Al­lein ge­flo­hen, al­lein­ge­las­sen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON J. DREBES, B. MAR­SCHALL, G. MAYNTZ UND C. SCHWERDTFE­GER

Vor der Flücht­lings­wel­le war die nö­ti­ge auf­wen­di­ge Be­treu­ung von Min­der­jäh­ri­gen oh­ne Ver­wand­te op­ti­mal auf­ge­stellt, doch in­zwi­schen füh­len sich die zu­stän­di­gen Stel­len zu­neh­mend über­for­dert. Die Städ­te set­zen nun auf Is­lam­un­ter­richt.

BERLIN Ay­dan Özo­guz braucht nicht viel Fan­ta­sie, um sich vor­zu­stel­len, wel­che De­bat­te sich an dem Amok­lauf des jun­gen Asyl­be­wer­bers in Würz­burg ent­zün­den wird. „Aus die­ser Wahn­sinns­tat ei­nes 17-Jäh­ri­gen, der im­mer­hin ei­ne Pfle­ge­fa­mi­lie hat­te, kann man schwer­lich all­ge­mei­ne Schlüs­se auf Ter­ro­ris­mus oder die In­te­gra­ti­ons­po­li­tik in Deutsch­land zie­hen“, gibt die In­te­gra­ti­ons-Staats­mi­nis­te­rin (SPD) ges­tern zu Pro­to­koll. Da hat der Grü­nen-Po­li­ti­ker Omid Nou­ripour be­reits fas­sungs­los get­wit­tert: „Ar­bei­te seit Jah­ren mit un­be­glei­te­ten af­gha­ni­schen Ju­gend­li­chen. Wie er­klä­re ich Op­fern von Würz­burg, dass die al­ler­meis­ten nur Frie­den wol­len? Bit­ter.“

Ein Drit­tel al­ler Flücht­lin­ge in Deutsch­land ist min­der­jäh­rig. „Die meis­ten sind zwi­schen 15 und 17 Jah­re und männ­lich“, sagt Bir­git Nau­joks vom Flücht­lings­rat NRW. Die Ju­gend­äm­ter sind für die in­zwi­schen fast 70.000 un­be­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­lin­ge zu­stän­dig. Ei­ne im­men­se Stei­ge­rung, wie das Bei­spiel NRW zeigt: Hier le­ben laut Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um der­zeit 12.853 min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge, die un­be­glei­tet nach Deutsch­land ge­kom­men sind. Vor ei­nem Jahr wa­ren es 3500, im Jahr da­vor 2201.

„Vor der Mas­sen­mi­gra­ti­on des ver­gan­ge­nen Jah­res wa­ren die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge bun­des­weit sehr gut or­ga­ni­siert“, un­ter­streicht der Bun­des­ver­band für un­be­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge. Die Ver­sor­gungs­la­ge sei aus­rei­chend, die Be­treu­ung durch die Ju­gend­hil­fe eng­ma­schig und er­folg­ver­spre­chend ge­we­sen – „ins­be­son­de­re dann, wenn es um Trau­ma­the­ra­pi­en ging“. Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr sei­en die Ju­gend­li­chen aber auch in die Hän­de bis­her völ­lig un­er­fah­re­ner In­sti­tu­tio­nen ge­fal­len. Vie­le Ju- gend­äm­ter sei­en über­for­dert. „Die­se Min­der­jäh­ri­gen be­nö­ti­gen drin­gend ein sta­bi­les Um­feld, auch um dem Ri­si­ko ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung oder an­de­rer auf­fäl­li­ger Ver­hal­tens­wei­sen vor­zu­beu­gen“, lau­tet die Mah­nung des Ver­bands.

Nau­joks un­ter­streicht die­sen Be­fund. Die Min­der­jäh­ri­gen wür­den nach ih­rer Re­gis­trie­rung in den Lan­des­ein­rich­tun­gen in die Ob­hut der je­wei­li­gen Ju­gend­äm­ter ge­ge­ben. Nur in den we­nigs­ten Fäl­len er­hiel­ten sie ei­ne psy­cho­lo­gi­sche Be­treu- ung. „Da­bei bräuch­ten sie drin­gend Hil­fe. Vie­le sind trau­ma­ti­siert, ha­ben Ver­wand­te, Ge­schwis­ter, Freun­de oder El­tern im Krieg oder auf der Flucht ver­lo­ren“, be­tont Nau­joks. Be­trof­fe­ne Flücht­lin­ge müss­ten der­zeit bis zu zwei Jah­re auf ei­nen Ter­min beim psy­cho­lo­gi­schen Di­enst war­ten. „Es fehlt mas­siv an Per­so­nal. Nicht nur The­ra­peu­ten, son­dern auch Dol­met­scher sind nicht an­satz­wei­se in der Zahl vor­han­den, wie man sie be­nö­tigt“, kri­ti­siert Nau­joks.

Die Ju­gend­li­chen kom­men vor al­lem aus Sy­ri­en und Af­gha­nis­tan, lei­den oft nicht nur an schwe­ren Trau­ma­ta, son­dern sind im­mer wie­der auch mit ei­nem be­las­ten­den Auf­trag un­ter­wegs: Sie sol­len da­für sor­gen, dass ih­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen nach­kom­men kön­nen, oder ei­ne Be­schäf­ti­gung fin­den, um Geld in die Hei­mat schi­cken zu kön­nen. Das ist auf An­hieb in den sel­tens­ten Fäl­len zu schaf­fen, und so wächst die Ver­zweif­lung in ih­nen. Bei jun­gen af­gha­ni­schen Män­nern kommt zu- 2015 stell­ten 14.439 Min­der­jäh­ri­ge oh­ne er­wach­se­ne Be­gleit­per­son in Deutsch­land ei­nen Asy­l­erst­an­trag.

An­teil nach Her­kunfts­län­dern dem oft noch ein Kul­tur­schock hin­zu, der sie ab­drif­ten und Halt im Glau­ben su­chen lässt. Der Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­te­te be­reits En­de ver­gan­ge­nen Jah­res ver­stärk­te An­wer­be­ver­su­che ra­di­ka­ler is­la­mi­scher Grup­pen un­ter Flücht­lin­gen.

Des­halb set­zen Ver­tre­ter der Kom­mu­nen nun auf den Is­lam­un­ter­richt, bei dem es um die Darstel­lung ei­ner fried­li­chen und nicht ge­walt­tä­ti­gen Re­li­gi­on geht. „Es ist an­ge­mes­sen, Is­lam­un­ter­richt auch an staat­li­chen oder staat­lich kon­trol­lier­ten Schu­len an­zu­bie­ten“, sagt Gerd Lands­berg, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des. Die zu­neh­men­de Zahl un­be­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Flücht­lin­ge ge­ra­de aus mus­li­mi­schen Län­dern stel­le ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung dar. Der­zeit be­fän­den sich be­reits 68.100 Flücht­lin­ge im Al­ter von zu­meist 15 bis 17 Jah­ren in der Ob­hut der kom­mu­na­len Ju­gend­hil­fe. Jähr­li­che Kos­ten: rund 2,7 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Die ju­gend­li­chen Flücht­lin­ge sei­en be­reits re­la­tiv selbst­stän­dig und bräuch­ten nicht die Rund­um-Be­treu­ung, die schwer er­zieh­ba­re und kri­mi­nel­le Ju­gend­li­che be­kä­men. „Die Her­aus­for­de­run­gen lie­gen eher im Er­ler­nen der deut­schen Spra­che und in den kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen“, so Lands­berg.

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