Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Lüg­ner. Sel­ten so ge­lacht. Du bist wie­der im Spiel, und ich für mei­nen Teil bin froh dar­über. Wen bringt sie denn mit?“, er­wi­der­te Lau­rence. „Ich weiß nicht ge­nau“, ant­wor­te­te Ja­mes. Als er sich aus­mal­te, wie Lau­rence sich mög­li­cher­wei­se be­neh­men wür­de, schau­der­te ihm ein we­nig.

Ei­gent­lich hat­te Loz recht. Wenn man den Me­di­en­hype und die St­ar­be­set­zung bei­sei­te­ließ, war Rei­bungs­ver­lus­te in Ja­mes’ Au­gen nichts wei­ter als ei­ne gi­gan­tisch auf­ge­bla­se­ne Zeit­ver­schwen­dung. Au­ßer­dem han­del­te das Stück da­von, dass ei­ne Lie­bes­be­zie­hung ein Ding der Un­mög­lich­keit war – ein The­ma, auf das er im Mo­ment gut ver­zich­ten konn­te.

Doch die Kar­ten schrien nach ei­nem Ab­neh­mer, und kei­ner, der an die­sem Tag Zeit hat­te, war über drei­ßig oder sah Sinn dar­in, sich ein Event rein­zu­zie­hen, in dem we­der 3-D-Ani­ma­tio­nen vor­ka­men noch mit CGI-Tech­nik er­zeug­te flie­gen­de Klum­pen oder Ja­son Stat­ham ei­ne Rol­le spiel­ten.

Ja­mes hat­te geg­rum­melt, dass es Ver­schwen­dung sei, die Kar­ten für Rei­bungs­ver­lus­te ein­fach ver­fal­len zu las­sen, wes­halb man sie we­nigs­tens ans Don­mar zu­rück­ge­ben soll­te. Doch dann war ihm der zün­den­de Ge­dan­ke ge­kom­men, gleich meh­re­re Flie­gen mit ei­ner Klap­pe zu schla­gen. Und da­zu ge­hör­te nicht zu­letzt der Ta­ges­ord­nungs­punkt Ja­mes, hör auf, zu Hau­se rum­zu­sit­zen wie ein Trau­er­kloß und dei­ner Ver­flos­se­nen nach­zu­heu­len.

Au­ßer­dem war er An­na für ih­re Hil­fe in der Lu­ther­ga­te-Af­fä­re et­was schul­dig. Erst bei der Jagd nach dem däm­li­chen Mist­vieh war ihm so rich­tig klar ge­wor­den, dass der Tod des Ka­ters das En­de von al­lem sym­bo­li­siert hät­te, was Ja­mes mit Eva ver­band. Vi­el­leicht nicht nur sym­bo­li­siert, son­dern tat­säch­lich her­bei­ge­führt. Sie wä­re aus­ge­flippt.

Bei­na­he hät­te er An­na da­vor ge­warnt, dass Lau­rence auf der Pirsch war, sich aber dann da­ge­gen ent­schie­den, weil es ihm ein we­nig gön­ner­haft er­schien. Schließ­lich war sie ei­ne Frau über drei­ßig und kein Schul­mäd­chen mehr. Au­ßer­dem hat­te Lau­rence beim Klas­sen­tref­fen kei­nen Hehl aus sei­nen amou­rö­sen Ab­sich­ten ge­macht. Und nach ih­rem bis­he­ri­gen Auf­tre­ten zu ur­tei­len konn­te sie sehr gut auf sich selbst auf­pas­sen. Je­mand tipp­te ihm auf die Schul­ter: An­na mit dem schwar­zen Haar und den strah­len­den Au­gen. Sie trug wie­der den grau­en Man­tel, in dem sie wie ei­ne Stu­den­tin aus­sah. Was für ei­ne Wohl­tat, nach­dem er ei­ne St­un­de lang Lau­rence’ Schlüpf­rig­kei­ten und Bü­ro­klatsch hat­te er­dul­den müs­sen.

Sie war in Be­glei­tung ei­ner Freun­din, die sie als Mi­chel­le vor­stell­te, und ih­rer Schwes­ter Ag­gy. Mi­chel­le hat­te ein of­fe­nes Ge­sicht, ei­ne un­glaub­lich aus­la­den­de Ober­wei­te und kur­zes, schar­lach­rot ge­färb­tes Haar. Auch wenn sie schwieg, wirk­te ih­re Mie­ne, als lä­ge ihr ei­ne spit­ze Be­mer­kung auf der Zun­ge. Ja­mes hät­te nicht ver­mu­tet, dass An­na je­man­den wie Mi­chel­le zu ih­ren Freun­din­nen zähl­te.

An­nas Schwes­ter konn­te ihr Ja­mes’ An­sicht nach op­tisch nicht das Was­ser rei­chen, war da­für aber auf­ge­styl­ter und stark ge­schminkt. Sie spru­del­te förm­lich über von je­nem leb­haf­ten ober­fläch­li­chen Ge­plau­der, das man­che Män­ner als so sprit­zig emp­fan­den. Auf an­de­re wie­der­um wirk­te es eher er­mü­dend. Ja­mes zähl­te sich zur letz­te­ren Ka­te- go­rie.

War es Ein­bil­dung, oder mus­ter­ten die bei­den Frau­en ihn mit leicht feind­se­li­ger Mie­ne?

Lau­rence riss hin­ter ih­ren Rü­cken in ge­spiel­ter Ver­zü­ckung die Au­gen auf, als sie an die Bar gin­gen, um sich et­was zu trin­ken zu ho­len. Ja­mes krampf­te sich der Ma­gen zu­sam­men. Bit­te, führ dich jetzt nicht auf wie ein Ar­sch­loch.

„Die Schwes­ter könn­te auch ein in­ter­es­san­tes Ziel­ob­jekt sein.

Was die Drit­te be­trifft, bin ich nicht so si­cher – ma­xi­mal zu­läs­si­ges Über­ge­päck. Ziem­lich auf­ge­pols­tert. Und was ist das für ei­ne Haar­far­be? Sieht aus wie Russ Ab­bot in sei­ner Schot­ten­rol­le“, raun­te Lau­rence.

„Loz“, zisch­te Ja­mes. Sei­ne Wan­gen fin­gen an zu glü­hen.

Lau­rence lach­te auf. Of­fen­bar ver­stand er Ja­mes’ Ein­wand als War­nung, dass Mi­chel­le das vi­el­leicht ge­hört ha­ben könn­te. Nicht et­wa als Zei­chen von Ver­le­gen­heit oder als Pro­test, weil er so ei­nen Schwach­sinn re­de­te.

„Ich ha­be ei­ne Fra­ge an dich“, mein­te Lau­rence zu An­na, als sie wie­der bei­sam­men­stan­den. „Wie war denn die Ab­schieds­fei­er dei­ner Cou­si­ne Beth?“

„Oh. Äh . . .“An­na mach­te ein ver­dat­ter­tes Ge­sicht. Ih­re Schwes­ter zog die Au­gen­braue hoch, und Ja­mes hät­te schwö­ren kön­nen, dass ih­re Lip­pen die Wor­te „Wer ist Beth?“form­ten.

„Du bist gar nicht hin­ge­gan­gen! Du hast uns ei­nen Korb ge­ge­ben, und dann bist du ab­ge­hau­en!“

An­na starr­te ihn wei­ter ver­wun­dert an, wäh­rend Lau­rence fort­fuhr: „Aber das Schick­sal hat dich und mich noch ein­mal zu­sam­men­ge­führt.“

„Oder Ja­mes“, ent­geg­ne­te An­na, als sie die Spra­che wie­der­ge­fun­den hat­te.

„Nun, das Schick­sal hat euch bei­de im Job zu­sam­men­ge­führt, al­so ist er der Schick­sals­bo­te“, er­wi­der­te Lau­rence. „Der Ver­wal­ter des Schick­sals so­zu­sa­gen. Sein But­ler, wenn man will.“Ja­mes lä­chel­te ver­knif­fen und dach­te, dass das SWort, das Lau­rence ge­ra­de im Kopf her­um­spuk­te, wohl kaum Schick­sal lau­te­te.

Oh, mein Gott, war das Stück ka­ta­stro­phal. Ein­fach nur grot­ten­schlecht. Mit je­der Mi­nu­te ver­sank Ja­mes tie­fer in sei­nem Sitz. Gu­te Plät­ze? Bei die­sem Her­um­ge­stüm­pe­re auf der Büh­ne konn­te man sich nur in die letz­te Rei­he wün­schen.

Kein Wun­der, dass kaum noch je­mand ins Thea­ter ging. Am liebs­ten hät­te Ja­mes den Kul­tur­aus­schuss an­ge­ru­fen, um sich zu be­schwe­ren.

Und das Schlimms­te war, dass er sich als Be­schaf­fer der Kar­ten ge­wis­ser­ma­ßen fremd­schäm­te. So als ob die­ser Mist auf sein Kon­to gin­ge.

Da­zu kam, o Graus, dass die Schau­spie­ler mit Vor­lie­be nackt her­um­lie­fen. Er wä­re ger­ne vor­ge­warnt wor­den, dass der klei­ne Dylan Kelly (al­so, der ganz klei­ne) mehr­fach öf­fent­lich auf­tre­ten wür­de. Ja­mes ver­such­te, gleich­mü­tig in Rich­tung Büh­ne zu bli­cken, wenn Dylan sein bes­tes Stück prä­sen­tier­te, um bloß nicht wie ein prü­der Kunst­ver­äch­ter da­zu­ste­hen. Ver­stoh­len warf er ei­nen Sei­ten­blick auf sei­ne Sitz­nach­barn. An­nas Schwes­ter schien im­mun ge­gen die Ab­scheu­lich­kei­ten des Stücks und starr­te ge­bannt hin. Die Lip­pen leicht ge­öff­net und die Au­gen auf­ge­ris­sen, saug­te sie wie in Tran­ce je­des Wort auf, das auf der Büh­ne fiel.

(Fort­set­zung folgt)

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