Ge­werk­schaf­ten wer­den fried­li­cher

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Auf das Me­ga-Streik­jahr 2015 folgt ei­ne deut­lich ru­hi­ge­re Ta­rif­run­de. Das zeigt der Kon­flikt­in­ten­si­täts-In­dex des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft. Auch in der zwei­ten Jah­res­hälf­te dürf­te es ru­hig blei­ben. Ein­zi­ges Sor­gen­kind bleibt die Bahn.

DÜS­SEL­DORF Wäh­rend der Wirt­schafts­kri­se 2008/09 stan­den Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber so­li­da­risch Seit’ an Seit’. Un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen tra­ten zu­guns­ten der Job­si­che­rung in den Hin­ter­grund. Doch mit dem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung war es mit der viel ge­lob­ten So­zi­al­part­ner­schaft schnell wie­der vor­bei. Die Ge­werk­schaf­ten ver­lang­ten ih­ren Teil vom Ku­chen – und setz­ten da­bei auch auf Kon­flikt. 2015 ging als Me­ga-Streik­jahr in die Ge­schich­te ein.

Doch in die­sem Jahr be­ru­higt sich die La­ge spür­bar. Das legt ei­ne ak­tu­el­le Stu­die des ar­beit­ge­ber­na­hen In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft (IW) in Köln na­he, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt. Dem­nach ver­lie­fen die Ta­rif­ver­hand­lun­gen im ers­ten Halb­jahr „ver­gleichs­wei­se har­mo­nisch“. Die Wis­sen­schaft­ler Hagen Lesch und Pau­la Hell­mich ha­ben für ih­ren Kon­flikt­in­ten­si­täts-In­dex die Aus­ein­an­der­set­zun­gen seit 2006 nicht wie sonst üb­lich al­lein nach de­ren Län­ge be­trach­tet, son­dern ver­ga­ben an­hand ei­ner Ska­la Punk­te. Die­se rich­ten sich da­nach, zu wel­chen Mit­teln die Ge­werk­schaf­ten im Lau­fe der Aus­ein­an­der­set­zung grif­fen: Für rei­ne Ver­hand­lun­gen ohne Dro­hun­gen oder Ar­beits­kampf ver­ga­ben die Wis­sen­schaft­ler null Punk­te, bei Ar­beits­kämp­fen nach ei­ner Ur­ab­stim­mung gab es sie­ben Punk­te. Da ein ein­zel­ner Kon­flikt mehr­fach es­ka­lie­ren kann, ad­dier­ten die For­scher die Punk­te zu­sam­men.

Für das lau­fen­de Jahr re­gis­trier­te das IW in den be­ob­ach­te­ten 13 Wirt­schafts­zwei­gen mit ins­ge­samt rund zwölf Mil­lio­nen Be­schäf­tig­ten ei­nen durch­schnitt­li­chen Wert von 7,9 Punk­ten. „Das ent­spricht ei­ner Dro­hung, ei­nem Streik­auf­ruf und ei­nem Warn­streik“, schrei­ben Lesch und Hell­mich. Zum Ver­gleich: Im Me­gast­reik­jahr 2015 lag der Wert bei 20,6 Punk­ten und da­mit knapp drei­mal hö­her. „Von ins­ge­samt elf ana­ly­sier­ten Ta­rif­run­den, die noch lau­fen oder be­reits ab­ge­schlos­sen sind, es­ka­lier­ten sechs bis zum Warn­streik, und zwar in der Me­tall- und Elek­troIn­dus­trie, im Öf­fent­li­chen Di­enst, in der Druck­in­dus­trie, im Bank­ge­wer­be so­wie bei der Deut­schen Te­le­kom und bei T-Sys­tems“, schrei­ben die Au­to­ren. Zu ei­nem ech­ten Ar­beits­kampf mit vor­an­ge­gan­ge­ner Ur­ab­stim­mung kam es bis­lang nicht.

Das sah im ver­gan­ge­nen Jahr noch ganz an­ders aus. Spit­zen­rei­ter bei den Kon­flik­ten 2015 war da­mals der Kampf der Di­enst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver­di ge­gen Aus­la­ge­run­gen bei den Pa­ket­zu­stel­lern. Auf Platz zwei folg­te die mas­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung im So­zi­al- und Er­zie­hungs­dienst (48 Punk­te).

Auch wenn der Wert für 2016 bis­lang deut­lich un­ter dem Vor­jahr liegt, han­delt es sich nicht um den nied­rigs­ten Wert: In den Jah­ren 2008 (7,5 Punk­te), 2010 (5,6 Punk­te), 2012 (7,6 Punk­te) und 2013 (6,3 Punk­te) war er noch nied­ri­ger. Nach An­sicht der IW-Ta­rif­ex­per­ten könn­te sich der Trend auch im zwei­ten Halb­jahr fort­set­zen, „da in die­sem Jahr die grö­ße­ren Bran­chen be­reits Ta­rif­ver­trä­ge ab­ge­schlos­sen ha­ben und kei­ne Groß­kon­flik­te dro­hen“. Al­ler­dings ma­chen die Au­to­ren ei­ne Ein­schrän­kung – näm­lich mit Blick auf die Spar­ten­ge­werk­schaf­ten. An­zahl Ver­handl. Kon­flikt­punk­te / Ver­handl.

ø

13,3

12,9

7,5

11,4

5,6

13,0

7,6

6,3

12,5

20,6

7,9

max. Es­ka­la­ti­ons­stu­fe

ø

3,0

3,3

2,2

3,5

2,2

2,9

2,1

2,1

2,3

3,6

2,4

Dort dau­er­ten wich­ti­ge Ver­hand­lun­gen noch an oder star­te­ten erst in der zwei­ten Jah­res­hälf­te. Ne­ben den Pi­lo­ten der Luft­han­sa su­chen der­zeit noch die Lot­sen der Deut­schen Flug­si­che­rung mit ih­ren Ar­beit­ge­bern nach ei­ner Lö­sung. Ab dem Spät­som­mer ver­han­deln der Mar­bur­ger Bund für die Ärz­te der kom­mu­na­len Kran­ken­häu­ser. Die gro­ße Un­be­kann­te wird al­ler­dings ein­mal mehr die Ge­werk­schaft deut­scher Lo­ko­mo­tiv­füh­rer sein. Sie ver­han­delt er­neut für das Zug­per­so­nal der Deut­schen Bahn. Da der Staats­kon­zern wie­der dar­auf be­ste­hen wird, ei­nen in­halts­glei­chen Ab­schluss mit der GDL und der Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft hin­zu­be­kom­men, könn­te der Kon­flikt­in­ten­si­tätsIn­dex zum Jah­res­en­de noch ein­mal deut­lich nach oben schnel­len.

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