Glücks­fin­der trifft auf Mär­chen­er­zäh­le­rin

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON KAT­HA­RI­NA PAVLUSTYK

Die Düs­sel­dor­fe­rin Bir­git Fritz er­zählt dem Schwei­zer Andre­as Gre­go­ri von ih­rer Be­ru­fung.

Oft neh­men Lebensläufe ei­nen Zick­zack­kurs. Und nicht sel­ten ist dies ge­nau das Rich­ti­ge, um zu sei­ner wah­ren Be­ru­fung oder zu sei­nem Glück zu ge­lan­gen. Die­se Er­fah­rung hat Bir­git Fritz (50) ge­macht. Die Düs­sel­dor­fe­rin er­zählt Ge­schich­ten – das ist ihr Job, den sie als den schöns­ten Be­ruf der Welt be­zeich­net. Im „Glück­fin­der“-Wohn­mo­bil von Andre­as Gre­go­ri, der Men­schen in­ter­viewt, die ihr Glück ge­fun­den ha­ben, be­rich­tet sie von ih­rem Weg dort­hin, der al­les an­de­re als ge­ra­de ver­lief.

Seit sie den­ken kann, hat Fritz schon gern Ge­schich­ten er­zählt, in ih­rem Kopf Fan­ta­sie­wel­ten er­schaf­fen. Vier oder fünf Jah­re alt war sie, als sie ent­schied, sie wür­de ein­mal Mär­chen­er­zäh­le­rin wer­den. „Ich ha­be mich mit grau­en Haa­ren in ei­nem Lehn­stuhl ge­se­hen – mit vie­len Kin­dern um mich her­um, die mir zu­hö­ren“, sagt die ge­bür­ti­ge Ra­tin­ge­rin. Doch in ei­nem Al­ter, in dem die Be­rufs­wahl nä­her­rück­te, hör­te sie auf ih­ren Va­ter, der ihr riet, et­was „An­stän­di­ges“zu ler­nen. Bir­git Fritz ließ sich al­so zur haus­wirt­schaft­lich-tech­ni­schen As­sis­ten­tin aus­bil­den – und stell­te fest, dass sie ei­ne Haut­schwä­che hat: Che­mi­ka­li­en aus Rei­ni­gungs­mit­teln ge­lan­gen über ih­re Haut so­fort in den Or­ga­nis­mus. Sie ori­en­tier­te sich neu, ver­kauf­te Kin­der­klei­dung und - spiel­zeug, zu­letzt als stell­ver­tre­ten­de Ab­tei­lungs­lei­te­rin – bis ih­re Stel­le weg­ra­tio­na­li­siert wur­de.

Und wie­der ein Neu­an­fang, dies­mal als Er­zie­he­rin. Fritz mach­te noch ei­ne Aus­bil­dung und fühl­te sich wohl, vor al­lem, wenn sie den Mäd­chen und Jun­gen vor dem Mit­tags­schlaf Ge­schich­ten er­zähl­te. Doch zwei Be­triebs­un­fäl­le – ei­ner da­von ein Trep­pen­sturz, bei dem ih­re Wir­bel­säu­le ver­letzt wur­de – zwan­gen sie ein wei­te­res Mal zum Um­den­ken. Schon in ih­rer Zeit als Er­zie­he­rin hat­te die heu­te 50-Jäh­ri­ge ei­ne Fort­bil­dung zur Mär­chen­er­zäh­le­rin ge­macht und setz­te al­les auf ei­ne Kar­te: Aus der Fest­an­stel­lung her­aus mach­te sie sich selbst­stän­dig. Das war An­fang 2007.

Be­den­ken, dass das Gan­ze nicht funk­tio­nie­ren und sie als Er­zäh­le­rin schei­tern könn­te, hat­te sie nie. „Das war der nächs­te Schritt, den ich ge­hen woll­te – ge­hen muss­te“, sagt sie. Ihr Va­ter ha­be kurz ge­zwei­felt. „Aber als er ge­hört hat, wie ich er­zäh­le, sag­te er: ,Wenn es ei­ne schafft – dann du’“, be­rich­tet Fritz. Ei­ne schö­ne An­er­ken­nung für die en­er­gi­sche Frau mit den leuch­ten­den Au­gen. En­de 2007 starb ihr Va­ter.

Bir­git Fritz tut nun im zehn­ten Jahr das, was sie am liebs­ten tut: Ge­schich­ten er­zäh­len. Ei­ge­ne Ge­schich­ten und die an­de­rer Au­to­ren. Lus­ti­ge und trau­ri­ge Ge­schich­ten. My­then, Volks­lie­der, Ge­dich­te, Mär­chen, Er­zäh­lun­gen. Et­wa 180 hat sie im Re­per­toire, die sie Kin­dern und Er­wach­se­nen er­zählt. Ba­bys ab sechs Mo­na­ten, die vor al­lem auf ih­re Mi­mik und Stim­me ach­ten. Se­nio­ren, die die Fan­ta­sie­rei­se be­son­ders ge­nie­ßen. Fritz sieht sich als Rei­se­lei­te­rin für ge­dank­li­che Aben­teu­er, als Tür­öff­ne­rin für Ge­fühls­wel­ten – egal, wel­ches Al­ter die Zu­hö­rer ha­ben. Sie ist glück­lich, weil sie liebt, was sie tut.

Und ge­nau sol­che Men­schen in­ter­viewt Andre­as Gre­go­ri (39): Men­schen, die ihr Glück ge­fun­den ha­ben. Oft über Um­we­ge, so wie er selbst. Denn auch Gre­go­ri, der heu­te in der Schweiz lebt, hat in sei­nem frü­he­ren Le­ben et­was „An­stän­di­ges“ge­macht. Er hat­te sich nach sei­nem BWL-Stu­di­um bis in die Ge­schäfts­füh­rung ei­nes mit­tel­gro­ßen In­dus­trie­un­ter­neh­mens hoch­ge­ar­bei­tet – und den Spaß für die Zeit als Pen­sio­när auf­ge­spart. Heu­te er­zählt auch er Ge­schich­ten. Ge­schich­ten, die Mut ma­chen und zei­gen sol­len, dass je­der von uns sein Glück oder sei­ne Be­ru­fung le­ben kön­ne. Man muss nur wol­len.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.