Der Best­sel­ler-Förs­ter

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER FO­TO: STE­FAN FIN­GER/LAIF

Pe­ter Wohl­le­ben er­klärt uns das viel­fäl­ti­ge See­len­le­ben der Tie­re und hat da­mit schon wie­der ein Er­folgs­buch ge­schrie­ben.

HÜMMEL Sei­nen Aus­gang nimmt die­ser neue Best­sel­ler im Gar­ten von Förs­ter Pe­ter Wohl­le­ben. Und es be­ginnt mit ei­nem Eich­hörn­chen, das an ei­nem hei­ßen Som­mer­tag 1996 über den Ra­sen in Rich­tung Pl­ansch­be­cken hop­pelt und nach we­ni­gen Schrit­ten auf die Seite fällt. Das Tier ist nicht krank, son­dern für­sorg­lich und lie­bend. Ein Jung­tier um­klam­mer­te näm­lich den Hals sei­ner Mut­ter, die da­durch kaum noch Pus­te hat und im­mer wie­der er­schöpft pau­siert. Was die­ses Tier ein­zig vor­an­treibt, ist auf­op­fe­rungs­vol­le Mut­ter­lie­be.

Das ist nur ei­ne klei­ne Be­ob­ach­tung. Vie­le von uns wür­den sie al­len­falls ver­bu­chen un­ter „schö­nes Fe­ri­en­er­leb­nis“. Pe­ter Wohl­le­ben aber hat die Epi­so­de aus dem Gar­ten auf ei­ne Fähr­te ge­setzt – auf das „See­len­le­ben der Tie­re“. Und wie das so ist, wenn man ein­mal mit dem Su­chen be­gon­nen hat, dann wird man bald auch fün­dig. Dar­aus ist jetzt ein Buch ge­wor­den: 240 Sei­ten vol­ler tie­ri­scher Liebe und Trau­er, Hu­mor und Mit­ge­fühl – und zu­dem ein Best­sel­ler, der die ein­schlä­gi­gen Hit­lis­ten seit ei­nem Mo­nat an­führt und Au­to­ren wie den Da­lai La­ma, Thi­lo Sar­ra­zin und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re hin­ter sich lässt. 90.000 ver­kauf­te Ex­em­pla­re sind er­staun­lich und wahr­schein­lich erst der An­fang. Weil näm­lich Wohl­le­bens Vor­gän­ger­buch aus dem ver­gan­ge­nen Jahr phä­no­me­na­le 27 Wo­chen un­se­re Best­sel­ler­lis­ten an­führ­te und sei­ne Über­set­zungs­rech­te in 25 Län­der ver­kauft wur­den. Ganz schön viel Holz, das dem­nächst für die Pro­duk­ti­on welt­weit ge­fällt wer­den muss.

Auch wenn Zy­nis­mus fehl am Plat­ze ist, drängt sich doch die Fra­ge auf, war­um die Deut­schen erst jüngst das Schred­dern le­ben­der Kü­ken sank­tio­nier­ten und Wohl­le­bens Ein­bli­cke in die wei­te Glücks- und Lei­dens­fä­hig­keit der Tie­re dann von Her­zen lie­ben. Bloß ei­ne Ali­bi-Lek- tü­re? Oder der Wunsch nach Ro­man­ti­sie­rung? Wohl­le­ben sagt da­zu kein Wort, weil das nicht sei­ne Art ist. „Wir sind schon von so vie­len Re­geln um­ge­ben, da will ich – et­wa zum Um­gang mit Tie­ren – kei­ne wei­te­ren hin­zu­fü­gen. Ich möch­te nicht mo­ra­li­sie­ren und als Au­tor den Zei­ge­fin­ger he­ben.“

Viel­leicht liegt auch dar­in ein Er­folg des Bu­ches. Wohl­le­ben be­lehrt nicht und er­zieht nicht, er er­zählt Ge­schich­ten. Und dass es meist sei­ne Ge­schich­ten sind, macht ihn glaub­wür­dig. Ei­gent­lich ist sein gan­zes Buch ein ein­zi­ger Spa­zier­gang durch die Na­tur mit ihm als Förs­ter.

Und so stau­nen wir über Krä­hen, die aus Spaß an der Freud Dä­cher run­ter­rut­schen, er­le­ben die Fa­mi­li­en­hün­din Ma­xi, die ge­ra­de noch in der Kü­che ei­ne Schüs­sel vol­ler Knö­del ver­drück­te und nun ei­ne un­glaub­li­che Un­schulds­mie­ne auf­legt. Kei­ne „bio­lo­gi­sche Fress­ma­schi­ne“schaut uns da an, schreibt Wohl­le­ben, son­dern ein Schlitz­ohr. Und so geht es mun­ter wei­ter mit Ge­schich­ten von Ra­ben, die of­fen­bar zu ech­ter Liebe fä­hig sind, Eich­hörn­chen, die die Na­men ih­rer Ver­wand­ten ken­nen, und schließ­lich Gold­fi­schen, de­nen das Hor­mon für Mut­ter­lie­be nach­ge­wie­sen wer­den kann.

So et­was ist man­chen dann doch et­was zu viel. Wohl­le­ben, so heißt es, ver­mensch­li­che nur die Tie­re. Sol­che Ana­lo­gi­en sei­en un­wis­sen­schaft­lich, auf je­den Fall träu­me­risch, wenn nicht gar eso­te­risch. „Ich se­he das eher um­ge­kehrt“, sagt uns Wohl­le­ben, „dass näm­lich der Mensch wie­der zu­rück ins Glied ein­sor­tiert wird und da lan­det, wo er streng ge­nom­men auch hin­ge­hört – ins Tier­reich.“Streng bio­lo­gisch be­trach­tet sei der Mensch oh­ne­hin ein Tier. Pe­ter Wohl­le­ben ist un­auf­ge­regt, hat nichts Mis­sio­na­ri­sches an sich.

Das ist sei­ne Stär­ke und macht ihn we­ni­ger an­greif­bar. Auch mit per­sön­li­chen Be­kennt­nis­sen wie die­sen: „Die Sicht­wei­se, Tie­re als ei­ne Art Bio­ro­bo­ter zu be­grei­fen, fand ich im­mer schon merk­wür­dig.“Oder: „Ich konn­te mir nie vor­stel­len, dass Tie­re ein­fach nur dumpf und blö­de vor sich hin­le­ben.“Für ihn steht fest, dass Tie­re, die ih­ren In­stink­ten fol­gen, auch zwangs­läu­fig füh­len kön­nen. Ei­ne Rech­nung, die nicht gleich des­halb falsch sein muss, nur weil sie ein­fach ist.

Pe­ter Wohl­le­ben ist ein biss­chen deut­scher Re­bell des Wal­des. Als Gym­na­si­ast las er den Be­richt des „Club of Ro­me“und be­schloss, der Na­tur zu hel­fen. Als Be­am­ter der Forst­ver­wal­tung er­kann­te er, wie die Na­tur aus­ge­beu­tet wird. Jetzt, als Förs­ter der klei­nen Ei­fel­ge­mein­de Hümmel, geht er scho­nend mit dem Wald um; ver­zich­tet auf Pflan­zen­schutz­mit­tel und bringt Pfer­de zum Ein­satz. Ein Le­ben fast in der Na­tur und sehr nah bei den Tie­ren.

Auch bei Frido­lin, sei­nem Hahn. Der hat nur zwei Hen­nen, Lot­ta und Pol­ly, und muss die­se für sei­ne stän­di­gen Paa­rungsat­ta­cken über­lis­ten. Mit ei­nem Lock­ruf, der ei­gent­lich le­cke­rem Es­sen vor­be­hal­ten ist. Ein er­folg­rei­cher Trick. An­fangs je­den­falls. Bis die bei­den Da­men miss­trau­isch wur­den und jetzt – wie Wohl­le­ben be­ob­ach­te­te – selbst bei ech­ten Fut­ter­fun­den auf­fal­lend zu­rück­hal­tend sind.

Auch Hüh­ner ha­ben See­len.

Pe­ter Wohl­le­ben – Jahr­gang 1964 – in sei­nem Re­vier.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.