Bun­te Wehr

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON HEL­MUT MICHELIS

DÜSSELDORF In der Kan­ti­ne des USHo­s­pi­tals in Land­stuhl schnappt der Be­su­cher spa­ni­sche Sprach­fet­zen auf. Ein Hin­weis dar­auf, dass das Mi­li­tär der USA Sol­da­ten aus Me­xi­ko, Hon­du­ras und an­de­ren Län­dern Latein­ame­ri­kas um­fasst. Rund 8000 Men­schen lockt jähr­lich das An­ge­bot, über den Ein­tritt in die Ar­mee nach fünf Jah­ren US-Bür­ger zu wer­den – ein Vor­bild für die deut­sche Bun­des­wehr, die es schwer hat, ih­re Soll­stär­ke zu er­rei­chen?

Ei­nen ent­spre­chen­den Spreng­satz in po­li­ti­schem Wort­sinn ent­hält das neue Weiß­buch zur Si­cher­heit der Bun­des­re­pu­blik: „Nicht zu­letzt bö­te die Öff­nung der Bun­des­wehr für Bür­ge­rin­nen und Bür­ger der EU nicht nur ein weit­rei­chen­des In­te­gra­ti­ons- und Re­ge­ne­ra­ti­ons­po­ten­zi­al für die per­so­nel­le Ro­bust­heit der Bun­des­wehr, son­dern wä­re auch ein star­kes Si­gnal für ei­ne eu­ro­päi­sche Per­spek­ti­ve“, heißt es. Das Do­ku­ment gilt als in der Re­gie­rung ab­ge­stimm­te Leit­li­nie für die künf­ti­ge deut­sche Si­cher­heits­po­li­tik.

Die Bun­des­wehr ist in­ter­na­tio­nal eng ver­netzt: Was im Ok­to­ber 1989 mit der Deutsch-Fran­zö­si­schen Bri­ga­de be­gann und 1995 um das Deutsch-Nie­der­län­di­sche Korps er­gänzt wur­de, ist 2014 un­ter Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Leyen um die Ein­glie­de­rung 2100 nie­der­län­di­scher Fall­schirm­jä­ger in die deut­sche Di­vi­si­on Schnel­le Kräf­te er­wei­tert wor­den. Auch die ers­te Pan­zer­di­vi­si­on in Nie­der­sach­sen wird durch Nie­der­län­der ver­stärkt. Deut­sche Sol­da­ten sol­len der pol­ni­schen Ar­mee un­ter­stellt wer­den, auf ei­nem nie­der­län­di­schen Kriegs­schiff Di­enst tun und die Bun­des­wehr-Ge­birgs­jä­ger mehr mit ös­ter­rei­chi­schen Ka­me­ra­den zu­sam­men­ar­bei­ten. Doch die Sol­da­ten tra­gen wei­ter­hin ih­re Uni­form mit nie­der­län­di­schen Ho­heits­ab­zei­chen, sind kei­ne An­ge­hö­ri­gen der Bun­des­wehr.

Kurz vor Aus­set­zung der Wehr­pflicht gab es Mo­del­le, wo­nach Nie­der­län­der, die in Deutsch­land le­ben, den Wehr­dienst auch in der Bun­des­wehr hät­ten ab­leis­ten kön­nen und deut­sche Staats­bür­ger im Nach­bar­land. Aber das blieb Theo­rie oder wa­ren Ein­zel­fäl­le. Denn die Ge­set­zes­la­ge wi­der­spricht ei­nem eu­ro­päi­schen An­satz: In der Bun­des­wehr dür­fen nur Deut­sche im Sinn des Ar­ti­kels 116 des Grund­ge­set­zes die­nen. Ar­ti­kel 12a sieht vor, dass Deut­sche ab dem 18. Le­bens­jahr zum Mi­li­tär ver­pflich­tet wer­den kön­nen. Die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht ist nicht ab­ge­schafft, son­dern aus­ge­setzt.

So ist die Skep­sis groß: Sol­dat­sein sei kein Be­ruf wie an­de­re, sagt der Deut­sche Bun­des­wehr­ver­band. „Die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit ist für uns ele­men­tar und muss es blei­ben – we­gen des be­son­de­ren ge­gen­sei­ti­gen Treue­ver­hält­nis­ses von Staat und Sol­dat so­wie auf­grund der ent­spre­chen­den Bin­dung an das Grund­ge­setz“, sagt der Vor­sit­zen­de An­dré Wüst­ner: „Die Be­reit­schaft, im Zwei­fel für das zu ster­ben, was im Kopf und Her­zen ist, kann nicht für je­den be­lie­bi­gen Staat oder Ar­beit­ge­ber gel­ten.“Zwar wird in der Bun­des­wehr au­ßer­halb des Di­ens­tes auch mal Rus­sisch ge­spro­chen; Sol­da­ten tra­gen aus­län­di­sche Na­men. Doch es sind Mi­gran­ten oder de­ren in Deutsch­land ge­bo­re­ne Nach­fah­ren mit deut­schem Pass.

His­to­risch ist es aber seit Jahr­hun­der­ten üb­lich ge­we­sen, Trup­pen durch Staats­bür­ger an­de­rer Na­tio­nen zu er­gän­zen: Das ers­te preu­ßi­sche Husa­ren­re­gi­ment et­wa be­stand 1721 aus pol­ni­schen Sol­da­ten, spä­ter ka­men Un­garn und Kroa­ten hin­zu. Zehn­tau­sen­de Afri­ka­ner dien­ten bis zum En­de des Ers­ten Welt­kriegs in deut­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen. Woran nicht gern er­in­nert wird: Wehr­macht und Waf­fen-SS wa­ren ein Schmelz­tie­gel der Na­tio­nen. Sie re­kru­tier­ten in den be­setz­ten Staa­ten jun­ge Män­ner, al­lein aus der So­wjet­uni­on rund ei­ne Mil­li­on.

Skep­ti­ker fürch­ten, dass die Pas­sa­ge im Weiß­buch das Tor zu ei­ner Frem-

Seit Jahr­hun­der­ten ist

es üb­lich ge­we­sen, Trup­pen durch Staats

bür­ger an­de­rer Na­tio­nen zu er­gän­zen

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