Ent­schä­di­gung für Flug­gäs­te lan­det vor EuGH

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT -

Für ab­ge­sag­te Flü­ge oder gro­ße Ver­spä­tun­gen steht Rei­sen­den Geld von der Air­line zu. Aber der An­spruch steht oft nur auf dem Pa­pier, Air­lines wie­geln ger­ne ab. Aus der Durch­set­zung hat sich schon ein Ge­schäfts­zweig ent­wi­ckelt.

KARLS­RU­HE (dpa) Der Flug ge­stri­chen, der Flie­ger über­bucht, der An­schluss nicht mehr zu schaf­fen: Wenn die Ur­laubs­rei­se schon so be­ginnt, ist an Er­ho­lung kaum noch zu den­ken. Für grö­ße­re Unan­nehm­lich­kei­ten steht Pas­sa­gie­ren in der EU von der Air­line zu­min­dest ein fi­nan­zi­el­ler Aus­gleich zu. Oh­ne Hil­fe oder Dro­hung mit dem An­walt ist die­ses Geld aber oft nicht leicht zu be­kom­men. So man­cher Streit bringt auch die Rich­ter ins Gr­ü­beln. Ei­nen neu­en Fall lässt der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) des­halb in Lu­xem­burg ent­schei­den. Um was ging es ges­tern vor dem BGH ge­nau? Ein Ehe­paar mit sei­nen zwei Töch­tern for­dert 1600 Eu­ro von Tuif­ly we­gen ei­ner Pan­nen-Ur­laubs­rei­se auf die Ka­na­ri­schen In­seln. Die vier woll­ten 2012 von Hamburg nach Fu­er­teven­tura flie­gen. Dort ka­men sie 14 St­un­den zu spät an, weil sie beim Zwi­schen­stopp auf Gran Ca­na­ria ih­ren An­schluss nicht mehr er­wisch­ten. Der ers­te Flie­ger hat­te al­ler­dings nur ei­ne Ver­spä­tung von 20 Mi­nu­ten (Az.: X ZR 138/15). Wann ha­ben Rei­sen­de An­spruch auf ei­ne Aus­gleichs­zah­lung? Wenn sich die An­kunft um min­des­tens drei St­un­den ver­zö­gert, der Flug kurz­fris­tig aus­fällt oder trotz Bu­chung kein Platz an Bord ist. Das re­gelt seit 2005 ei­ne EU-Ver­ord­nung. Wie viel Geld es gibt, hängt von der Flug­stre­cke ab: Je nach Ent­fer­nung be­kommt der Pas­sa­gier 250, 400 oder 600 Eu­ro. Er muss das Geld ak­tiv von der Flug­ge­sell­schaft ein­for­dern. „Wenn kei­ne Ant­wort kommt, hat man wei­te­re Mög­lich­kei­ten“, er­läu­tert Rei­se-Ex­per­tin Ma­ri­on Jung­bluth vom Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len. Und wel­che Mög­lich­kei­ten ste­hen ver­är­ger­te Flug­gäs­te of­fen? Zum Bei­spiel der Gang zur Sch­lich­tungs­stel­le für den öf­fent­li­chen Per­so­nen­ver­kehr. Dort sind die Fall- zah­len zu­letzt stark ge­stie­gen. An sie kön­nen sich Flug­rei­sen­de seit No­vem­ber 2013 kos­ten­los wen­den, wenn der An­bie­ter nicht zahlt. Be­schwer­den zu Flü­gen ma­chen dort in­zwi­schen et­wa drei Vier­tel al­ler Fäl­le aus. Mit den 41 Air­lines, die sich an dem Ver­fah­ren be­tei­li­gen, be­müht sich die Sch­lich­tungs­stel­le um au­ßer­ge­richt­li­che Ei­ni­gun­gen – in neun von zehn Fäl­len mit Er­folg. Wie kön­nen Pas­sa­gie­re sonst zu ih­rem Recht kom­men? Oh­ne frem­de Hil­fe nur schwer. „Wenn die Air­line schreibt: ,Nein, Sie ha­ben lei­der kei­nen An­spruch‘, kann der Flug­gast al­lei­ne ja nicht nach­prü­fen, ob das nur ei­ne stra­te­gi­sche Aus­re­de ist“, sagt Ju­lia Roitsch von Fligh­tright. Das Potsdamer Un­ter­neh­men hat sich – wie an­de­re – dar­auf spe­zia­li­siert, Flug- gast­rech­te für Kun­den ge­gen Pro­vi­si­on durch­zu­set­zen. Be­son­ders oft klagt Fligh­tright nach ei­ge­nen An­ga­ben ge­gen Bil­lig-Air­lines wie Rya­nair und Ea­sy­jet. War­um gibt es so oft Streit? Für die Flug­ge­sell­schaf­ten geht es um viel Geld. Der Bun­des­ver­band der Deut­schen Luft­ver­kehrs­wirt­schaft be­zif­fert die jähr­li­chen Aus­ga­ben mit rund 132 Mil­lio­nen Eu­ro. Auf EU-Ebe­ne setzt er sich da­für ein, dass Pas­sa­gie­re erst ab fünf St­un­den Ver­spä­tung ei­nen Aus­gleich be­kom­men – ge­gen den Wi­der­stand von Ver­brau­cher­schüt­zern: „Das wür­de be­deu­ten, dass we­ni­ger als ein Pro­zent der Ver­spä­tun­gen noch zu An­sprü­chen füh­ren“, kri­ti­siert Jung­bluth. Ei­ne Re­vi­si­on der Ver­ord­nung liegt der­zeit oh­ne­hin auf Eis. Wie ste­hen die Chan­cen auf Ent­schä­di­gung für das Ehe­paar? Ähn­li­che Fäl­le ha­ben Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof und BGH im Sin­ne der Kun­den ent­schie­den. Maß­geb­lich sei, dass es am ei­gent­li­chen Ziel mehr als drei St­un­den Ver­spä­tung gibt. In dem Streit war aber nur der ers­te Flug von Tuif­ly, den zwei­ten hat­te der Rei­se­ver­an­stal­ter bei ei­ner an­de­ren Air­line ge­bucht. Muss Tuif­ly trotz­dem zah­len? Das ha­ben nun die Lu­xem­bur­ger Rich­ter zu klä­ren. Kein Geld gibt es, wenn Pro­ble­me auf un­be­ein­fluss­ba­re, „au­ßer­ge­wöhn­li­che Um­stän­de“zu­rück­ge­hen. So sah der BGH et­wa kei­nen An­spruch bei Aus­fäl­len oder Ver­spä­tun­gen, die von Streiks, Vo­gel­schlag oder ei­ner ver­zö­ger­ten Lan­de­er­laub­nis ver­ur­sacht wa­ren.

FO­TO: DPA

Ver­zö­ge­run­gen im Flug­ver­kehr gibt es häu­fig. An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ent­schä­di­gung ha­ben Flug­gäs­te aber erst, wenn sie drei St­un­den spä­ter lan­den als ge­plant. Ei­ni­ge Un­ter­neh­men hel­fen da­bei, das Geld auch zu be­kom­men.

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