Re­gie­rung strei­tet über „Gut le­ben“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON JAN DRE­BES

Die Er­geb­nis­se des Mam­mut­pro­jekts, das die Kanz­le­rin als Bür­ger­di­alog an­ge­sto­ßen hat­te, sol­len im Au­gust ver­ab­schie­det wer­den. Doch ein­zel­ne Mi­nis­te­ri­en kämp­fen er­bit­tert um die In­hal­te, wie aus dem Ent­wurf her­vor­geht.

BER­LIN Was ist den Men­schen wich­tig? Und wie kann Po­li­tik si­cher­stel­len, nicht an den Bür­gern vor­bei­zu­han­deln? Um dem Volk den Puls zu füh­len, ha­ben Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und ih­re Mi­nis­ter im Som­mer des Vor­jah­res rund 50 Dia­log­ver­an­stal­tun­gen zur Le­bens­qua­li­tät über­all in Deutsch­land ab­ge­hal­ten. Teils wa­ren da­bei Ran­der­schei­nun­gen wich­ti­ger als die ei­gent­li­chen Ge­sprächs­in­hal­te (et­wa, als die Kanz­le­rin das wei­nen­de Flücht­lings­mäd­chen Reem Sah­wil trös­tend strei­chel­te). Doch jetzt ist die Aus­wer­tung ab­ge­schlos­sen und der Be­richt der Bun­des­re­gie­rung so gut wie fer­tig. Ein Ent­wurf des rund 260 Sei­ten um­fas­sen­den Werks liegt un­se­rer Re­dak­ti­on vor.

Die Ex­per­ten­grup­pe, die den Be­richt er­stellt, hat für die Aus­wer­tung zu ins­ge­samt zwölf „Di­men­sio­nen der Le­bens­qua­li­tät“45 In­di­ka­to­ren aus­ge­wählt. Die Ant­wor­ten und Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge der Bür­ger bei den Dia­log­ver­an­stal­tun­gen mit Mer­kel und ih­ren Mi­nis­tern so­wie Bei­trä­ge aus dem Netz wur­den den In­di­ka­to­ren zu­ge­ord­net. Aber: Die Bun­des­re­gie­rung hat dar­über hin­aus kei­ne ei­ge­nen Um­fra­gen ge­star­tet, die Er­geb­nis­se des „Gut le­ben“-Be­richts sind da­her nicht re­prä­sen­ta­tiv. Viel­mehr wer­den dar­in Da­ten aus be­reits ver­öf­fent­lich­ten Stu­di­en und Sta­tis­ti­ken für die ein­zel­nen The­men her­an­ge­zo­gen und mit den Bei­trä­gen der Bür­ger ver­mengt.

So ist dar­in et­wa zum The­ma Kri­mi­na­li­tät zu le­sen, dass sich rund 80 Pro­zent der Deut­schen re­la­tiv si­cher füh­len – da­für wird ei­ne Stu­die von 2012 zi­tiert – und im Jahr 2015 rund 564.000 Män­ner und 382.000 Frau­en Op­fer von Straf­ta­ten wur­den. Die Bun­des­re­gie­rung kön­ne das sub­jek­ti­ve Si­cher­heits­ge­fühl der Men­schen nur in­di­rekt be­ein­flus­sen, heißt es im Er­geb­nis des Ka­pi­tels. Da­für ha­be man aber bei­spiels­wei­se 4000 zu­sätz­li­che Stel­len für die Si­cher­heits­be­hör­den des Bun­des be­schlos­sen.

Wie aus Re­gie­rungs­krei­sen zu ver­neh­men war, soll der Be­richt auf Wunsch von Kanz­le­rin Mer­kel und Vi­ze­kanz­ler Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) En­de Au­gust im Ka­bi­nett ver­ab­schie­det wer­den. Al­ler­dings gibt es hin­ter den Ku­lis­sen der­zeit noch Kri­tik an der Aus­ge­stal­tung des Be­richts und teils hef­ti­gen Streit zwi­schen ein­zel­nen Mi­nis­te­ri­en.

So mo­niert das Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um von Res­sort­chef Chris­ti­an Schmidt (CSU) in ei­nem in­ter­nen Ver­merk, der un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, dass man zu we­nig Zeit ha­be, Stel­lung „zu ei­nem Be­richts­ent­wurf die­ser Be­deu­tung und Kom­ple­xi­tät“zu neh­men. Das wi­der­spre­che al­len Ge­pflo­gen­hei­ten und ma­che ei­ne sach­ge­rech­te Prü­fung „na­he­zu un­mög­lich“.

In­halt­lich kri­ti­siert das Agrar­mi­nis­te­ri­um un­ter an­de­rem, es sei „völ­lig un­ver­ständ­lich“, dass un­ter der Über­schrift „Le­bens­qua­li­tät“der Bei­trag des Wal­des und der deut­schen Forst- und Holz­wirt­schaft in dem Ent­wurf „kom­plett aus­ge­blen­det“wer­de. Das sei inak- zep­ta­bel. Und be­son­ders harsch re­agie­ren Schmidts Be­am­ten auf die im Ent­wurf ent­hal­te­ne Darstel­lung der Na­tur­schutz­of­fen­si­ve des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums als Of­fen­si­ve der ge­sam­ten Bun­des­re­gie­rung. So heißt es im Be­richt: „Der Ab­wärts­trend bei der Ar­ten­viel­falt und Land­schafts­qua­li­tät muss be­en­det und um­ge­kehrt wer­den. Da­für er­greift die Bun­des­re­gie­rung ei­ne Rei­he von Maß­nah­men. Die Na­tur­schutz-Initia­ti­ve 2020 ent­hält rund 40 Maß­nah­men und Initia­ti­ven zur Ver­bes­se­rung der Ar­ten­viel­falt. Da­zu ge­hö­ren ei­ne Aus­wei­tung von Schutz­ge­bie­ten ge­nau­so wie Ver­bes­se­run­gen bei der Land­nut­zung.“Das sei an „Dreis­tig­keit nicht zu über­bie­ten“und völ­lig in­ak­zep­ta­bel, schrei­ben Schmidts Be­am­te in dem in­ter­nen Ver­merk. Die ent­spre­chen­de Stel­le sei da­her zu strei­chen.

Ob sich die Res­sorts an­ge­sichts sol­cher Zer­würf­nis­se und der Som­mer­pau­se tat­säch­lich bis En­de Au­gust auf ei­nen ge­mein­sa­men Be­richt wer­den ei­ni­gen kön­nen, darf al­so an­ge­zwei­felt wer­den.

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