Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Eva . . . Ich weiß, wie doof das Vieh ist, aber ich glau­be nicht, dass es sich um­brin­gen wird, be­vor ich nach Hau­se kom­me . . . ach, ver­damm­te Sch . . . okay. Im Lamb & Flag. Ja, klar, tschüss . . .“

Er be­en­de­te das Te­le­fo­nat und un­ter­brach An­nas und Lau­rence’ Un­ter­hal­tung.

„Äh . . . Eva hat ir­gend­wo ge­le­sen, dass Li­li­en­pol­len gif­tig für Kat­zen sind. Jetzt will sie zu mir nach Hau­se fah­ren und ei­ne Pflan­ze weg­räu­men, die mei­ne Mum mir ge­kauft hat. Of­fen­bar kann das kei­ne zwei St­un­den war­ten. Sie kommt her und holt sich den Schlüs­sel.“

An­na er­schau­der­te vor Neu­gier. Nun wür­de sie tat­säch­lich die Ex ken­nen­ler­nen. Falls sie wirk­lich die Ex war. Viel­leicht leb­ten Ja­mes und Eva ja in ei­ner die­ser stür­mi­schen Be­zie­hun­gen, in de­nen man sich al­le fünf Wo­chen trenn­te, da­mit es nicht lang­wei­lig wur­de.

„Be­nutzt sie die­ses Ewok-Un­ge­heu­er noch im­mer, um dich als Bett­vor­le­ger zu miss­brau­chen?“, höhn­te Lau­rence. „War­um nimmt sie da­zu nicht gleich die Kat­ze? Ha, ha, ha.“Ja­mes ver­zog un­wil­lig das Ge­sicht.

„Mo­ment mal“, fuhr Lau­rence fort. „Wann ge­nau hast du ihr er­zählt, dass du das Haus ver­kau­fen willst?“

Ja­mes’ Blick husch­te zu An­na hin­über. Sie spür­te, wie un­an­ge­nehm es ihm war, das The­ma in ih­rer Ge­gen­wart zu er­ör­tern.

„Heu­te?“, be­harr­te Lau­rence. An­na hat­te so ein Ge­fühl, dass die Re­tour­kut­sche ihm die­bi­sche Freu­de be­rei­te­te. Ja­mes nick­te. „Dir ist doch klar, was sie da treibt, oder? Sie will raus­krie­gen, mit wem du den heu­ti­gen Abend ver­bringst. Und dann will sie sich Zu­tritt zum Haus ver­schaf­fen, um nach Spu­ren ei­nes Ver­bre­chens zu fahn­den, wenn du ver­stehst, was ich mei­ne. Im Schlaf­zim­mer.“

Ja­mes, der sich sicht­lich un­be­hag­lich fühl­te, zuck­te die Ach­seln. An­na wand­te den Blick ab. Ver­mut­lich spiel­te Lau­rence auf ei­ne ganz be­stimm­te Per­son an. Auch wenn sich das nicht mit der leicht me­lan­cho­li­schen Stim­mung deck­te, die Ja­mes zu um­ge­ben schien. Aber viel­leicht ge­hör­te er ja zu den Leu­ten, die es schaff­ten, ein ge­bro­che­nes Herz und ein aus­ge­füll­tes Lie­bes­le­ben un­ter ei­nen Hut zu brin­gen.

Als Eva zum Pub her­ein­kam, war es, als ha­be die jun­ge Deb­bie Har­ry ei­ne Gast­rol­le in ei­ner Ent­hül­lungs­rea­li­ty­show. Ih­re Haa­re hat­ten die Far­be wei­ßer Scho­ko­la­de, sie hat­te ho­he Wan­gen­kno­chen, Kat­zen­au­gen und ei­nen straf­fen, zier­li­chen Kör­per. Die in ei­ner dunk­len Je­ans ste­cken­den Ober­schen­kel wie­sen ober­halb der Knie die ob­li­ga­to­ri­sche drei­ecki­ge Lü­cke auf.

„Eva, wie geht es dir, al­tes Mäd­chen!“Lau­rence zog sie schwung­voll an sich und hauch­te ihr ei­nen Kuss auf die Wan­ge.

„Hal­lo, Lau­rence“, er­wi­der­te sie ohne die Spur ei­nes Lä­chelns. Evas Stim­me hat­te je­nen dia­mant­har­ten, ero­ti­schen Ein­schlag, der mit ih­rem skan­di­na­vi­schen Ak­zent ein­her­ging. Ja­mes stell­te al­le ein­an­der vor. „Eva, das ist An­na. Ih­re Schwes­ter Ag­gy. Mi­chel­le.“

Eva mach­te ein Ge­sicht, als hät­te Ja­mes ihr Crys­tal, Rio und Can­dy­Blush, ver­dien­te Mit­ar­bei­te­rin­nen des Stri­plo­kals String­fel­lows, vor­ge­stellt. Bil­de­te An­na es sich nur ein, oder blieb Evas Blick bei der Op­tik- kon­trol­le am längs­ten an ihr hän­gen?

„An­ge­nehm“, sag­te Eva mit ei­ner Stim­me ohne je­den Aus­druck.

Die an­de­ren fuh­ren in ih­ren Un­ter­hal­tun­gen fort, doch An­na hör­te nur mit hal­bem Ohr zu. In Wahr­heit be­lausch­te sie Ja­mes und Eva, wäh­rend er ihr den Haus­schlüs­sel gab.

„Könn­test du ihn un­ter den blau­en Blu­men­topf le­gen, wenn du fer­tig bist?“

„Ich wer­fe die Blu­men in den Müll und brin­ge ihn gleich raus.“

„Wie du meinst“, ent­geg­ne­te Ja­mes. „Ich wer­de mei­ne Mum bit­ten, sol­che ge­dan­ken­lo­sen Ges­ten in Zu­kunft blei­ben zu las­sen.“

An­na warf den bei­den ei­nen ra­schen Blick zu. Eva mus­ter­te Ja­mes, als lie­ge ihr ei­ne schnip­pi­sche Ant­wort auf der Zun­ge. „Lu­ther könn­te dar­an ster­ben.“„Schon ver­stan­den. Okay.“An­na fiel auf, wie gleich­gül­tig Eva es of­fen­bar war, dass sie mit­ten in ei­nen ge­sel­li­gen Abend hin­ein­platz­te. Sie schob sich ein­fach zwi­schen Ja­mes und die an­de­ren und herrsch­te ihn an. Sei­ne Mie­ne hat­te sich ver­fins­tert.

„Nett, euch ken­nen­zu­ler­nen“, sag­te sie noch, be­vor sie ging.

Nur dass es für An­na wie ei­ne kaum ver­hoh­le­ne Dro­hung klang. So wie ein Po­li­zist, der ei­nem Ei­nen schö­nen Tag noch wünsch­te, aber ei­gent­lich We­he, wenn Sie et­was an­stel­len mein­te.

Kein Wun­der, dass Ja­mes die Sa­che mit dem Eis­zap­fen im BH per­sön­lich ge­nom­men hat­te. An­schei­nend war er mit ei­nem wan­deln­den Kühl­schrank ver­hei­ra­tet. Be­stimmt pas­sen sie gut zu­sam­men, dach­te An­na, wäh­rend sie an ih­rem Sau­vi­gnon blanc nipp­te.

Auf dem Heim­weg in der U-Bahn spöt­tel­ten Mi­chel­le und Ag­gy so­li- darisch über Ja­mes Fra­ser. An sei­nem Be­neh­men sei zwar nichts aus­zu­set­zen, stell­ten sie bei­de fest. Und, ja, er sei un­ver­schämt at­trak­tiv. Al­ler­dings auch ein­ge­bil­det. Der ge­schwät­zi­ge Lau­rence sei ih­nen viel lie­ber. Von sei­nen be­müh­ten Ver­su­chen ab­ge­se­hen, An­na an­zu­bag­gern, sei er recht char­mant ge­we­sen.

Was An­na selbst be­traf, hat­te sie das Ge­fühl, dass Ja­mes durch sie hin­durch­schau­te, wäh­rend Lau­rence sie mit Bli­cken aus­zog.

Es dau­er­te ei­ne Wei­le, bis Ja­mes be­merk­te, dass Par­ker mit ihm sprach und den Ra­dau von Du­ran Du­ran zu über­brül­len ver­such­te. Er war ge­ra­de da­bei, An­nas Bei­trä­ge für die Apps aus­zu­su­chen. Sie hat­te recht. Das Ma­te­ri­al war so span­nend, dass man sich kaum ent­schei­den konn­te, was man auf­neh­men oder weg­las­sen soll­te. Beim Be­trach­ten der Bil­der wur­de ihm klar, dass sie der Kai­se­rin Theo­do­ra ziem­lich ähn­lich sah. Sie hat­ten die glei­chen dunk­len, ein­dring­li­chen Au­gen.

„Ich hab dich ges­tern Abend ge­se­hen“, ver­kün­de­te Par­ker, nach­dem er die Mu­sik lei­ser ge­macht hat­te.

„Oh“, er­wi­der­te Ja­mes. Ihm wur­de ein we­nig heiß im Na­cken.

„Mit dei­ner Freun­din? In Co­vent Gar­den?“Le­xie schau­te rü­ber. „Aha“, ant­wor­te­te Ja­mes. Er war ner­vös. Ein Miss­ver­ständ­nis, das er ganz ein­fach aus der Welt schaf­fen konn­te. Al­ler­dings pass­te es ihm ei­gent­lich in den Kram. Der Satz „Sie ist nicht mei­ne Freun­din“hät­te nur wei­te­re Nach­for­schun­gen in Sa­chen ima­gi­nä­re Part­ne­rin zur Fol­ge ge­habt, de­ren Bio­gra­phie er sich erst noch aus­den­ken muss­te.

(Fort­set­zung folgt)

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