In den Wei­ten Aus­tra­li­ens

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON DO­RO­THEE KRINGS FO­TO: DDP IMAGES

Die ers­te gro­ße Fahrt auf ei­ge­ne Faust ist ein bio­gra­fi­scher Ein­schnitt. Sie­ben Wo­chen hat un­se­re Au­to­rin an der Frei­heit ge­schnup­pert.

MEL­BOURNE Fern­weh ist ja die me­lan­cho­li­sche Va­ri­an­te des Frei­heits­drangs. Es zieht ei­nen fort aus al­lem Ver­trau­ten – aus Ent­de­cker­lust, aus Über­druss, aus dem Hang, sich be­wei­sen zu wol­len. Doch es ist eben ein Weh in die­ser Sehn­sucht nach dem Neu­en, es schwingt dar­in ein we­nig Ban­gig­keit mit. Oder viel­mehr ein selt­sa­mer Angst­ge­nuss, ei­ne heim­li­che Vor­freu­de auf den Ab­schieds­schmerz und das Durch­bei­ßen­müs­sen in der Frem­de. Heim­weh er­eilt ei­nen, zu Fern­weh ent­schließt man sich. Dar­um ist Heim­weh Lei­den, Fern­weh Lust.

Nach vier Se­mes­tern Grund­stu­di­um in der grund­so­li­den Ruhr­ge­biets­stadt Dort­mund hat­ten wir je­den­falls Fern­weh, mein Stu­di­en- wie nach Spa­ni­en oder Ti­rol. Ent­fernt ge­nug al­so, um den Be­we­gungs- und Denk­ra­di­us zwei­er Stu­den­ten ent­schei­dend zu er­wei­tern. Spä­ter im Le­ben soll­te ich ler­nen, dass Exo­tik kei­ne Fra­ge der Ent­fer­nung ist und man in Ost­eu­ro­pa Aben­teu­er­li­che­res er­lebt als im aus­tra­li­schen Out­back. Aber Syd­ney, Mel­bourne, das brö­ckeln­de Gre­at-Bar­ri­er-Koral­len­riff oder der mys­ti­sche Ay­ers Rock, der im Son­nen­un­ter­gang rot auf­glüht, das klang doch fern ge­nug.

Au­ßer­dem woll­ten wir sie­ben Wo­chen lang zel­ten, un­be­haust sein, un­ab­hän­gig und ganz nah bei der Na­tur. Da­zu ein Au­to mie­ten und die­se ein­sa­men schnur­ge­ra­den High­ways lang­fah­ren, die di­rekt in den blau­en Ho­ri­zont füh­ren. Die Welt ei­ne Schei­be, nur un­end­lich groß. Wir woll­ten ein­sam sein und un­ter frem­den Men­schen, woll­ten ein biss­chen ver­lot­tern, re­du­ziert auf den Be­sitz ei­nes Ruck­sack­vo­lu­mens, und se­hen, wie es ist, sich auf das We­sent­li­che zu kon­zen­trie­ren. Ein­fach da sein in der Ge­gen­wart. Neu­gie­rig. Mit der Selbst­ver­ständ­lich­keit, die nur jun­ge Men­schen ken­nen. Ich pack­te den „Ulys­ses“ein, so viel Wei­te emp­fand ich schon beim Pla­nen die­ser Rei­se. Wir wür­den Zeit ha­ben, un­end­lich viel Zeit.

Das Ver­rück­te ist: Es kam ge­nau so. Die ers­te ech­te Fern­rei­se mei­nes Le­bens war tat­säch­lich ei­ne Rei­se in die Frei­heit, in die land­schaft­li­che Wei­te, die ab­so­lu­te Selbst­be­stim­mung. Nichts und nie­mand dräng­te – das war die an­de­re Welt. Sie­ben Wo­chen lang la­sen wir abends im Kul­t­rei­se­füh­rer „Lo­nely Pla­net“, wo­hin uns der nächs­te Tag trei­ben könn­te. Und fuh­ren an­ders. Und na­tür­lich war­fen nicht die tou­ris­ti­schen Hö­he­punk­te die kost­ba­ren Er­in­ne­rungs­mo­men­te ab, son­dern das Un­schein­ba­re: beim Zel­ten von dem Ehe­paar ne­ben­an ans La­ger­feu­er ein­ge­la­den zu wer­den und zu er­le­ben, wie un­ter­neh­mungs­lus­tig und ver­liebt man mit­ein­an­der alt wer­den kann. Am Opern­haus von Syd­ney zu ste­hen und so ver­zau­bert zu sein von die­sem Bau­werk, dass man hin­ein muss, un­be­dingt, und sei’s zum Kam­mer­mu­sik­abend. Und sei’s in ab­ge­ris­se­nen Out­doorKla­mot­ten. In den Nort­hern Ter­ri­to­ries in ei­nem klei­nen La­den er­fah­ren, dass ei­ne Grup­pe von Abori­gi­nes am Abend jen­seits des Flus­ses Mu­sik ma­chen wird. Mit­ge­nom­men wer­den auf ei­nem Ge­län­de­wa­gen, weil der Fluss in der Nacht an­steigt. Und Kro­ko­di­le dar­in schlum­mern.

Oder in Cairns, ei­ner Kle­in­stadt im Nor­den von Queens­land, beim Roy­al Fly­ing Doc­tor Ser­vice um ein In­ter­view bit­ten, oh­ne Vor­an­mel­dung, oh­ne Auf­trag­ge­ber. Und an ei­nen Arzt ge­ra­ten, der nicht nur gern Aus­kunft gibt, son­dern zwei Jour­na­lis­tik­stu­den­ten aus Ger­ma­ny ein­fach im Flie­ger mit­nimmt, als ein No­t­ruf ein­trifft. Nie wer­de ich den Blick aus dem Cock­pit ver­ges­sen, weil man vorn in ei­nem Flug­zeug tat­säch­lich in den Him­mel star­tet. Der Pi­lot flog auf Sicht über das un­weg­sa­me Ge­län­de. Die Lan­de­bahn war ei­ne rotsan­di­ge Pis­te hin­ter ei­nem Farm­haus, die er erst in ei­ner Flug­schlei­fe aus dem Fens­ter be­gut­ach­ten muss­te, eher er run­ter­ging. Den Mann, der beim Was­ser­las­sen am We­ges­rand von ei­ner Schlan­ge ge­bis­sen wor­den war, brach­ten wir si­cher in die Stadt. Und na­tür­lich wa­ren wir noch wie be­nom­men, als wir schon wie­der durch die Stra­ßen von Cairns spa­zier­ten und so viel er­lebt hat­ten. So un­ver­hofft. Weil man in Aus­tra­li­en nicht erst nach Er­laub­nis, Auf­trag, Ver­si­che­rungs­schutz fragt, son­dern ei­nem an­de­ren ins Ge­sicht schaut. Und han­delt.

Ich er­in­ne­re mich an men­schen­lee­re Strän­de, Wölk­chen wie an den Him­mel ge­flockt, den end­lo­sen wei­ßen Sand, dar­in kei­ne Spur. Und nicht ein­mal frag­ten wir uns, was sein wür­de, wenn uns jetzt im Was­ser et­was pas­sier­te. Ich weiß noch, wie wir auf ei­nem Fels hock­ten nach dem Ba­den, auf das Was­ser blick­ten. Plötz­lich spra­chen wir über die Zu­kunft, was sein wür­de nach der Heim­kehr. In zehn Jah­ren. In zwan­zig Jah­ren. Für Mo­men­te spür­ten wir, dass wir ei­ne sol­che Frei­heit im Le­ben nicht mehr er­le­ben wür­den. Und schwo­ren uns, zu­min­dest die Sehn­sucht da­nach nicht zu ver­lie­ren.

Wir ha­ben an­ders ge­lebt in Aus­tra­li­en. Wir sind an­ders zu­rück­ge­kehrt. Von der Frei­heit zu kos­ten, macht emp­find­sa­mer für die En­ge da­nach. Macht rast­lo­ser. Und hilft, rich­ti­ger zu le­ben.

Blick über die Re­gi­on Cairns im aus­tra­li­schen Bun­des­staat Queens­land.

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