Ei­ge­ne Spra­che, ei­ge­ne Re­geln, ei­ge­ne Welt

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN - VON WOLF­GANG KAES

BONN Er­in­nern Sie sich noch an Ih­re Füh­rer­schein­prü­fung? Das Ein­par­ken un­ter dem stren­gen Blick des Prü­fers, die Schweiß­trop­fen auf der Stirn. Und das Büf­feln für die Theo­rie, all die Vor­fahrts­re­geln und Ver­kehrs­zei­chen. Stel­len Sie sich nun vor, Sie steu­ern nicht Ih­ren mit zwei Kof­fern be­la­de­nen, mit Ser­vo­len­kung und ABS aus­ge­stat­te­ten Pkw über Deutsch­lands Land­stra­ßen, son­dern ein 185 Me­ter lan­ges, 17 Me­ter brei­tes, mit 300 Con­tai­nern be­la­de­nes Mon­strum über ei­ne der ver­kehrs­reichs­ten Bin­nen­was­ser­stra­ßen der Welt. Dann ah­nen Sie vi­el­leicht, war­um Sie sich erst nach drei Jah­ren Fahrt als Ma­tro­se zur Prü­fung für das Rhein­schif­fer­pa­tent an­mel­den dür­fen. Und die­ses Pa­tent gilt nur für ex­akt den Stre­cken­ab­schnitt (in­klu­si­ve Ne­ben­flüs­sen und Ka­nä­len), den Sie als Ma­tro­se in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren re­gel­mä­ßig und nach­weis­lich be­fah­ren ha­ben.

Täg­lich pas­sie­ren im Schnitt 400 Schif­fe die Stadt Köln, rund 600 die deutsch-nie­der­län­di­sche Gren­ze – pri­vat ge­nutz­te Klein­fahr­zeu­ge (un­ter 20 Me­tern) wie Ka­nus, Ru­der­boo­te, Se­gel­jol­len, Jets­kis oder Sport­boo­te gar nicht mit­ge­rech­net. Dass da nicht mehr Un­fäl­le pas­sie­ren – je­den­falls deut­lich we­ni­ger als auf den Stra­ßen an Land – hat auch mit der bein­har­ten Prü­fung zum Rhein­schif­fer­pa­tent zu tun: Künf­ti­ge Ka­pi­tä­ne müs­sen auf dem Stre­cken­ab­schnitt, für den sie zu­ge­las­sen wer­den möch­ten, je­de Bo­je, je­de Bie­gung, je­den Brü­cken­pfei­ler im Schlaf her­un­ter­be­ten kön­nen – gleich, ob sie spä­ter ei­nen bis zu 185 Me­ter lan­gen Schub­ver­band, ein Tank­schiff, ei­nen Schütt­gut­frach­ter, ein Aus­flugs­schiff der Wei­ßen Flot­te mit 200 Pas­sa­gie­ren an Bord, ein schwim­men­des Ho­tel oder ei­ne Fäh­re steu­ern.

An Land re­gelt die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung den Ver­kehr; auf dem Was­ser (vom Main-Do­nau-Ka­nal bis zur El­be vor Hamburg, von der Oder bis zum Dort­mund-Ems-Ka­nal) ist dies die Bin­nen­schiff­fahrts- Steue­rung Das Ru­der ei­nes Schif­fes re­agiert nur trä­ge und mit Ver­zö­ge­rung auf Lenk- und Ge­gen­lenk­be­we­gun­gen. Und im Rück­wärts­gang über­haupt nicht, weil dann die Schrau­be das Ru­der­blatt nicht an­strömt. Bei Vor­wärts­fahrt gilt: Je lang­sa­mer sich die Schrau­be dreht, des­to schwä­cher fällt die Len­kleis­tung aus. Au­ßer­dem hat ein Schiff kei­ne Brem­se – aber der Rhein ei­ne Fließ­ge­schwin­dig­keit von durch­schnitt­lich fünf bis sechs St­un­den­ki­lo­me­ter, bei Hoch­was­ser deut­lich mehr. Der Schiffs­füh­rer muss stets hoch­kon­zen­triert sein, vor­aus­den­ken und sich früh­zei­tig für ei­nen Kurs ent­schei­den, will er nicht den nächst­bes­ten Brü­cken­pfei­ler ram­men. Ver­kehrs­schil­der Den Kurs Rich­tung Fluss­mün­dung nennt man Tal­fahrt, Rich­tung Qu­el­le Berg­fahrt. Fahr­was­ser heißt das Was­ser, das Schif­fe (je nach Tief­gang und auf ei­ge­nes Ri­si­ko) nut­zen dür­fen, Fahr­rin­ne hin­ge­gen je­ner Teil des Fahr­was­sers, für de­ren Was­ser­tie­fe sich die Was­ser- und Schiff­fahrts­äm­ter ver­bür­gen und per Aus­bag­gern si­cher­stel­len. Die Fahr­rin­ne kenn­zeich­net ke­gel­för­mi­ge grü­ne und zy­lin­dri­sche ro­te Bo­jen (im Nau­tik-Jar­gon: Ton­nen, Be­ton­nung). In Blick­rich­tung Mün­dung be­gren­zen ro­te Ton­nen den rech­ten Rand der Fahr­rin­ne, so­bald die nicht bis ans Ufer reicht, grü­ne Ton­nen den lin­ken Rand. Rot-grün-ge­streif­te Ton­nen zei­gen ei­ne Zwei­tei­lung der Fahr­rin­ne an. Ei­ne wei­te­re wich­ti­ge Far­be: Gel­be Ton­nen zei­gen Ge­fah­ren­zo­nen an, et­wa Brü­cken­pfei­ler. Man­che sind mit Re­flek­to­ren aus­ge­stat­tet, da­mit sie nachts per Ra­dar sicht­bar sind. Ge­gen­ver­kehr Von Duis­burg-Ehin­gen bis zur nie­der­län­di­schen Gren­ze gilt wie auf Au­to­stra­ßen ein Rechts­fahr­ge­bot (Be­geg­nung Back­bord an Back­bord) – auf dem lan­gen Ab­schnitt von der Neck­ar­mün­dung bis Duis­burg aber nicht. Hier hat der Berg­fah­rer das Wei­sungs­recht und ent­schei­det, auf wel­cher Sei­te ihn der Tal­fah­rer pas­sie­ren darf. Sol­len sich zwei Schif­fe an Steu­er­bord (Links­ver­kehr) be­geg­nen, klappt der Berg­fah­rer an Steu­er­bord (rech­te Sei­te des Schif­fes) ei­ne blaue qua­dra­ti­sche Ta­fel aus. Die ist ge­kop­pelt mit ei­nem wei­ßen Blink­licht für die Nacht­fahrt (im Nau­tik-Jar­gon: Fun­kel­licht). Der Tal­fah­rer gibt nun das­sel­be Si­gnal, um dem Berg­fah­rer zu zei­gen: Ich ha­be dich ver­stan­den und än­de­re mei­nen Kurs. Die Re­ge­lung stammt noch aus der Zeit der schwach mo­to­ri­sier­ten Dampf­schif­fe, da­mit die sich bei der Berg­fahrt das strö­mungs­ärms­te Was­ser aus­su­chen konn­ten.

Wenn Sie es al­so mal abends auf dem Was­ser weiß blin­ken se­hen, wis­sen Sie, was es da­mit auf sich hat. Soll­te es al­ler­dings blau blin­ken, dann ist es – wie an Land – die Po­li­zei, in die­sem Fall die Was­ser­schutz­po­li­zei. Kenn­zei­chen Schif­fe tra­gen fan­ta­sie­vol­le Na­men und wer­den bei Ei­g­ner-Wech­seln auch ger­ne schon mal um­ge­tauft. Für Pro­fis wich­ti­ger ist je­doch die an drei Sei­ten des Schif­fes an­zu­brin­gen­de acht­stel­li­ge ENI-Num­mer (Eu­ro­pean Num­ber of Iden­ti­fi­ca­ti­on), ver­gleich­bar mit dem Kf­zKenn­zei­chen. Fer­ner fin­den Sie an bei­den Schiffs­sei­ten An­ga­ben zu Län­ge, Brei­te und Ton­na­ge (ma­xi­ma­le Zu­la­dung) bzw. bei Pas­sa­gier­schif­fen die ma­xi­ma­le Per­so­nen­zahl. Und meist am Heck den Na­men des Hei­mat­ha­fens. Wun­dern Sie sich nicht, wenn sie am Heck den Na­men Val­let­ta le­sen: Die Haupt­stadt des In­sel­staa­tes Mal­ta als Hei­mat­ha­fen lockt mit steu­er­li­chen und recht­li­chen Vor­tei­len – auch wenn ein sol­ches Bin­nen­schiff tech­nisch gar nicht in der La­ge wä­re, je­mals das Mit­tel­meer an­zu­lau­fen.

Täg­lich pas­sie­ren 400 Schif­fe die Stadt Köln, rund 600 die deutschnie­der­län­di­sche Gren­ze. Dass da nur we­nig pas­siert, ist kein Wun­der, son­dern das Er­geb­nis stren­ger Vor­schrif­ten.

Be­leuch­tung Schif­fe ver­ra­ten selbst in stock­dunk­ler Nacht ei­ne Men­ge über sich und ih­re Fracht (sie­he un­ten). Nach Ein­bruch der Däm­me­rung ist an der Steu­er­bord­sei­te (die rech­te Sei­te des Schif­fes in Fahrt­rich­tung) ein grü­nes Licht, an der Back­bord­sei­te (lin­ke Sei­te) ein ro­tes Licht ein­zu­schal­ten. So kön­nen Sie auch in ab­so­lu­ter Fins­ter­nis rasch er­ken­nen, ob der Schub­ver­band vor Ih­nen den­sel­ben Kurs wie Sie fährt – oder aber fron­tal auf Sie zu­steu­ert. Ei­ne le­bens­wich­ti­ge In­for­ma­ti­on. Tur­bo-Fahrt Fracht­schif­fe be­tä­ti­gen sich ger­ne schon mal als Wel­len­rei­ter. Wenn es fluss­auf­wärts und über den gro­ßen Ne­ben­flüs­sen wie Neckar, Main oder Mo­sel hef­tig reg­net, steigt der Rhein nicht sel­ten in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge um zwei Me­ter; kur­ze Zeit spä­ter ist die Wel­le durch. Er­fah­re­ne Fracht­schif­fer nut­zen das Phä­no­men, la­den für die an­ste­hen­de Tal­fahrt mehr als ge­wöhn­lich und sur­fen auf der Wel­le fluss­ab­wärts. Bei Nied­rig­was­ser ge­nügt Schif­fen (gleich wel­cher Grö­ße) not­falls 30 Zen­ti­me­ter Flott­was­ser zwi­schen Kiel und Grund. Die Hu­pe Ob Sport­boot-Füh­rer­schein, Bin­nen- oder gro­ßes Rhein­schif­fer­pa­tent: Aspi­ran­ten müs­sen 15 ver­schie­de­ne akus­ti­sche Si­gna­le be­herr­schen, die sich aus kur­zen (ei­ne Se­kun­de) und lan­gen Tö­nen (vier bis sechs Se­kun­den) zu­sam­men­set­zen. Be­nutzt wer­den sie in der ge­werb­li­chen Schiff­fahrt in Zei­ten des per­ma­nen­ten UKW- Funks aber nur noch sel­ten – au­ßer ge­le­gent­lich das Ach­tung-Si­gnal (ein lan­ger Ton).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.