Russ­lands Sport droht die Iso­la­ti­on

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON ECK­HARD CZE­KAL­LA UND GI­AN­NI COS­TA

DÜS­SEL­DORF Richard McLa­ren ist ein ge­frag­ter Mann. Er ge­hör­te der Kom­mis­si­on der Welt-An­ti-Do­pingA­gen­tur (Wada) an, die im ver­gan­ge­nen Jahr das flä­chen­de­cken­de Do­ping­sys­tem in der rus­si­schen Leicht­ath­le­tik auf­deck­te, was im No­vem­ber zur Sper­re des Ver­ban­des führ­te. Ges­tern leg­te der Che­f­er­mitt­ler in To­ron­to ei­nen noch bri­san­te­ren, 97 Sei­ten star­ken Ab­schluss­be­richt vor. „Wir ha­ben vie­le Be­wei­se, die kei­ne Zwei­fel zu­las­sen“, be­ton­te der ka­na­di­sche Rechts­pro­fes­sor. Es sei­en tau­sen­de Da­ten und Do­ku­men­te aus­ge­wer­tet und auch ge­lösch­te Da­tei­en wie­der­her­ge­stellt wor­den. Al­ler­dings sei an­ge­sichts des Zei­t­raums von nur 57 Ta­gen nur ein Bruch­teil des Ma­te­ri­als aus­ge­wer­tet wor­den.

Die Fra­ge, ob es bei den Win­ter­spie­len 2014 in Sot­schi ein vom rus­si­schen Staat ge­lenk­tes Do­pingPro­gramm ge­ge­ben ha­be, wird mit „Ja“be­ant­wor­tet. Mehr noch. Rus­si­sche Ath­le­ten aus den meis­ten Som­mer- und Win­ter­sport­ar­ten hät­ten von der Ma­ni­pu­la­ti­ons­me­tho­de, die von min­des­tens En­de 2011 bis Au­gust 2015 ge­plant und durch­ge­führt wor­den sei, pro­fi­tiert. 643 po­si­ti­ve Pro­ben sei­en in die­sem Zei­t­raum ver­tauscht wor­den. Ei­ne Grup­pe von 312 aus­sichts­rei­chen Ath­le­ten wur­de da­durch ge­schützt.

18 Ta­ge vor Be­ginn der Spie­le in Rio ist der Druck auf das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee (IOC) und sei­nen deut­schen Prä­si­den­ten Tho­mas Bach enorm. Wie re­agiert das IOC ? Bachs Hoff­nung, das Pro­blem auf den Win­ter­sport be­gren­zen zu kön­nen, ist ge­platzt. Nun sprach der ehe­ma­li­ge Welt­klas­se­fech­ter von ei­nem er­schre­cken­den und bei­spiel­lo­sen An­griff auf die In­te­gri­tät des Sports und der Olym­pi­schen Spie­le. Heu­te wol­len die Mit­glie­der des Exe­ku­tiv-Ko­mi­tees über Kon­se­quen­zen be­ra­ten. Für die Wada gibt es da nur ei­ne Mög­lich­keit. Sie rief den in­ter­na­tio­na­len Sport auf, auf rus­si­sche Ath­le­ten bei in­ter­na­tio­na­len Wett­kämp­fen, auch schon in Rio, zu ver­zich­ten, bis ein Kul­tur­wan­del voll­zo­gen wur­de. Das gel­te auch für das In­ter­na­tio­na­le Pa­ralym­pi­sche Ko­mi­tee (IPC). Be­reits am Sonn­tag hat­ten 20 Na­tio­na­le An­ti-Do­ping-Agen­tu­ren, dar­un­ter auch die deut­sche, ei­ne Null-To­le­ranz-Po­li­tik ge­for­dert. Was sa­gen die Rus­sen? „Funk­tio­nä­re, die in dem Be­richt als di­rekt Be­tei­lig­te ge­nannt wer­den, sol­len bis zum En­de der Un­ter­su­chun­gen sus­pen­diert wer­den“, kün­dig­te Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin in Mos­kau an. Zugleich for­der­te er von der Wada mehr ob­jek­ti­ve und auf Fak­ten ba­sie­ren­de In­for­ma­tio­nen. Er kri­ti­sier­te, dass der Be­richt auf den Aus­sa­gen ei­nes ein­zel­nen Men­schen mit ei­nem „skan­da­lö­sen Ruf“ba­sie­re. Er spiel­te auf Gri­go­ri Rod­schen­kow an, der die Un­ter­su­chun­gen ins Rol­len ge­bracht hat­te. Mas­si­ver ging Dmi­tri Swischt­sch­jow vor. „In­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen glau­ben Ver­leum­dern und Schur­ken wie Rod­schen­kow, der er­klärt hat, (Do­ping-)Pro­ben aus­ge­tauscht zu ha­ben“, sag­te der Vor­sit­zen­de des Sport­aus­schus­ses im Par­la­ment der rus­si­schen Agen­tur „Tass“. „Er soll­te fest­ge­nom­men und an un­se­re Jus­tiz aus­ge­lie­fert wer­den.“ Wer ist Gri­go­ri Rod­schen­kow? Der ehe­ma­li­ge Leicht­ath­let wur­de am 24. Ok­to­ber 1958 in Mos­kau ge­bo­ren. Nach ab­ge­schlos­se­nem Che­mie­stu­di­um war er ab 1985 im Mos­kau­er An­ti-Do­pingZen­trum, zu dem er 2006 nach ei­nem Ab­ste­cher zu pri­va­ten Com­pu­ter­und Ener­gie­fir­men zu­rück­kehr­te. Neun Jah­re lang war er Lei­ter des Zen­trums. Nach ei­ge­nen An­ga­ben ent­wi­ckel­te und steu­er­te Rod­schen­kow das Pro­gramm zur ver­bo­te­nen che­mi­schen Leis­tungs­stei­ge­rung. Als die Wada ihm im No­vem­ber 2015 vor­warf, mehr als 1400 Do­ping­pro­ben ver­nich­tet zu ha­ben, wech­sel­te er die Sei­ten und wur­de zum Kron­zeu­gen. Im Ja­nu­ar reis­te er nach Los An­ge­les, weil er an­geb­lich um sein Le­ben fürch­te­te. Wie ver­hält sich der Deut­sche Olym­pi­sche Sport­bund (DOSB)? „Das Aus­maß der nun be­stä­tig­ten Vor­wür­fe ist scho­ckie­rend“, sag­te Prä­si­dent Al­fons Hör­mann. „Da es sich of­fen­bar um staat­lich ge­lenk­te, sys­te­ma­ti­sche Ver­tu­schung von Do­ping und um Be­trug han­delt, müs­sen Sank­tio­nen ver­hängt wer­den bis hin zum mög­li­chen Aus­schluss wei­te­rer Sport­ar­ten oder so­gar des ge­sam­ten rus­si­schen NOKs“, er­klär­te er. „Wer die Wer­te des Sports wie Fair-Play und Chan­cen­gleich­heit auf die­se be­wuss­te Art mit Fü­ßen tritt, muss auf die Straf­bank.“Im Zu­ge der Sank­tio­nie­run­gen soll­te die Zu­kunft mit be­dacht wer­den, um dem rus­si­schen Sport die Chan­ce zu ge­ben, in den nächs­ten Jah­ren sei­ne An­ti­Do­ping-Ar­beit neu auf­zu­stel­len und die Hal­tung zum Do­ping zu än­dern. Wer hat den Be­trug ge­steu­ert? Bei dem im Re­port als „po­si­ti­ve Ver­tu­schungs-Me­tho­dik“be­zeich­ne­ten Be­trug hat das rus­si­sche Sport­mi­nis­te­ri­um die Ma­ni­pu­la­tio­nen der Tes­t­er­geb­nis­se und den Aus­tausch der Pro­ben ge­lenkt, kon­trol­liert und über­wacht. Der stell­ver­tre­ten­de Sport­mi­nis­ter Ju­ri Na­gor­ny sei über je­de po­si­ti­ve Pro­be in­for-

miert wor­den und ha­be dann über das Schick­sal des Sport­lers ent­schie­den. Dies traf ne­ben den Spie­len in Sot­schi auch auf die Leicht­ath­le­ti­kWM 2013 in Mos­kau und die Schwimm-WM 2015 in Ka­san zu. Ak­tiv be­tei­ligt wa­ren auch der Ge­heim­dienst (FSB), das Trai­nings­zen­trum der rus­si­schen To­p­ath­le­ten (CSP) so­wie Do­ping-La­bo­re in Sot­schi und Mos­kau. Über Jah­re hin­weg sei­en po­si­ti­ve Pro­ben ver­schwun­den, um ge­dop­te rus­si­sche Sport­ler zu schüt­zen. Was pas­sier­te in Sot­schi? Gri­go­ri Rod­schen­kow hat­te mit sei­nen Hin­wei­sen auf Be­trü­ge­rei­en die Er­mitt­lun­gen aus­ge­löst. Er hat­te zu­dem er­klärt, dass meh­re­re Dut­zend ge­dop­te Ath­le­ten an den Win­ter­spie­len teil­ge­nom­men hät­ten, dar­un­ter 15 Me­dail­len­ge­win­ner. Wäh­rend der Spie­le wur­den Do­ping­pro­ben durch ein Loch in der Wand in ei­nen Ne­ben­raum ge­ge­ben, wo sie ge­gen sau­be­re des Ath­le­ten aus dem Tief­küh­ler aus­ge­tauscht wur­den. Die­se wur­den zum Teil mit Salz ver­setzt, um die Dich­te fri­scher Ab­ga­ben zu si­mu­lie­ren. Die un­ge­wöhn­lich ho­he Salz­kon­zen­tra­ti­on, hö­her aös im Urin ge­sun­der Men­schen,

ha­be sich nach­wei­sen las­sen. McLa­ren er­klär­te auch, dass in al­len un­ter­such­ten Pro­ben auf der In­nen­sei­te des Ver­schlus­ses Spu­ren der Ma­ni­pu­la­tio­nen ge­fun­den wor­den wa­ren. Wo liegt das Pro­blem für den Sport? Oh­ne Zwei­fel sind die nun auf­ge­deck­ten Ma­chen­schaf­ten ein Tief­schlag. Die For­de­rung, den rus­si­schen Sport kom­plett zu sper­ren, birgt Ri­si­ken, denn der Ein­fluss auf den Welt­sport ist nach wie vor groß. An­de­rer­seits wür­de ein halb­sei­de­nes Han­deln die Glaub­wür­dig­keit des IOC er­schüt­tern, und es wä­re ein Af­front für die Ar­beit al­ler An­ti­Do­ping-Agen­tu­ren. Dies ist nicht mach­bar, soll der Kampf ge­gen Be­trü­ger im Sport noch ernst ge­nom­men wer­den. Ei­ne ma­xi­ma­le Ab­schre­ckung muss er­zielt wer­den. Wel­che Ent­schei­dun­gen noch be­vor? Das IOC muss über das Start­recht von Ju­lia Ste­pa­no­wa ent­schei­den, die maß­geb­lich an der Ent­lar­vung der rus­si­schen Leicht­ath­le­tik-Prak­ti­ken be­tei­ligt war. Bis Don­ners­tag will der Sport­ge­richts­hof (Cas) in Lau­sanne sein Ur­teil über die Kla­ge von 68 rus­si­schen Leicht­ath­le­ten ge­gen die durch den Welt­ver­band (IAAF) ver­häng­te Kol­lek­tiv­sper­re für Rio fäl­len.

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