Von Mäu­sen und Men­schen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER RHEINKIRMES - VON TORS­TEN THIS­SEN

Se­bas­ti­an Göbel lei­tet die Wil­de Maus. Der 26-Jäh­ri­ge muss re­pa­rie­ren, kas­sie­ren und buch­hal­ten. Denn na­tür­lich geht es um den Spaß auf d

Klet­ter­trom­pe­ten sind Rank­pflan­zen. Sie brau­chen et­was, an dem sie sich fest­hal­ten kön­nen. Se­bas­ti­an Göbel hat drei Stück da­von vor sei­nem Wohn­wa­gen, er schaut dar­auf, wenn er am Mor­gen so ge­gen 9 Uhr sei­nen ers­ten Kaf­fee trinkt. Der Wa­gen ist sein El­tern­haus, 16 Me­ter lang, durch­aus kom­for­ta­bel, er hat ihn re­no­viert, als er ihn von sei­nen El­tern über­nom­men hat. Hier ist er groß ge­wor­den, zwi­schen den an­de­ren Wa­gen, die ein La­by­rinth aus en­gen Gas­sen und schma­len Hö­fen bil­den, aus Bau­zäu­nen, Ka­bel­mas­ten und Ver­sor­gungs­lei­tun­gen, über die man im Dunk­len leicht stol­pern kann. Teil­wei­se woh­nen die Schau­stel­ler und ih­re Mit­ar­bei­ter Wand an Wand. „Man lebt und ar­bei­tet zu­sam­men“, sagt Se­bas­ti­an Göbel, be­vor er sich auf den Weg macht, um sei­ne Nach­barn für die an­ste­hen­den Ar­bei­ten ein­zu­tei­len. Put­zen, Auf­räu­men, die Kon­trol­le der Tech­nik, Rou­ti­nen, die nö­tig sind, da­mit der Be­trieb den gan­zen Tag läuft, oh­ne Pau­se, im­mer wie­der auf zur wil­den Fahrt. Göbel schaut von sei­ner Ter­ras­se aus auf die nack­ten Stahl­schie­nen sei­nes Fahr­ge­schäf­tes, das er in die­sem Jahr um ei­nen Baum her­um auf­ge­baut hat: die Wil­de Maus.

Er hat lan­ge über­legt, ob er denn wirk­lich mit­ein­stei­gen soll. Nach sei­ner Leh­re bei Daim­ler als Mecha­tro­ni­ker mach­te ihm der Kon­zern ein gu­tes An­ge­bot. Den­noch ist er sein ei­ge­ner Chef ge­wor­den, im Fa­mi­li­en­be­trieb. Sein Va­ter plant von Worms aus die Tour­nee, auch für die vier Rie­sen­rä­der, die in ganz Eu­ro­pa un­ter­wegs sind. Mehr als 40 Mit­ar­bei­ter hat Fa­mi­lie Göbel, die Kos­ten sind im­mens, auch wenn die Wil­de Maus schnell auf und ab­ge­baut ist. Ein neu­es Rie­sen­rad ist be­stellt, es kos­tet rund vier Mil­lio­nen Eu­ro.

Der Va­ter ist heu­te we­gen des Gäs­te­schie­ßens der Schüt­zen in Düs­sel­dorf. Hans Göbel mag die Düs­sel­dor­fer Kir­mes sehr, im ver­gan­ge­nen Jahr ha­ben die Schüt­zen ihn ge­ehrt, weil er seit mehr als 30 Jah­ren kommt. Er sitzt am Klapp­tisch bei den an­de­ren ge­la­de­nen Gäs­ten. Er sagt, dass die Kir­mes in Düs­sel­dorf ja auch ein ge­sell­schaft- li­ches Er­eig­nis sei, dass hier je­der hin­kom­me, reich und arm, dass die Stim­mung stim­me, die Men­schen Spaß hät­ten, „und das ist wirk­lich nicht mehr über­all so“, sagt er.

Na­tür­lich ist ein wei­te­rer Grund für die gu­te Stim­mung bei den Schau­stel­lern in Düs­sel­dorf, dass die Um­sät­ze eben stim­men. Die Leu­te kom­men gern nach Ober­kas­sel und das Geld sitzt re­la­tiv lo­cker.

Se­bas­ti­an Göbel schießt nicht. Statt­des­sen wol­len Va­ter und Sohn noch zum Schau­stel­ler­früh­stück des Jä­ger-Corps 1844. Sie sind dort pas­si­ve Mit­glie­der.

Es ist Mit­tag und auf dem Kir­mes­platz ist noch we­nig los und Hans Göbel er­zählt die Ge­schich­te sei­ner Fa­mi­lie. 1894 be­ginnt die Ge­schich­te der Schau­stel­ler­fa­mi­lie in Sach­sen. Der Post­be­am­te Bern­hard Göbel ver­liebt sich in ei­ne Frau, die Töp­fe aus Alu­mi­ni­um auf dem Markt in Dres­den ver­kauft. An­ge­zo­gen von der Frau und dem Mi­lieu schmeißt er sei­ne Be­am­ten­lauf­bahn, und er­öff­net ei­ne Zu­cker­bu­de und ein Kin­der­ka­rus­sell.

Nach dem ers­ten Welt­krieg kauft sein Sohn ei­nen der ers­ten Au­toskoo­ter in Deutsch­land da­zu. Der Fa­mi­lie geht es gut, bis zum Zwei­ten Welt­krieg. Dann be­schlag­nahmt die Wehr­macht die Wa­gen der Gö­bels, um Ak­ten vor den na­hen­den Rus­sen in Si­cher­heit zu brin­gen. Der En­kel Gerhard Göbel will sei­ne Wa­gen nicht al­lei­ne las­sen und fährt ge­mein­sam mit sei­ner Frau mit nach Han­no­ver. Dort ein­mal an­ge­kom­men, wol­len sie nicht mehr zu­rück Se­bas­ti­an Göbel ist nun die fünf­te Ge­ne­ra­ti­on als Schau­stel­ler. Beim Jä­ger-Corps gibt es Kaf­fee und Schnitt­chen, Se­bas­ti­an muss dann auch wie­der ins Ge­schäft, um 14 Uhr be­ginnt der Be­trieb.

Au­ßer­dem liegt sei­ne Freun­din noch mit Mi­grä­ne im Wohn­wa­gen. Und das ist kein Spaß auf ei­ner Kir­mes, mit der Mu­sik, dem Rat­tern, den An­sa­gen. Die Wil­de Maus kommt oh­ne Mu­sik aus, vor Jah­ren ha­ben sie das schon be­schlos­sen, „weil in der Nach­bar­schaft ja im­mer ir­gend­was läuft“, sagt Se­bas­ti­an Göbel. Die ers­ten Fahr­ten lau­fen oh­ne Pro­ble­me, dann fällt ein Re­lais aus, das Se­bas­ti­an Göbel er­set­zen muss. Er steigt in den Tech­nik-Con­tai­ner, die Fahr­gäs­te be­kom­men nichts da-

Se­bas­ti­an Göbel auf der Ter­ras­se sei­nes Wohn­wa­gens, den er von sei­nen El­tern über­nom­men hat.

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