Mit Go­mez be­ginnt die Flucht der Fuß­bal­ler

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

ISTAN­BUL/DÜS­SEL­DORF Ma­rio Go­mez wird sich wohl kaum von der Unesco auf die Lis­te der be­droh­ten Kul­tur­gü­ter set­zen las­sen kön­nen. Und als po­li­tisch Ver­folg­ter geht ein Pro­fi­fuß­bal­ler in al­ler Re­gel auch nicht durch. Den­noch be­teu­ert der deut­sche Na­tio­nal­spie­ler, er wer­de aus po­li­ti­schen Grün­den nicht mehr für Be­sik­tas Istan­bul spie­len. Beim On­line-Di­enst Ins­ta­gram schrieb er: „Schwe­ren Her­zens will ich euch Be­sik­tas-Fans per­sön­lich mit­tei­len, dass ich in der kom­men­den Sai­son nicht für die­sen tol­len Ver­ein, vor euch über­ra­gen­den Fans spie­len wer­de. Der Grund da­für ist aus­schließ­lich die po­li­ti­sche La­ge.“Go­mez ist der ers­te pro­mi­nen­te Sport­ler, der nach dem ge­schei­ter­ten Putsch und Prä­si­dent Er­do­gans Re­ak­tio­nen in der Tür­kei Kon­se­quen­zen zieht.

Sei­ne Er­klä­rung wirft Fra­gen auf. Die na­he­lie­gen­de stel­len skep­ti­sche Zeit­ge­nos­sen: Ist sie nur vor­ge­scho­ben? Da­für spricht, dass Go­mez seit der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft mit Wech­sel­ab­sich­ten un­ter­wegs ist. Sein Klub ist zwar noch der AC Flo­renz, der ihn ver­gan­ge­ne Sai­son an Be­sik­tas aus­ge­lie­hen hat, aber auch der Ver­ein will mit Go­mez an ei­nem Trans­fer­ge­schäft ver­die­nen. Der deut­sche Stür­mer soll zehn Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr er­hal­ten, das ist den Ita­lie­nern zu­viel. Sie ha­ben mit Won­ne ge­se­hen, dass der 31-Jäh­ri­ge bei der EM mit gu­ten Leis­tun­gen auf die gro­ße Büh­ne zu­rück­kehr­te. Das macht ihn wie­der zu ei­nem in­ter­es­san­ten Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt. Der VfL Wolfsburg hat sich be­reits in Stel­lung ge­bracht. Go­mez sieht sei­ne Zu­kunft eher in En­g­land. Be­sik­tas war nie ernst­haft ein The­ma.

Die zwei­te Fra­ge: Bleibt Go­mez der ein­zi­ge Fuß­bal­ler, der we­gen der po­li­ti­schen La­ge und der Un­si­cher­heit im öf­fent­li­chen Le­ben der Tür­kei den Rü­cken kehrt? Das ist un­wahr­schein­lich. Ob­wohl Pro­fi­sport- ler in ei­nem gol­de­nen Kä­fig le­ben, be­kom­men sie na­tür­lich mit, was im Land vor­geht. Vor al­lem die Zu­nah­me von An­schlä­gen wird sie ver­un­si­chern. Der ehe­ma­li­ge Münch­ner Jo­sé So­sa, heu­te eben­falls bei Be­sik­tas, hat schon laut über sei­ne Zu­kunft nach­ge­dacht. „Mei­ne Ehe­frau hat Angst, in Istan­bul zu le­ben. Ich ha­be Angst um mei­ne Töch­ter. Mei­ne Prio­ri­tät ist die Fa­mi­lie“, sag­te er. Und Lu­kas Po­dol­ski (Ga­la­ta­sa­ray), der we­gen sei­ner zahl­rei­chen Heim­flü­ge nach Köln stän­dig auf dem Istan­bu­ler Flug­ha­fen zu Gast ist, hat­te be­reits im Früh­jahr nach An­schlä­gen in der Tür­kei ei­nen Wech­sel er­wo­gen.

Die drit­te Fra­ge: Bleibt die Tür­kei das wich­tigs­te Win­ter­trai­nings­land der deut­schen Fuß­bal­ler? In der Tür­kei gibt es ei­ne re­gel­rech­te Trai­nings­la­ger-In­dus­trie. Al­lein sie­ben der 18 Bun­des­li­gis­ten be­rei­te­ten sich im ver­gan­ge­nen Win­ter in Be­lek oder An­ta­lya auf die Rück­run­de vor. Ob sie die Tür­kei auch künf­tig für ein si­che­res Land hal­ten, ist nicht her­aus. Viel­leicht ver­hal­ten sie sich wie die Tou­ris­ten, die dem Land be­reits vor dem Putsch und den po­li­ti­schen Um­wäl­zun­gen den Rü­cken kehr­ten. Im Mai wa­ren die Bu­chun­gen im Ver­gleich zum Vor­jahr um 34,7 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen.

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