be­fragt un­se­re Re­dak­ti­on Pro­mi­nen­te auf und am Was­ser. Die Mi­nis­te­rin spricht über ihr Ver­hält­nis zur Kanz­le­rin und was sie beim Tod ih­res Va­ters ge­trös­tet hat. Ih­nen sagt man nach, dass Sie „Kurs hal­ten“kön­nen, so­gar ei­nen Tun­nel­blick ent­wi­ckeln, wenn Sie po­li­tisch et­was durch­set­zen wol­len. Sind Sie da­mit zu­tref­fend be­schrie­ben? URSULAVON DER LEY­EN Ich bin ziel­ori­en­tiert, und das muss man auch blei­ben, sonst setzt man sich mit sei­nen The­men nicht durch. Was ich in den 13 Jah­ren als Mi­nis­te­rin ha­be ler­nen müs­sen, ist die Be­deu­tung ei­ner brei­ten Ab­stim­mung mei­ner Vor­ha­ben. Da ha­be ich mir am An­fang oft ei­ne blu­ti­ge Na­se ge­holt, weil ich nicht früh ge­nug vie­le an­de­re mit ein­be­zo­gen ha­be. Das ist po­li­ti­sche Er­fah­rung. Kon­stant in al­len Mi­nis­ter­äm­tern ist Ihr Kü­chen­ka­bi­nett, be­ste­hend aus Ih­rem Staats­se­kre­tär und Ih­rem Spre­cher. Trau­en Sie an­de­ren nicht?

Ich ha­be ein über lan­ge Zeit ge­wach­se­nes tie­fes Ver­trau­en in mei­nen Staats­se­kre­tär Gerd Hoo­fe und Pres­se­spre­cher Jens Flos­dorff. Im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um sind ei­ni­ge her­vor­ra­gen­de Per­so­nen da­zu­ge­kom­men: der be­ein­dru­cken­de Ge­ne­ral­in­spek­teur Vol­ker Wie­ker, die wirt­schafts­er­fah­re­ne Rüs­tungs­staats­se­kre­tä­rin Ka­trin Su­der und der Ab­tei­lungs­lei­ter Po­li­tik Gé­za von Geyr mit brei­ter si­cher­heits­po­li­ti­scher Er­fah­rung, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Ich hat­te noch nie zu­vor ein so gu­tes Team um mich her­um. Bun­te Trup­pe ...

Ja, Mi­li­tär, Zi­vi­le, Alt, Jung, Män­ner, Frau­en, un­ter­schied­li­che se­xu­el­le Ori­en­tie­run­gen. Ich bin über­zeugt, dass ein viel­fäl­tig auf­ge­stell­tes Lei­tungs­team bes­ser funk­tio­niert, weil es un­ter­schied­li­che Bli­cke auf die täg­li­chen kom­ple­xen Pro­ble­me in der Groß­or­ga­ni­sa­ti­on Bun­des­wehr er­laubt. Das schützt vor ein­sei­ti­gen Ent­schei­dun­gen. Ih­re Staats­se­kre­tä­rin Su­der ist les­bisch, sie ist Mut­ter und al­lein­er­zie­hend. Ist Deutsch­land be­reit, ei­ne Frau mit die­sem Le­bens­ent­wurf in die ers­te Rei­he der Po­li­tik zu stel­len?

Die­se Fra­ge stellt sich in Deutsch­land spä­tes­tens seit Gui­do Wes­ter­wel­le als Au­ßen­mi­nis­ter nicht mehr. Die Zu­spit­zun­gen auf ein­zel­ne Per­sön­lich­keits­merk­ma­le tun uns oh­ne­hin nicht gut. Sind Sie in­ner­lich auf den Fall vor­be­rei­tet, dass Sie als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin ei­nen to­ten Sol­da­ten be­kom­men könn­ten?

Auf ei­nen sol­chen Fall kann man sich nicht wirk­lich um­fas­send vor­be­rei­ten. Sol­che Mo­men­te kennt man erst, wenn man sie durch­lit­ten und er­lebt hat. Um die­sen Fall zu ver­mei­den, ist das Haupt­ziel bei je­der Mis­si­on ein Ma­xi­mum an Schutz für die Trup­pe, die un­ser Par­la­ment in den Ein­satz schickt. Sind Sie ei­gent­lich coo­ler als frü­her?

Coo­ler? Ich ha­be in­zwi­schen vi­el­leicht mehr Er­fah­rung und weiß, dass vie­les in der Po­li­tik nicht so heiß ge­ges­sen wird, wie es ge­kocht wird. Manch­mal re­gen sich mei­ne Kin­der über per­sön­lich ver­let­zen­de Ar­ti­kel über mich auf, über die ich den­ke: So et­was gab es doch schon viel­fach. Aber was die ei­ge­ne Auf­ga­be an­geht, stumpft man nicht ab, son­dern das Ge­gen­teil ist der Fall. Ich bin sen­si­bler ge­wor­den und ha­be ei­nen schär­fe­ren Blick da­für be­kom­men, was Ver­ant­wor­tung be­deu­tet. Des­halb re­agie­re ich heu­te oft zu­rück­hal­ten­der. Sie sind mal zwei Ta­ge heiß als Bun­des­prä­si­den­tin ge­han­delt wor­den ...

(lacht laut) Heu­te kön­nen Sie schal­lend la­chen. Hat das Ih­ren Um­gang mit der Öf­fent­lich­keit ver­än­dert?

Es war ei­ne schmerz­haf­te Er­fah­rung, die aber zu mei­nem Le­ben da­zu­ge­hört. Das Gu­te war, dass ich da­nach die Er­fah­rung ge­macht ha­be, dass ich mei­ne Ar­beit gut fort­set­zen konn­te und sich neue Her­aus­for­de­run­gen stell­ten. Ihr Na­me ist auch in der ak­tu­el­len De­bat­te um die Gauck-Nach­fol­ge ge­fal­len.

Bit­te nicht! In­di­rekt ge­fragt: Sie kön­nen doch auch Di­plo­ma­tie und Re­prä­sen­ta­ti­on, oder?

Mein Platz ist im Bend­ler­block, und ich set­ze al­les da­ran, dass ich nach ei­ner er­folg­rei­chen Bun­des­tags­wahl mei­ne Ar­beit dort fort­set­zen kann. Ich ha­be Sie nie ein schlech­tes Wort über die Kanz­le­rin sa­gen hö­ren.

Aus tiefs­ter Über­zeu­gung. Sie hat das Land ge­ni­al durch vie­le Kri­sen ge­steu­ert. Und ich ver­ges­se nicht, wo­her ich vor 13 Jah­ren ge­kom­men bin und wie viel Ver­trau­en An­ge­la Mer­kel mir im­mer wie­der ge­schenkt hat. Wie gut ken­nen Sie sich?

Gut. Man lernt Men­schen erst rich­tig ken­nen, wenn man Kon­flik­te mit Ih­nen hat. Die Fair­ness, mit der sie mit mir et­wa im Kon­flikt um die Frau­en­quo­te um­ge­gan­gen ist, und die Be­harr­lich­keit, mit der sie ei­ne ge­mein­sa­me Lö­sung ge­sucht hat, wa­ren groß­ar­tig. Ist Ihr Ver­hält­nis eher ge­schäfts­mä­ßig oder re­den Sie auch über Pri­va­tes?

Wir re­den auch über Pri­va­tes. Wir kön­nen herz­haft mit­ein­an­der la­chen. Sie hat ei­nen phä­no- Als Ihr Va­ter im De­zem­ber 2014 starb, wa­ren Sie gera­de in Af­gha­nis­tan beim tra­di­tio­nel­len Weih­nachts­be­such der Trup­pe. Ha­ben Sie da­mals da­ran ge­dacht, den Be­such ab­zu­bre­chen?

Ich ha­be dar­über nach­ge­dacht, mit Ver­trau­ten ge­spro­chen und mich da­ge­gen ent­schie­den. Im Nach­hin­ein kann ich die­sen trau­ri­gen St­un­den et­was Schö­nes ab­ge­win­nen. An dem Tag saß ich mit dem af­gha­ni­schen Ge­ne­ral We­za zu­sam­men, der mich hin­ter­her in ei­nem Kon­do­lenz­brief da­ran er­in­ner­te, dass wir beim Mit­tag­es­sen auch über mei­nen Va­ter ge­spro­chen hat­ten. Er schrieb mir: „Sie ha­ben zu der Zeit an ihn ge­dacht, als er ge­stor­ben ist.“Das hat mich sehr be­wegt. Mir hat da­mals die af­gha­ni­sche Nacht ge­hol­fen: ru­hig, schwarz, mit ei­nem un­fass­ba­ren Ster­nen­him­mel.

FO­TOS: THO­MAS TRUTSCHEL

Ur­su­la von der Ley­en (57) an Bord der Bar­kas­se „Ma­ri­ne 1“auf der Spree in Ber­lin.

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