Tür­kei setzt Men­schen­rech­te aus

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - VORDERSEITE - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

Nach Ver­hän­gen des Aus­nah­me­zu­stands wächst die Kri­tik an Staats­chef Er­do­gan. Ver­ab­schie­det sich die EU vom Ziel ei­ner Voll­mit­glied­schaft der Tür­kei? Auch der Ver­bleib in der Na­to ge­rät in Ge­fahr.

BERLIN/ANKARA Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan setzt nach dem sys­te­ma­ti­schen Vor­ge­hen ge­gen 65.000 po­ten­zi­el­le Geg­ner und der Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stan­des nun auch die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on au­ßer Kraft. Deut­sche Po­li­ti­ker wol­len sich des­halb vom Ziel ei­nes EU-Bei­tritts der Tür­kei end­gül­tig ver­ab­schie­den und stel­len das Land auch als Na­to-Part­ner in­fra­ge.

Der Eu­ro­pa­rat be­stä­tig­te, dass die Tür­kei den Ge­ne­ral­se­kre­tär über die Aus­set­zung der Kon­ven­ti­on nach Artikel 15 in­for­mier­te. Ähn­lich wa­ren Frank­reich nach den An­schlä­gen vom No­vem­ber 2015 und die Ukrai­ne nach dem Aus­bruch der Ge­walt im Os­ten des Lan­des vor­ge­gan­gen. So­wohl die Kon­ven­ti­on als auch die tür­ki­sche Ver­fas­sung las­sen die Su­s­pen­die­rung be­stimm­ter Grund­rech­te, wie das auf Le­ben, nicht zu.

Er­do­gan ver­such­te, die höchst be­sorg­te in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft zu be­ru­hi­gen. „Wir wer­den von der De­mo­kra­tie kei­nen Schritt ab­wei­chen“, er­klär­te er in ei­ner Bot­schaft an das tür­ki­sche Volk. Dar­in un­ter­strich er: „Habt kei­ne Sor­ge. Es wird im Aus­nah­me­zu­stand de­fi­ni­tiv kei­ne Ein­schrän­kun­gen ge­ben.“

Im Par­la­ment fand der am frü­hen Mor­gen in Kraft ge­tre­te­ne Aus­nah­me­zu­stand auch in Tei­len der Op­po­si­ti­on Zu­stim­mung. 346 der 550 Ab­ge­ord­ne­ten stimm­ten da­für. Die re­gie­ren­de Er­do­gan-Par­tei AKP ver­fügt nur über 317 Sit­ze.

Be­reits vor Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stan­des wa­ren in der Tür­kei Tau­sen­de fest­ge­nom­men wor­den. Mut­maß­li­che An­hän­ger der Gü­len-Be­we­gung, der Er­do­gan den Putsch vom ver­gan­ge­nen Frei­tag an­las­tet, wur­den aus Mi­li­tär, Po­li­zei, Jus­tiz, Bil­dung und Wis­sen­schaft ent­fernt. Das über­stei­ge ei­ne „ver­hält­nis­mä­ßi­ge Ant­wort“, kri­ti­sier­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU). „Auch Na­to-Part­ner sind an Wer­te ge­bun­den“, sag­te der Mi­nis­ter. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (SPD) mahn­te die Tür­kei: „Nur die be­leg­ba­re Ver­wick­lung in straf­ba­re Hand­lun­gen, nicht die mut­maß­li­che po­li­ti­sche Ge­sin­nung darf der Aus­lö­ser staat­li­cher Maß­nah­men sein.“

Der Frak­ti­ons­chef der EVP im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment, Man­fred We­ber (CSU), sieht we­gen der ak­tu­el­len Ent­wick­lung kei­ne Chan­ce mehr, dass die Tür­kei ei­nes Tages Voll­mit­glied der EU wird. „Die Be­zie­hun­gen der EU zur Tür­kei müs­sen über­prüft wer­den. Wir set­zen auf ei­ne en­ge Part­ner­schaft und Zu­sam­men­ar­beit et­wa in der Mi­gra­ti- ons- oder Wirt­schafts­po­li­tik“, sag­te We­ber un­se­rer Re­dak­ti­on. „Im beid­sei­ti­gen In­ter­es­se soll­ten wir uns vom Ziel der EU-Voll­mit­glied­schaft aber ver­ab­schie­den. Die­ses Ziel ist nicht rea­lis­tisch.“Die tür­ki­sche Re­gie­rung ent­fer­ne das Land vom de­mo­kra­ti­schen Eu­ro­pa in gro­ßer Ge­schwin­dig­keit.

Die Uni­ons­frak­ti­on im Bun­des­tag sieht lang­fris­tig die Mit­glied­schaft der Tür­kei auch in der Na­to ge­fähr­det. Bünd­nis­treue und Bünd­nis­fä­hig­keit sei­en der­zeit ge­ge­ben. „Frag­lich ist die Treue des Prä­si­den­ten zu De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit“, sag­te Au­ßen­ex­per­te Jürgen Hardt un­se­rer Re­dak­ti­on. „Alar­mie­rend“sind für ihn Er­do­gans Mas­sen­ver­haf­tun­gen in Mi­li­tär und Jus­tiz so­wie die Macht­kon­zen­tra­ti­on in sei­nen Hän­den. „Auf Dau­er wä­re es nicht ak­zep­ta­bel, ei­nen Part­ner im Ver­tei­di­gungs- und Wer­te­bünd­nis Na­to zu ha­ben, der nicht de­mo­kra­tisch ver­fasst ist“, er­klär­te Hardt. Die Uni­on set­ze dar­auf, dass die Mehr­heit der Tür­ken ei­ne star­ke Na­ti­on im de­mo­kra­ti­schen La­ger blei­ben wol­le. Leitartikel Seite A2 Po­li­tik Seite A5

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