Ein Le­ben auf zwei Rä­dern

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER SPORT - VON WAL­TER BRÜHL

Fahr­rä­der sind die Lei­den­schaft von Richard Pratt. Der Schot­te hat in Düs­sel­dorf sein Hob­by zum Be­ruf ge­macht.

Es gibt sie noch, die Lieb­ha­ber klas­si­scher Renn­rä­der. Und klas­si­scher Renn­rad-Tei­le. Zum Bei­spiel Holz­fel­gen. Heu­te schwört welt­weit zwar nur noch ei­ne Hand­voll von En­thu­si­as­ten auf die gu­ten Stü­cke von einst, aber die wer­den ver­mut­lich al­le schon mal von „Rit­chie“ge­hört ha­ben. Denn Richard John Pratt, Schot­te von Ge­burt und Düs­sel­dor­fer aus Über­zeu­gung, ist ei­ner der letz­ten Ex­per­ten für die­se sel­te­nen Stü­cke. Dank In­ter­net lan­de­ten schon Be­stel­lun­gen aus Groß­bri­tan­ni­en, den USA und Ja­pan in sei­nem La­den „Ric­ci-Sport“in der Gru­n­er­stra­ße. Seit 1992 ist „Rit­chie“in Düs­sel­dorf zu Hau­se. In Aber­de­en hat­te er zu­vor in der Elek­tro­nik­bran­che ge­ar­bei­tet. Doch er woll­te im­mer wo­an­ders hin: In die Welt des Rad­sports. Weit über 1000 Mal war der heu­te 68-Jäh­ri­ge als Fah­rer am Start.

Sein ers­tes ge­wann er mit 17, vie­le wei­te­re Sie­ge ka­men hin­zu. „Bei den High­land Ga­mes in Schott­land fuh­ren wir auch auf der Gras­bahn“, er­in­nert er sich. Spä­ter woll­te er als Mecha­ni­ker den Kon­takt zur Radsport-Welt hal­ten. Da­zu muss­te er aufs eu­ro­päi­sche Fest­land.

War­um Düs­sel­dorf? Dort war sei­ne zwei­te gro­ße Liebe zu Hau­se. Per Schiff reis­te er nach Ams­ter­dam, von dort aus ging es per Fahr­rad wei­ter zur Freun­din. „Am An­fang war es echt schwie­rig, ei­nen Job zu fin­den“, er­zählt er, „ich sprach kein Wort Deutsch.“Aber er konn­te mit Renn­rä­dern um­ge­hen. Das merk­te schließ­lich auch Wil­li Mül­ler, In­ha­ber des da­mals größ­ten Fach­ge­schäfts in Düs­sel­dorf. Richard Pratt: „Der konn­te erst nicht viel mit mir an­fan­gen. Ich sol­le ir­gend­et­was Be­son­de­res ma­chen, mein­te er, das wer­de er sich dann an­se­hen.“Pratt bau­te ein per­fek­tes Vor­der­rad mit nur 18 Spei­chen – zu ei­ner Zeit, als über 30 Spei­chen noch nor­mal wa­ren. Das war nicht nur leich­ter als die üb­li­chen Rä­der, es hat­te auch we­ni­ger Wind­wi­der­stand und roll­te da­her bes­ser. Ei­ne Fest­an­stel­lung war der Lohn.

Als Top-Mecha­ni­ker hat er sich ei­nen Na­men ge­macht. Auch als Renn­fah­rer fiel er auf: „Ein paar Sie­ge ha­be ich auch hier noch ge­holt.“Pratt fuhr Ren­nen am Rhe­in­sta­di­on, in Ra­tin­gen, in Ger­res­heim, in Bilk, rund um die Ober­post­di­rek­ti­on, rund um Hen­kel, am Flug­ha­fen oder in Knitt­kuhl. „Sams­tags und sonn­tags gab es im­mer Ge­le­gen­hei­ten zu ei­nem Start“, er­klärt er und denkt an bes­se­re Zei­ten zu­rück. Üb­rig ge­blie­ben ist nur das Ren­nen „Rund um die Kö“. Woran das liegt? Wie zu al­len Radsport-The­men fällt „Rit­chie“auch hier­zu je­de Men­ge ein. „Bei der ge­gen­wär­ti­gen Ein­tei­lung in A, B und C-Klas­se musst du je­de Wo­che rund 500 Ki­lo­me­ter trai­nie­ren, um ei­ne Chan­ce zu ha­ben. Wer schafft das noch?“fragt er. Es feh­le ei­ne „D-Klas­se“wie in Groß­bri­tan­ni­en, wo auch Lieb­ha­ber mit­fah­ren kön­nen. Ho­he Auf­la­gen und stän­dig stei­gen­de Kos­ten mach­ten den Ver­an­stal­tern das Le­ben schwer. Man­che von ih­nen leb­ten aber auch zu sehr in der Ver­gan­gen­heit. Für die Ren­nen in der al­ten Form gibt es im­mer we­ni­ger Teil­neh­mer. „Rund um Köln ist klas­se“, nennt er ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Dort hat prak­tisch je­der die Mög­lich­keit, mit­zu­fah­ren: Pro­fis, Ama­teu­re und Hob­by­sport­ler.

In der Not hat Pratt ei­ge­ne Ide­en ent­wi­ckelt. Auf dem Hol­zo­val in Bütt­gen kön­nen sich Freun­de und Kun­den ge­le­gent­lich auf der Bahn tes­ten. Au­ßer­dem rief er die „Klas­sik-Aus­fahrt“ins Le­ben, wo in­zwi­schen nicht mehr nur auf rad­sport­li­chen Old­ti­mern rund um Düs­sel­dorf Sport in lo­cke­rer Form an­ge­bo- ten wird. „Das ist ein Hob­by, kein Ge­schäft“, be­schreibt „Rit­chie“sei­ne Be­schäf­ti­gung mit den al­ten Schätz­chen. Zum Über­le­ben wür­de das nicht rei­chen. Sein La­den sieht zwar ein biss­chen aus wie ein Mu­se­um der Renn­rad-Ge­schich­te, zum Geld­ver­die­nen sind mo­der­ne Ma­schi­nen aber un­ver­zicht­bar. Die pfle­gen und re­pa­rie­ren er und sei­ne Mit­ar­bei­ter ge­nau­so sorg­fäl­tig wie bei­spiels­wei­se die klas­si­schen Rä­der des le­gen­dä­ren Lon­do­ner Her­stel­lers Claud But­ler oder ed­le Stahl­rah­men aus Ita­li­en.

Auch „Rit­chie“selbst ist im nor­ma­len Le­ben meist auf neu­en Ma­schi­nen un­ter­wegs: Oft als In­struk­tor für Trai­nings­grup­pen auf Mallor­ca oder schlicht und ein­fach, um selbst in Form zu blei­ben. „Viel­leicht“, so ver­rät er, „ge­he ich im Spät­som­mer noch­mal bei den Se­nio­ren-Welt­meis­ter­schaf­ten in St. Jo­hann in Ös­ter­reich an den Start.“Und ver­weist auf ei­ne der vie­len schö­nen Sei­ten sei­nes Lieb­lings­sports: Ob auf mo­der­nen oder klas­si­schen Renn­rä­dern, auch die Fah­rer blei­ben bis ins ho­he Al­ter gut in Schuss.

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