Be­spuckt, be­schimpft, an­ge­fah­ren: Der All­tag der Ver­kehrs­ka­det­ten

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER RHEINKIRMES - VON THORS­TEN BREIT­KOPF UND AR­NE LIEB

Isa­bel­le und Jo­se­phi­ne (16) hel­fen als Ver­kehrs­ka­det­ten bei der Kir­mes. Was sie sich die Zwil­lin­ge oft von Er­wach­se­nen an­hö­ren müs­sen, ist haar­sträu­bend.

Jo­se­phi­ne und Isa­bel­le le­ben in Kai­sers­werth, be­su­chen das Theo­dorF­lied­ner-Gym­na­si­um, bei­de sind 16, sie sind Zwil­lin­ge. Seit Frei­tag sind sie im Dau­er­ein­satz. Sie sind Ver­kehrs­ka­det­ten aus Lei­den­schaft. Pau­se ken­nen sie nicht wäh­rend der Kir­mes. Wenn ih­re Al­ters­ge­nos­sen und zahl­rei­che Er­wach­se­ne auf Ka­rus­sells und Ach­ter­bah­nen fah­ren und Zu­cker­wat­te es­sen, re­geln die bei­den Mäd­chen mit vie­len an­de­ren Ver­kehrs­ka­det­ten zwi­schen 14 und 22 Jah­ren die Be­su­cher­strö­me an den Stra­ßen Ober­kas­sels. Um die Be­su­cher­strö­me zu len­ken und zu ver­hin­dern, dass je­mand un­ter ein Au­to kommt, ste­hen sie an wich­ti­gen Kreu­zun­gen, et­wa am Kir­mes­ein­gang an der Lue­gal­lee. Die Zwil­lin­ge sind seit drei Jah­ren bei den Ver­kehrs­ka­det­ten: Erst wur­den sie drei Mo­na­te lang aus­ge­bil­det, mitt­wochs und am Wo­che­n­en­de, dann zwei Wo­chen in ei­nem Fe­ri­en­la­ger. Erst dann durf­ten sie ei­nen ers­ten Ein­satz ha­ben. Sie ha­ben sich über die ein­fa­chen Tä­tig­kei­ten hin­aus ka­ri­ta­tiv in ih­rem Ver­ein ein­ge­setzt, wur­den des­halb zu so­ge­nann­ten Haupt­ver­kehrs­ka­det­ten be­för­dert. Sie sind stolz auf ihr En­ga­ge­ment, ha­ben vie­le neue Freun­de ge­fun­den in dem Ju­gend-Ver­ein. Wa­ren im Ein­satz beim Weih­nachts­markt und bei der DEG.

Den jun­gen Mann, der vor­ges­tern an­ge­fah­ren wur­de im Ein­satz als Ver­kehrs­ka­dett, ken­nen sie gut. Sie selbst ha­ben schon Dut­zen­de sol­cher Sze­nen er­lebt, sind mehr als ge­nervt. „Ich stand als Ver­kehrs­ka­dett ei­ner Frau im Weg. Da sag­te Sie: ,Geh mir aus dem Weg, Bitch’“, sagt Jo­se­phi­ne. An­mot­zen und üb­le Be­schimp­fun­gen der ju­gend­li­chen Ver­kehrs­hel­fer sei­en an der Ta­ges­ord­nung, meint ih­re Schwes­ter Isa­bel­le. „Wir wer­den oft nach­ge­äfft, das ist manch­mal lus­tig, oft ver­let­zend“, sagt sie. Ihr ist kürz­lich ein Mann aus Zorn über den Fuß ge­fah­ren. Zum Glück sei es ein nicht ganz so schwe­res Au­to ge­we­sen, sie sei mit Schram­men da­von­ge­kom­men. Oft gä­ben Au­to­fah­rer, be­son­ders An­woh­ner, die ei­gent­lich über Ab- sper­run­gen in­for­miert sein müss­ten, den Ver­kehrs­ka­det­ten die Schuld. Stin­ke­fin­ger­zei­gen sei noch mit das Harm­lo­ses­te, was man als Ver­kehrs­ka­dett re­gel­mä­ßig er­tra­gen müs­se. Man­che sei­en auch schon be­spuckt wor­den, sagt Jo­se­phi­ne.

Ste­fa­nie Manz, die Mut­ter der Zwil­lin­ge, fin­det die An­fein­dun­gen und Be­schimp­fun­gen un­er­träg­lich. „Das sind Kin­der, die eh­ren­amt­lich bei Wind und Wet­ter hart ar­bei­ten für al­le. Das Wort ,Er­wach­se­ne’ trifft auf je­ne, die schimp­fen und spu­cken, nicht zu“, sagt Manz.

Die Ver­ant­wort­li­chen für die Rh­ein­kir­mes be­ton­ten ges­tern die Be­deu­tung der Hel­fer. „Die Ver­kehrs­ka­det­ten sind un­er­setz­lich“, sagt Schüt­zen­chef Lothar In­den. Er hof­fe auf ei­ne har­te Stra­fe für den BMW-Fah­rer, der ei­nen Ju­gend­li­chen an­ge­fah­ren hat. Lob für die Ka­det­ten gab es auch von der Po­li­zei. „Sie sind für uns ei­ne ech­te Un­ter­stüt­zung und Ent­las­tung“, sagt Jür­gen Bielor, Lei­ter der Po­li­zei­di­rek­ti­on Mit­te, die für die Si­cher­heit auf der Kir­mes ver­ant­wort­lich ist. Als Zei­chen der An­er­ken­nung über­reich­te Car­la Stock­heim ei­nen Scheck über 1500 Eu­ro an die Ka­det­ten. Die Gastro­fir­ma un­ter­stützt die Ka­det­ten seit lan­gem, be­reits ihr Groß­va­ter und Va­ter ha­ben ge­spen­det. Das Geld dient für die Dan­kes­fahrt der Ver­kehrs­ka­det­ten.

Trotz Är­ger und Be­schimp­fun­gen blei­ben Jo­se­phi­ne und Isa­bel­le en­ga­giert. Es ma­che ein­fach Spaß. Und man­che Sprü­che der Pas­san­ten sei­en auch wirk­lich lus­tig. „Wenn wir ge­mein­sam an ei­ner Stel­le Di­enst tun, sa­gen vie­le Kir­mes­be­su­cher ,Ich glaub, ich seh schon dop­pelt’“, so Isa­bel­le. Das sei zwar für Zwil­lin­ge nicht neu und ori­gi­nell – aber trotz­dem wit­zig.

RP-FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Die Zwil­lin­ge Jo­se­phi­ne (l.) und Isa­bel­le in Ver­kehrs­ka­det­ten-Kluft mit Mut­ter Ste­fa­nie Manz.

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