Ge­mein­sam ge­gen de­mo­kra­ti­sche Wer­te

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON BIR­GIT SVENSSON

Vor drei Jah­ren putsch­te das Mi­li­tär in Ägyp­ten ge­gen den ge­wähl­ten Prä­si­den­ten Mo­ham­med Mur­si – und war er­folg­reich.

KAI­RO In der Tür­kei ging der Mi­li­tär­putsch schief, in Ägyp­ten ist er ge­glückt. Ziem­lich ge­nau vor drei Jah­ren putsch­te das ägyp­ti­sche Mi­li­tär ge­gen den da­ma­li­gen de­mo­kra­tisch ge­wähl­ten Prä­si­den­ten, den Is­la­mis­ten Mo­ham­med Mur­si. Die Be­woh­ner am Nil ju­bel­ten und fei­er­ten Ge­ne­ral­feld­mar­schall Ab­dul Fat­tah al Si­si als Be­frei­er vom is­la­mis­ti­schen Kurs der Mus­lim­brü­der.

In der Tür­kei ist es ge­nau um­ge­kehrt. Dort gin­gen die Mas­sen ge­gen das Mi­li­tär auf die Stra­ßen, um den is­lam­freund­li­chen Kurs ih­res Prä­si­den­ten zu stüt­zen. So­wohl am Bo­spo­rus als auch am Nil sprach man da­bei von ei­nem Sieg der De­mo­kra­tie. Die Aus­wir­kun­gen sind al­les an­de­re als de­mo­kra­tisch: To­te, Ver­letz­te, vie­le Ver­haf­tun­gen. In Ägyp­ten ver­üb­ten Sol­da­ten im Ju­li 2013 ein Blut­bad ge­gen An­hän­ger der Mus­lim­brü­der vor der Ra­ba’a Mo­schee in Kai­ro, das über 600 Men­schen­le­ben kos­te­te.

Da­nach wur­de die Bru­der­schaft als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft. „Säu­be­run­gen“im gro­ßen Stil hal­ten bis heu­te an. Fol­ter und an­de­re Miss­hand­lun­gen bei Häft­lin­gen sind an der Ta­ges­ord­nung, ohne dass die Ver­ant­wort­li­chen zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den. Ge­gen Hun­der­te Per­so­nen er­gin­gen nach un­fai­ren Ge­richts­ver­fah­ren Ge­fäng­nis­stra­fen oder To­des­ur­tei­le. Die ers­ten Hin­rich­tun­gen seit 2011 wur­den im Ju­ni 2014 voll­streckt. Si­cher­heits­kräf­te gin­gen mit ex­zes­si­ver Ge­walt ge­gen Pro­tes­tie­ren­de vor, ver­üben rechts­wid­ri­ge Tö­tun­gen – und blie­ben da­bei straf­frei.

Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal (AI) zeich­net in ih­rem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Be­richt ein düs­te­res Bild von Ägyp­ten drei Jah­re nach dem Putsch: Hun­der­te Re­gie­rungs­kri­ti­ker sei­en ver­schleppt und ge­fol­tert wor­den. Seit An­fang 2015 ha­be die Zahl der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen mas­siv zu­ge­nom­men. Der ägyp­ti­sche Ge­heim­dienst ge­he un­ter dem Deck­man­tel des An­ti-Terror-Kamp­fes rück­sichts­los ge­gen Stu­den­ten, po­li­ti­sche Ak­ti­vis­ten, De­mons­tran­ten und Jour­na­lis­ten vor, um sie zum Schwei­gen zu brin­gen. Am Nil herrscht ein Kli­ma der Angst.

Doch an­ders als Sul­tan Er­do­gan am Bo­spo­rus, der ag­gres­siv auch Kri­ti­ker von au­ßen zu­recht­weist, schlägt der Pha­rao am Nil lei­se­re Tö­ne an und ver­spricht aus­län­di­schen Be­su­chern, es wer­de al­les gut. Man brau­che nur Zeit, dann wer­de sich De­mo­kra­tie ein­stel­len. Nach die­sen ein­lul­len­den Wor­ten sagt Vi­ze­kanz­ler Sig­mar Gabriel, Si­si sei ein „be­ein­dru­cken­der Prä­si­dent“.

„Die­se Rhe­to­rik ist falsch und dient als Frei­spruch für die­je­ni­gen, die Ägyp­ten der­zeit un­ter­stüt­zen“, schreibt der Blog­ger und Kom­men­ta­tor der eng­lisch­spra­chi­gen „Dai­ly News Egypt“, Wa­el Es­kan­der. Im Li­ba­non ge­druckt, ist sie die ein­zi­ge kri­ti­sche Ta­ges­zei­tung, die den „Säu­be­run­gen“bis­lang stand­hält. Es­kan­der al­ler­dings muss­te in Kai­ro ab­tau­chen und ver­öf­fent­licht un­ter dem Hash­tag „No­ti­zen aus dem Un- ter­grund“. Zu den Un­ter­stüt­zern zählt er Län­der wie die USA, Groß­bri­tan­ni­en, die Nie­der­lan­de, Ita­li­en, Frank­reich und auch Deutsch­land – prak­tisch die ge­sam­te EU.

Nach dem Be­such Ga­b­ri­els am Nil schloss die ägyp­ti­sche Re­gie­rung das Bü­ro der FDP-na­hen Fried­richNau­mann-Stif­tung. Staats­chef al Si­si war sich wohl si­cher, dass das ohne Sank­tio­nen bleibt. Denn der Ägyp­ter hat noch ei­nen Trumpf in der Hand: der Kampf ge­gen den Terror. Wie die Hor­ror­vor­stel­lung ei­ner un­si­che­ren Tür­kei, ist auch ein im Cha­os ver­sin­ken­des Ägyp­ten alar­mie­rend für Eu­ro­pa.

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