Stellt die Kuh un­ter Denk­mal­schutz

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PO­LI­TIK - VON SE­BAS­TI­AN PE­TERS

Un­ser Au­tor wur­de in ei­nem Dorf groß, wo es Kü­he an je­der Ecke gab. Jetzt ar­bei­tet er in Meer­busch, wo es bald kei­ne ein­zi­ge Kuh auf der Wie­se mehr ge­ben könn­te. Ein Ap­pell an die Denk­mal­schüt­zer.

MEER­BUSCH/HAF­FEN Ich weiß, dass es al­les nicht so ein­fach ist, wie ich es mir aus­den­ke. Auch ich ha­be von Milch­quo­ten und But­ter­ber­gen ge­hört. Die sim­ple Re­gel von An­ge­bot und Nach­fra­ge leuch­tet mir ein. Ich ha­be auch die Fern­seh­bil­der ge­se­hen, wie Land­wir­te Milch vor Re­gie­rungs­ge­bäu­den aus­schüt­ten oder da­rin ba­den. Dass al­so im­mer mehr Bau­ern am Nie­der­rhein ih­re Hö­fe schlie­ßen oder ih­re Tie­re aus wirt­schaft­li­cher Not­wen­dig­keit in den Stall stel­len, will mir ein­leuch­ten. In ei­ner Welt aber, in der man kei­ne Kü­he auf der Wie­se se­hen kann, will ich nicht le­ben.

Stellt die Kuh un­ter Denk­mal­schutz! Ich for­de­re das nicht aus Tier­schutz­grün­den, son­dern aus rei­ner Freu­de an der Äs­t­he­tik: Sonst sind wir bald nur noch von Mais­stan­gen um­zin­gelt.

Ich kom­me vom nörd­li­chen rech­ten Nie­der­rhein, ei­nem Dorf süd­lich von Rees na­mens Haf­fen. Es gab dort in mei­ner Kind­heit kei­nen Su­per­markt, kei­nen Ki­osk. An man­chen Ta­gen wünsch­ten sich dort nicht mal Fuchs und Ha­se ei­ne gu­te Nacht. Da­für gab es Kü­he, vie­le Kü­he. Als ich jung war, ge­hör­te die schwarz-wei­ße Kuh, meist die der milch­star­ken Gat­tung Hol­steinRind, zum Land­schafts­bild. Sie stand auf dem Weg zum Fuß­ball­platz, sie stand am Deich, sie stand auf dem Hof des Orts­land­wir­tes. Und wenn wir für die sechs­köp­fi­ge Fa­mi­lie auf dem Hof ne­ben­an die Milch mit der Kan­ne hol­ten, dann mach­ten die Kü­he im­mer die­sen schön däm­li­chen Sound, den nur ei­ne Kuh ma­chen kann: „Muuuuh“. Im Grun­de gab es nur drei Ge­räu­sche in un­se­rem Dorf. Das Tu­ckern der Schif­fe vom Rhein, sams­tags die Ra­sen­mä­her und ste­tig die­ses be­ru­hi­gen­de „Muuuuh“– der Sound­track mei­ner Hei­mat.

Mein Fai­b­le für die Nie­der­rhein­kuh ist auch fa­mi­li­är be­dingt: Mein Va­ter kommt von ei­nem Bau­ern­hof, hat­te zehn Ge­schwis­ter, die die Bau­ern­tra­di­ti­on fort­führ­ten. Mei­ne Mut­ter kommt von ei­nem klei­nen Hof, auf dem im­mer drei Kü­he stan­den. Dass es auf Fa­mi­li­en­fei­ern im­mer ganz leicht nach Kuh roch, hat mich nie ge­stört. Wenn wir uns jetzt ein­mal jähr­lich mit al­len 45 Cou­si­nen und Cou­sins tref­fen, dann riecht es kaum noch nach Kuh. Das macht mir Sor­ge. Mir feh­len die Kü­he im nie­der­rhei­ni­schen Land- schafts­bild. Als wir un­längst mit dem Au­to in die Hei­mat fuh­ren, stell­te ich den Kin­dern zum Zeit­ver­treib die Auf­ga­be, Tie­re zu zäh­len. Ei­ne St­un­de dau­ert die Fahrt, wir ha­ben in die­ser Zeit bis zur An­kunft im Dorf nur zehn Kü­he ge­se­hen. Drei stan­den hin­ter Rhein­berg, sie­ben vor un­se­rem Dorf. Wir zähl­ten fast drei­mal so vie­le Pfer­de.

Es gibt wei­te­re Warn­hin­wei­se auf das Ver­schwin­den der Nie­der­rhein­kuh: In Meer­busch, mei­nen Ein­satz­ge­biet als Zei­tungs­re­dak­teur, droht es bald kei­ne ein­zi­ge Kuh auf der Wie­se mehr zu ge­ben. Vor 20 Jah­ren gab es dort noch 20 Milch­bau­ern. Zu­letzt wa­ren es noch vier: Ei­ner hat den Hof auf­ge­ge­ben, ein zwei­ter steht kurz da­vor. Ein drit­ter pro­phe­zeit, dass er mit der ge­gen­wär­ti­gen Milch­kri­se die Kuh- hal­tung auf­ge­ben müs­se. Und dann ist da noch der Bau­er, der 25 Milch­kü­he hat, des­sen Sohn aber den Be­trieb nicht fort­füh­ren will.

Es gibt na­tür­lich Grün­de da­für, dass die Kü­he nicht mehr drau­ßen ste­hen. Die Land­wir­te sind ge­zwun­gen, im­mer pro­duk­ti­ver zu wer­den. Neue Sta­tis­ti­ken des deut­schen Bau­ern­ver­ban­des lie­fern Auf­schluss: Mit der Men­ge an er­zeug­ten Nah­rungs­mit­teln konn­te ein Land­wirt im Jahr 1900 vier Per­so­nen er­näh­ren, 1950 wa­ren es schon zehn Per­so­nen, ak­tu­ell sind es 145 Per­so­nen. 4,3 Mil­lio­nen Milch­kü­he gibt es in Deutsch­land, ein Groß­teil ver­lässt den Stall nicht mehr. Der Kon­kur­renz des Land­wirts ist heu­te nicht mehr der Nach­bar­be­trieb, son­dern der Chi­ne­se. Kü­he müs­sen ef­fi­zi­en­ter wer­den. Des­halb ste­hen sie im Stall. An­dern­falls müss­te der Bau­er sie je­den Mor­gen auf die Wie­se schi­cken und zum Mel­ken wie­der her­ein­ho­len. Die Wie­se müss­te um­zäunt wer­den. Das kos­tet.

Ste­tig die­ses be­ru­hi­gen­de „Muuuuh“– das ist der Sound­track mei­ner Hei­mat Ir­gend­wann wer­den die Kin­der rund um Düs­sel­dorf nicht mehr wis­sen, wo­her die

Mil­ka kommt

Kei­ne Kuh mehr auf der Wie­se – wer will das? Ir­gend­wann wer­den die Kin­der rund um Düs­sel­dorf nicht mehr wis­sen, wo­her die Mil­ka kommt. Es ist al­so höchs­te Zeit, die Denk­mal­schüt­zer auf den Plan zu ru­fen. Je­der Plat­ten­bau wird heu­te un­ter Schutz ge­stellt, aber wenn es wirk­lich mal was zu schüt­zen gilt, den Nie­der­rhein in sei­ner schöns­ten Form – Schwarz-Weiß auf Grün – dann schweigt ihr Ex­per­ten! Da­bei gä­be es Ide­en: Wie wä­re es mit ei­nem Milch­tü­tene­ti­kett: „Milch von sicht­ba­ren Kü­hen“? Wie wä­re es mit ei­nem So­li­da­ri­täts­fonds?

Von un­se­rem Wohn­zim­mer­fens­ter schau­en wir auf ein gro­ßes Mais­feld. Bald wer­den dort die Pflan­zen wie­der ei­ne grü­ne Wand ge­bil­det ha­ben. Ich bin in mich ge­gan­gen, ha­be nach­ge­dacht und mei­ne es ernst: Ich wür­de 50 Eu­ro pro Jahr da­für ge­ben, dass auf dem Feld hin­ter un­se­ren Haus Kü­he ste­hen statt tau­sen­de Mais­pflan­zen.

FO­TO: STE­PHAN MAR­TENS

Ein Bild, das man nach Mei­nung un­se­res Au­tors Se­bas­ti­an Pe­ters im­mer sel­te­ner am Nie­der­rhein zu se­hen be­kommt: Kü­he auf ei­ner Wei­de.

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