„Wer be­liebt sein will, soll Schla­ger­sän­ger wer­den“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON MICHAEL BRÖ­CKER UND JAN DREBES

Der Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter über Ad­re­na­lin und Schei­tern in der Po­li­tik, sei­ne ka­rier­ten An­zü­ge und über Rund-um-die-Uhr-Bau­stel­len.

DUIS­BURG Alex­an­der Do­brindt hat sei­nen An­zug ab­ge­legt. Er trägt Je­ans und Po­lo­hemd, als wir ihn im Duis­bur­ger Schif­fer­kol­leg tref­fen – zum zwei­ten In­ter­view un­se­rer Som­mer­se­rie „Kurs hal­ten“, bei der wir Pro­mi­nen­te auf und am Was­ser be­fra­gen. Zu­vor schip­per­te der Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter für ein paar St­un­den über den Rhein – als Bin­nen­schif­fer im Prak­ti­kum. Herr Do­brindt, las­sen Sie uns über Sie re­den. DO­BRINDT Nur zu. Sie gel­ten im po­li­ti­schen Berlin wahl­wei­se als See­ho­fers Ma­rio­net­te, als Po­lit-Rauf­bold oder als Maut-Mi­nis­ter. Ihr Image ist aus­bau­fä­hig, oder? DO­BRINDT Wenn Sie da­mit mei­nen, ob die Re­so­zia­li­sie­rung nach der Ge­ne­ral­se­kre­tärs­zeit ge­lingt, sa­ge ich: Das Image wech­selt, die Lei­den­schaft bleibt. Ach ja? Wel­che die­ser Eti­ket­ten kommt der Wahr­heit denn am nächs­ten? DO­BRINDT Ich be­fürch­te, da sind noch ein paar al­te Schub­la­den hän­gen ge­blie­ben. Wir ha­ben ei­nen har­ten Wahl­kampf ge­führt. Da­mit macht man sich nicht nur Freun­de. Aber wir ha­ben 2013 mit ei­nem neu­ar­ti­gen Wahl­kampf die ab­so­lu­te Mehr­heit in Bay­ern ge­holt. Der Er­folg gibt mir recht. Sie ha­ben den EZB-Chef als Falsch­mün­zer und die Grü­nen als Bom­ben­le­ger und po­li­ti­schen Arm von Brand­stif­tern be­zeich­net. Kann man nicht auch ohne sol­che Atta­cken Wah­len ge­win­nen? DO­BRINDT Es ist die Auf­ga­be ei­nes Ge­ne­ral­se­kre­tärs, den po­li­ti­schen Mei­nungs­kampf sehr zu­ge­spitzt zu be­trei­ben und die De­bat­te mit ei­nem Wort für al­le ver­ständ­lich auf den Punkt zu brin­gen. An die­ser Art der Po­li­tik­ver­mitt­lung man­gelt es manch­mal heu­te. Sie be­reu­en nichts? DO­BRINDT Nein. Auch wenn ich heu­te nicht je­den Satz wie­der­ho­len muss. CSU-Chef See­ho­fer sag­te, ein Do­brindt schei­te­re nicht. Da­mit schick­te er Sie nach Berlin, um die um­strit­te­ne Maut ein­zu­füh­ren. Der Satz war ei­ne gro­ße Bür­de. DO­BRINDT Die Maut wird kom­men, war­ten Sie es ab. Wir ha­ben sie in der Ko­ali­ti­on durch­ge­setzt und in der Bun­des­re­gie­rung be­schlos­sen. Üb­ri­gens gibt es vie­le Sät­ze über mich und noch viel mehr Ka­ri­ka­tu­ren. Das lan­det al­les in ei­ner gro­ßen Samm­lung für mei­ne En­kel­kin­der. Darf ein Po­li­ti­ker mit sei­nem zen­tra­len The­ma schei­tern? DO­BRINDT Po­li­tik ist mit Un­si­cher­hei­ten ver­bun­den. Ap­plaus gibt‘s nur, wenn man be­reit ist, aufs Hoch­seil zu ge­hen, nicht, wenn man auf ei­nen Stuhl steigt. Ei­ne der größ­ten Stär­ken ei­nes Po­li­ti­kers ist, wenn er die­se Un­si­cher­hei­ten an­nimmt. Kei­ne Exit-Stra­te­gie für 2017, wenn die Wahl schief­geht? DO­BRINDT Ich ha­be ei­ne gro­ße Lei­den­schaft für Po­li­tik und will 2017 wie­der mei­nen Wahl­kreis ge­win­nen. Üb­ri­gens be­vor­zu­ge ich die ge­ra­de Li­nie, die schie­fe Ebe­ne über­las­se ich an­de­ren. Es gibt Men­schen, die sa­gen, der Do­brindt ist privat ein ru­hi­ger und an­ge­neh­mer Mensch. In der Öf­fent­lich­keit do­mi­niert ein an­de­res Bild. In der Rang­lis­te der be­lieb­tes­ten Po­li­ti­ker sind Sie gar nicht erst ver­tre­ten … DO­BRINDT … aber auf der Lis­te der be­kann­tes­ten Po­li­ti­ker. Ist Pro­mi­nenz wich­ti­ger als Po­pu­la­ri­tät? DO­BRINDT Wer be­liebt sein will, soll Schla­ger­sän­ger wer­den. Der Job ei­nes Po­li­ti­kers taugt nur sel­ten da­zu. Und wenn es mal wie­der ganz hart kommt, ge­he ich in den Su­per­markt in mei­ner Hei­mat­ge­mein­de Pei­ßen­berg. Die Leu­te dort ken­nen mich seit 46 Jah­ren. Die ru­fen dann, „Alex­an­der, was ist denn da wie­der los?“und dann lä­cheln sie. Dann weiß ich, dass al­les ok ist. Das klingt nach Selbst­the­ra­pie. DO­BRINDT Nein. Aber Nor­ma­li­tät fin­de ich dort – nicht in Berlin. Wer­den Sie dort auch auf Ih­ren ka­rier­ten An­zug und die Fri­sur an­ge­spro­chen? Zu­letzt gab es da­zu mehr Schlag­zei­len als zur Ver­kehrs­po­li­tik. DO­BRINDT Die an­geb­lich gol­de­nen Schu­he ha­ben Sie noch ver­ges­sen. Au­ßer­dem ha­be ich nicht nur ei­nen ka­rier­ten An­zug, son­dern vie­le. Aber im Ernst, mei­nen Sie nicht, dass es schon ge­nü­gend graue An­zü­ge in der Po­li­tik gibt? Sie den­ken über ihr Image al­so nicht viel nach? DO­BRINDT Mei­ne Ar­beit ist mir wich­ti­ger. Na ja. Sie ha­ben doch vor ei­ni­gen Jah­ren öf­fent­lich­keits­wirk­sam ab­ge­nom­men und sich ei­ne mo­di­sche Bril­le zu­ge­legt. DO­BRINDT Ich hat­te zu vie­le Ki­los drauf. Aber ich woll­te mit un­se­rem Sohn mit­hal­ten kön­nen. Dar­um ha­be ich 20 Ki­lo ab­ge­nom­men. Heu­te kann ich mit ihm auf dem Tram­po­lin sprin­gen, ohne dass ich nach ein paar Mi­nu­ten au­ßer Atem bin. Sie sind So­zio­lo­ge, Sie hät­ten ja auch wis­sen­schaft­lich ar­bei­ten kön­nen. Was reizt Sie an der Po­li­tik? DO­BRINDT Po­li­tik ist Ad­re­na­lin. Je­de Ent­schei­dung be­deu­tet Kampf und Kom­pro­miss und hat di­rek­te Aus­wir­kun­gen auf uns al­le. Je­des Mal, wenn ich im Bier­zelt ste­he und mit mei­nen Ide­en be­geis­tern kann, ist das wie ein Füh­rungs­tref­fer. Für ih­re Ei­tel­keit. . . DO­BRINDT Nein, für das Ge­fühl, rich­tig zu lie­gen. In mei­ner Amts­zeit ha­be ich auch ei­ni­ge Kri­sen er­lebt. Den­ken Sie an das Bah­n­un­glück in Bad Ai­b­ling oder den Ger­m­anwings­Ab­sturz. Das hat mich mehr ge­prägt als der Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan. Sind Sie ein Kri­sen­ma­na­ger? DO­BRINDT Kri­sen muss man be­wäl­ti­gen. Ich weiß, dass ich das kann. Da­ne­ben muss man aber auch Chan­cen nut­zen. So ha­be ich das au­to­ma­ti­sier­te Fah­ren auf das „Di­gi­ta­le Test­feld Au­to­bahn“ge­bracht und vier Mil­li­ar­den Eu­ro für den Breit­band­aus­bau or­ga­ni­siert. Au­ßer­dem gibt es heu­te in mei­nem Haus­halt so viel Geld für Stra­ßen und Brü­cken so­wie für Schie­nen und Schleu­sen wie nie zu­vor. Das Glück der spä­ten Amts­über­nah­me. Die Haus­halts­la­ge ist gut, die In­fra­struk­tur so ka­putt wie nie. DO­BRINDT In gu­ten wie in schlech­ten Zei­ten wol­len al­le Res­sorts mehr Geld vom Fi­nanz­mi­nis­ter. Nie­mand hat er­war­tet, dass es ge­lingt, die In­fra­struk­tur­mit­tel auf die­se Hö­he zu be­kom­men. Die Bun­des­re­gie­rung wird in die­sem und in den kom­men­den Jah­ren 14 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich in die In­fra­struk­tur in­ves­tie­ren. Es reicht ja trotz­dem nicht. Es gibt 138 Bau­stel­len in die­sem Som­mer al­lein an Rhein und Ruhr. Kön­nen Sie die we­nigs­tens be­schleu­ni­gen? DO­BRINDT Weil wir die Mit­tel um 40 Pro­zent ge­stei­gert ha­ben, gibt es so vie­le seit Lan­gem not­wen­di­ge Bau­stel­len. An den Au­to­bahn­bau­stel­len kann rund um die Uhr ge­ar­bei­tet wer­den. Das kann die Lan­des­re­gie­rung so an­ord­nen. Wie konn­te die Po­li­tik bei der In­fra­struk­tur so ver­sa­gen, dass Brü­cken ge­sperrt wer­den müs­sen? DO­BRINDT Vie­le Re­gie­run­gen ha­ben über Jah­re fal­sche Prio­ri­tä­ten ge­setzt, das ist lei­der wahr. Aber wir ho­len auf. Für je­de Sa­nie­rungs­maß­nah­me ei­ner Brü­cke, für die Bau­recht be­steht, wer­de ich die Fi­nan­zie­rung be­reit­stel­len. Jetzt geht es dar­um, schnel­ler zu pla­nen. Des­we­gen ha­be ich ei­ne Bun­des­au­to­bahn­ge­sell­schaft vor­ge­schla­gen, ei­ne zen­tra­le Bau­ver­wal­tung für den Bund. So bün­deln wir Pla­nen, Bau­en, Fi­nan­zie­ren und Un­ter­hal­ten in ei­ner Hand. Sie schei­nen Kon­flik­te an­zu­zie­hen. In der Flücht­lings­po­li­tik ha­ben Sie als ein­zi­ges Ka­bi­netts­mit­glied der Kanz­le­rin wi­der­spro­chen und ihr in­di­rekt die Schuld am Er­star­ken der AfD ge­ge­ben. War­um? DO­BRINDT Das ist jetzt Ih­re Les­art. Ich ha­be dar­auf hin­ge­wie­sen, wenn al­le Par­tei­en im­mer stär­ker in die Mit­te rü­cken, dann ent­ste­hen rechts und links da­von neue Par­tei­en. Sie du­zen An­ge­la Mer­kel . . . DO­BRINDT Ja. Und ich sa­ge ihr of­fen und di­rekt, was ich den­ke, auch wenn es un­be­quem ist. Ich ge­be doch nicht mei­ne Mei­nung an der Gar­de­ro­be im Ka­bi­netts­saal ab. Will die CSU die Kanz­le­rin wei­ter vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt ver­kla­gen? DO­BRINDT Die Kla­ge bleibt in der Schub­la­de und lan­det nicht im Pa­pier­korb. Macht die har­te Kri­tik der CSU an den Grü­nen ein schwarz-grü­nes Bünd­nis 2017 im Bund un­mög­lich? DO­BRINDT Ich kann mei­ne Par­tei nur da­vor war­nen, über Schwarz-Grün im Bund nach­zu­den­ken. Uns ver­bin­det mit die­ser Par­tei viel zu we­nig und an den ent­schei­den­den Stel­len ein un­lös­ba­rer Kon­flikt. Wir wol­len, dass un­ser Land so her­vor­ra­gend bleibt, wie es ist. Die Grü­nen wol­len ein völ­lig an­de­res Deutsch­land. In der Uni­on dürf­te die­se Mei­nung ei­ne schril­le Min­der­heit sein. DO­BRINDT War­ten wir‘s ab.

FO­TO: CHRIS­TOPH REICHWEIN

Alex­an­der Do­brindt (CSU) auf dem Heck der „Rhe­nus“auf dem Rhein.

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