Er­do­gan sus­pen­diert 50.000 Be­am­te

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON FRANK NORD­HAU­SEN

Der tür­ki­sche Staats­chef greift hart durch, um das Land von den An­hän­gern der Gü­len-Be­we­gung zu „säu­bern“.

AN­KA­RA Fünf Ta­ge nach dem ge­schei­ter­ten Mi­li­tär­putsch mit mehr als 260 To­ten trat ges­tern Abend in An­ka­ra der Na­tio­na­le Si­cher­heits­rat un­ter dem Vor­sitz von Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu­sam­men, um wei­te­re Maß­nah­men ge­gen die is­la­mi­sche Gü­len-Be­we­gung zu be­ra­ten, die für den Putsch ver­ant­wort­lich ge­macht wird. Das Er­geb­nis: Er­do­gan hat für drei Mo­na­te den Aus­nah­me­zu­stand im Land ver­hängt. Die­ser Schritt er­öff­net ihm die Mög­lich­keit, Grund­rech­te wie Ver­samm­lungs- oder Pres­se­frei­heit ein­zu­schrän­ken und per De­kret zu re­gie­ren.

Vi­ze-Mi­nis­ter­prä­si­dent Nu­ret­tin Ca­ni­k­li sag­te nach An­ga­ben der staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu, es ge­he dar­um, den Staat noch ef­fek­ti­ver von Gü­le­nis­ten zu „säu­bern“. Al­le Maß­nah­men wür­den aber rechts­staat­lich ver­lau­fen. Im Si­cher­heits­rat sind ne­ben Er­do­gan und Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim auch Ka­bi­netts­mit­glie­der, der Ar­mee­chef Hu­lu­si Akar und die Kom­man­deu­re der Teil­streit­kräf­te ver­tre­ten.

Un­ter­des­sen geht die Re­gie­rung wei­ter hart ge­gen mut­maß­li­che Gü­len-An­hän­ger vor. Rund 9000 Per­so­nen, dar­un­ter et­wa 3000 Sol­da­ten, wur­den fest­ge­nom­men. Zu den ver­haf­te­ten mut­maß­li­chen Put­schis­ten ge­hö­ren auch die zwei Pi­lo­ten, die im No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res ein rus­si­sches Kampf­flug­zeug über Sy­ri­en ab­schos­sen, was zu ei­ner di­plo­ma­ti­schen Kri­se zwi­schen An­ka­ra und Mos­kau führ­te. Nach An­ga­ben von Ana­do­lu wur­den ges­tern 245 Be­am­te des Sport­mi­nis­te­ri­ums und 492 Be­diens­te­te des staat­li­chen Re­li­gi­ons­am­tes Diya­net vom Di­enst sus­pen­diert, ins­ge­samt be­reits mehr als 50.000 Be­am­te, dar­un­ter 21.000 Leh­rer. Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um gab be­kannt, dass auch al­le Mi­li­tär­staats­an­wäl­te und -rich­ter durch­leuch­tet wür­den.

Sämt­li­che rund drei Mil­lio­nen Be­am­te wur­den aus den Fe­ri­en in ih­re Di­enst­stel­len zu­rück­be­or­dert und mit ei­nem Aus­rei­se­ver­bot aus der Tür­kei be­legt. Die „Säu­be­rungs­wel­le“schwappt in­zwi­schen auch in die Uni­ver­si­tä­ten. Der Hoch­schul­rat un­ter­sag­te Di­enst­rei­sen des ge­sam­ten Lehr­per­so­nals ins Aus­land. Im Aus­land leh­ren­de Aka­de­mi­ker oh­ne zwin­gen­den Auf­ent­halts­grund wur­den auf­ge­for­dert, bald­mög­lichst in die Tür­kei zu­rück­zu­keh­ren, mel­de­te Ana­do­lu. Staat­li­che und pri­va­te Uni­ver­si­tä­ten soll­ten Mit­ar­bei­ter aus dem Lehr­kör­per über­prü­fen, ob sie Ver­bin­dun­gen zur Gü­len-Be­we­gung ha­ben, und ge­ge­be­nen­falls dem Hoch­schul­rat mel­den. Das gel­te auch für aus­län­di­sches Lehr­per­so­nal. Mit die­sen Maß­nah­men soll of­fen­bar die Flucht von mut­maß­li­chen Kom­pli­zen der Put­schis­ten ver­hin­dert wer­den. Die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Op­po­si­ti­ons­par­tei CHP kri­ti­sier­te, dass da­mit der Denun­zia­ti­on Tür und Tor ge­öff­net wer­de und for­der­te die Ein­hal­tung rechts­staat­li­cher Re­geln. Min­des­tens sie­ben Men­schen wur­den dem Sen­der CNN Türk zu­fol­ge fest­ge­nom­men, weil sie in so­zia­len Me­di­en ent­we­der den Putsch­ver­such ge­lobt oder Er­do­gan kri­ti­siert hät­ten.

Im Zu­ge der „Säu­be­run­gen“setzt die Re­gie­rung der is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven AKP auch ih­ren Feld­zug ge­gen un­ab­hän­gi­ge Me­di­en fort. 24 Fern­seh- und Hör­funk­sen­dern mit an­geb­li­cher Gü­len-Nä­he wur­de die Li­zenz ent­zo­gen, dar­un­ter sol­che, die nach An­ga­ben von Kri­ti­kern nicht das Ge­rings­te mit dem Pre­di­ger zu tun ha­ben. Er­do­gan und Mi­nis­ter­prä­si­dent Yil­di­rim mach­ten Gü­len be­reits we­ni­ge St­un­den nach dem Putsch­ver­such da­für ver­ant- wort­lich, oh­ne bis­her stich­hal­ti­ge Be­wei­se vor­ge­legt zu ha­ben. Der Ge­ne­ral­ma­na­ger des Er­do­gan-treu­en TV-Sen­ders, Al­per Tan, er­klär­te am Di­ens­tag auf Twit­ter, die Tür­kei ha­be das Recht, Gü­lens Haus in den USA mit Droh­nen an­zu­grei­fen.

Doch hat laut tür­ki­schen Me­dien­be­rich­ten bis­her of­fen­bar erst ein Put­sch­of­fi­zier sei­ne Ver­bin­dung zu den Gü­le­nis­ten ge­stan­den: Oberst­leut­nant Levent Türk­kan, As­sis­tent des Ge­ne­ral­stabs­chefs Akar, der ei­nen wei­te­ren ho­hen Of­fi­zier be­schul­dig­te, eben­falls zum Gü­lenNetz­werk zu ge­hö­ren. Die Auf­stän­di­schen selbst hat­ten am Abend des Put­sches ei­ne Er­klä­rung im ke­ma­lis­ti­schen Duk­tus im Fern­se­hen ver­le­sen las­sen. Der Ke­ma­lis­mus ist ei­ne sä­ku­la­re Ideo­lo­gie und geht zu­rück auf den Grün­der der tür­ki­schen Re­pu­blik, Musta­fa Ke­mal Ata­türk.

FO­TO: AFP

Re­cep Tay­yip Er­do­gan emp­fängt den Na­tio­na­len Si­cher­heits­rat zu ei­ner Son­der­sit­zung im Prä­si­dent­schafts­pa­last in An­ka­ra. Das Ge­mäl­de im Hin­ter­grund zeigt Musta­fa Ke­mal Ata­türk, den Grün­der der Re­pu­blik Tür­kei.

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