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Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - FO­TO: PRI­VAT

ström­ten Men­schen in den La­den, leg­ten Brot auf die The­ke, Kä­se, Was­ser, Kek­se, Scho­ko­la­de. Hams­ter­käu­fe. Ich weiß nicht, ob der Freund ein Er­do­gan-An­hän­ger oder -Geg­ner ist. Ich for­mu­lie­re mei­ne Fra­gen da­her vor­sich­tig und ich ver­su­che zwi­schen den Zei­len zu le­sen. „Ich ha­be gro­ße Angst. Wir al­le ha­ben gro­ße Angst“, schreibt er. Dass ein Mi­li­tär­putsch kei­ne Lö­sung sein kann, da ist die Welt sich am nächs­ten Tag ei­nig. Was ist aus Istan­bul ge­wor­den? Ich war vier Jah­re nicht mehr dort. Seit ei­ni­ger Zeit schaue ich nach Flü­gen, aber dann pas­siert wie­der et­was, ein An­schlag, ein re­li­gi­ös mo­ti­vier­ter Über­griff oder De­mons­tra­tio­nen, die in Ge­walt en­den. Vor sie­ben Jah­ren leb­te ich meh­re­re Mo­na­te in Istan­bul. Oh­ne die­se über­wäl­ti­gen­de Stadt­er­fah­rung wä­re mein Ro­man „Die end­lo­se Stadt“nicht ent­stan­den. Istan­bul galt als neu­er Hot Spot der Kunst­sze­ne, NRW schick­te sei­ne Au­to­ren und Künst­ler hin – auch mich. Die schon dort wa­ren, schick­ten eu­pho- ri­sche Nach­rich­ten nach Hau­se: Musst du dir sel­ber an­schau­en! Un­be­schreib­lich! Ich kam im Sep­tem­ber an. Die Stadt leuch­te­te im Spät­som­mer­licht und lag in schö­nen Bö­gen auf dem tür­kis­grü­nen Was­ser auf. Von un­se­rer Gas­se gin­gen klei­ne­re Gas­sen ab, mit lich­trie­seln­den Dä­chern aus Wil­dem Wein, manch­mal auch aus auf­ge­häng­ter Wä­sche. Lee­re Jo­ghurt­be­cher wur­den hier und da auf­ge­stellt und mit Was­ser ge­füllt – für die un­zäh­li­gen präch­ti­gen Stra- wur­de, der re­gel­mä­ßi­ge Mu­ez­zinRuf, die Macbooks in den Stra­ßen­ca­fés, oder im Fens­ter das De­si­gnerSex­spiel­zeug ne­ben dem New York Cheese Ca­ke. Wenn man sich vor un­se­rem Haus auf die Stu­fen setz­te, kam der Nach­bar und reich­te ei­nem ein Kis­sen. Nie ver­ges­se ich die wür­de­vol­le klei­ne Ver­nei­gung des Su­per­markt­händ­lers, wenn er mir die ge­kauf­te Wa­re reich­te, und sei es ei­ne Tu­be Zahn­pas­ta.

„Die Stadt ist nicht fer­tig und dar­um kannst du sie wei­ter­den­ken“, er­klär­te mir un­ser Ver­mie­ter, der auch Ar­chi­tekt ist, „dar­um ist sie für Künst­ler so an­zie­hend“. Vie­le ka­men. Die Stadt wur­de im­mer wei­ter gen­tri­fi­ziert, die Mie­ten stie­gen. Die Ge­zi-Park-Pro­tes­te 2013 rich­te­ten sich kri­tisch ge­gen die­se Ten­denz, Kom­merz statt Kul­tur, und wur­den zum Sym­bol zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Wi­der­stands. Seit dem ge­schei­ter­ten Putsch sind be­reits meh­re­re tau­send Rich­ter und Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­ge ent­las­sen wor­den. Prä­si­dent Er­do­gan kann sich die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe vor­stel­len. Der tür­ki­sche Freund schreibt mir heu­te: „Wir sind zur Nor­ma­li­tät zu­rück­ge­kehrt. Wir ar­bei­ten ganz nor­mal.“Ich weiß, dass er sich ge­nau das am meis­ten wünscht.

Ul­la Len­ze auf der Ga­la­ta-Brü­cke in Istan­bul – zwi­schen Asi­en und Eu­ro­pa.

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