Erd­ge­schich­te St­ein für St­ein

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PANORAMA -

An Kie­sel­stei­nen, die man am Rhein­ufer ent­deckt, lässt sich die Ent­ste­hung der Er­de nach­voll­zie­hen. Geo­lo­ge Sven

von Lo­ga er­klärt, wor­auf man da­bei ach­ten muss. Ei­ne Rei­se zu­rück zu den An­fän­gen des blau­en Pla­ne­ten.

von Lo­ga. Die Über­res­te von Old Red wur­den in das süd­lich ge­le­ge­ne De­von­meer ge­tra­gen. Dort ver­fes­tig­ten sie sich und wur­den vom afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent, der Rich­tung Eu­ro­pa wan­dert, erst ge­fal­tet und dann nach oben ge­drückt – das Rheinische Schie­fer­ge­bir­ge ent­stand. Über Mil­lio­nen von Jah­ren wur­de letzt­lich auch die­ses ab­ge­tra­gen. Die Bröck­chen, die von dem Mas­siv üb­rig blie­ben, fin­det man heu­te als stei­ner­ne Zeit­zeu­gen am Ufer und im Fluss­bett.

Be­zeich­net wer­den die­se St­ei­ne häu­fig als Rh­ein­kie­sel, doch oft ist die­ser Na­me ei­gent­lich falsch. „Die rich­ti­ge Be­zeich­nung für die meis­ten St­ei­ne, die man am Rhein­ufer fin­det, ist ,Rhein­ge­röll’.“Rh­ein­kie­sel nen­ne man aus­schließ­lich ab­ge­roll­te Berg­kris­tal­le aus den Al­pen. De­ren Wert ist we­gen des ge­rin­gen Vor­kom­mens hö­her als der von Gold – im Ge­gen­satz zu den vie­len an­de­ren St­ein­chen, die man am Rhein­ufer fin­det. „Rhein­ge­röl­le ha­ben in den meis­ten Fäl­len nur ei­nen Samm­ler­wert“, er­klärt der Ex­per­te. Wür­de man sie prä­pa­rie­ren und auf ei­ner Mi­ne­ra­li­en­bör­se ver­kau­fen, wür­den Auf­wand und Er­trag weit aus­ein­an­der lie­gen.

Der ma­te­ri­el­le Wert der St­ei­ne ist ver­schwin­dend ge­ring – für ei­ne Ge­schichts- st­un­de aber sind sie Gold wert. „An den Ufern lie­gen Kie­sel aus sämt­li­chen Epo­chen, von der Kar­bon­zeit bis zur letz­ten Eis­zeit vor et­wa 13.000 Jah­ren“, er­zählt von Lo­ga. Sein Wis­sen über Rh­ein­kie­sel und -ge­röl­le gibt der Geo­lo­ge wäh­rend Füh­run­gen ent­lang des Rheins an In­ter­es­sier­te wei­ter. Ne­ben ei­nem Ham­mer („Ohne den ge­he ich nie­mals aus dem Haus“) hat er wäh­rend der mehr­stün­di­gen Ex­pe­di­tio­nen im­mer auch ei­ne geo­lo­gi­sche Kar­te Deutsch­lands da­bei – na­tür­lich aus­wen­dig in sei­nem Kopf, wie es sich für ei­nen Geo­lo­gen ge­hört. So kann er fast je­den St­ein, den er beim Wa­ten durch das seich­te Was­ser aus dem Fluss hebt, auf sei­nen Ur­sprung hin be­stim­men.

Häu­fig hält von Lo­ga da­bei Sand­stei­ne in der Hand. Das sind graue Kie­sel, die von wei­ßen Quarz-Adern durch­zo­gen sind – die am Nie­der­rhein wohl ty­pischs­ten Ge­röl­le. Ent­stan­den sind sie vor 400 Mil­lio­nen Jah­ren, als sich St­ein­mas­si­ve durch ho­hen Druck auf­spal­te­ten und von quarz­hal­ti­gen Lö­sun­gen durch­flos­sen wur­den. Die Flüs­sig- keit kühl­te ab und füll­te die ent­stan­de­nen Spal­ten mit Quarz. „Im Grun­de sind die­se Ge­röl­le Mi­nia­tur­aus­ga­ben der zer­bro­che­nen und wie­der re­pa­rier­ten Ei­fel.“

Ne­ben den all­täg­lich er­schei­nen­den Kie­seln tau­chen im Fluss­bett auch im­mer wie­der bunt schim­mern­de St­ei­ne, so ge­nann­te Acha­te, auf. Die meist gelb­lich bis oran­ge ge­färb­ten St­ei­ne ent­stan­den vor rund 250 Mil­lio­nen Jah­ren. Da­mals brach na­he dem heu­ti­gen Idar-Ober­stein ein Vul­kan aus. Als die aus­ge­tre­te­ne La­va er­kal­te­te, schloss sie im In­ne­ren klei­ne Gas­bla­sen ein. Auch in die­se Hohl­räu­me floss Was­ser, in dem Quarz ge­löst war. Die­ses la­ger­te sich ab und ließ die Acha­te ent­ste­hen. Vie­le der leuch­ten­den St­ei­ne ha­ben ei­nen Berg­kris­tall in der Mit­te ein­ge­schlos­sen. „Acha­te ha­ben ei­nen ho­hen Samm­ler­wert“, sagt von Lo­ga. Be­son­ders an­sehn­lich wer­den sie aber erst, wenn sie auf­ge­schla­gen und an der Bruch­kan­te po­liert wer­den. Die Men­ge an in­ter­es­san­ten Fund­stü­cken ist groß – hin und wie­der aber lässt sich auch der Pro­fi täu­schen. Vor al­lem hin­ter Köln fin­det er im­mer wie­der Stü­cke, die Acha­ten oder Kie­seln zum Ver­wech­seln ähn­lich se­hen, tat­säch­lich aber nur von den Wel­len po­lier­te Flie­sen oder Ka­cheln sind. Schuld dar­an sei­en die Rö­mer, er­klärt von Lo­ga. „Die ha­ben zu ih­rer Zeit ein­fach al­les in den Rhein ge­kippt.“Auch, wenn die Viel­falt der Ge­röl­le im und am Rhein ver­lo­ckend für Samm­ler ist, ist Vor­sicht ge­bo­ten. Bei Nied­rig­was­ser kön­nen auch ge­fähr­li­che Ob­jek­te zum Vor­schein kom­men. So ist bei­spiels­wei­se ein Fall be­kannt, in dem ein Mann ein wert­vol­les Gestein mit leicht ent­zünd­li­chem Phos­phor ver­wech­sel­te und sich schwe­re Ver­bren­nun­gen zu­zog.

Doch auch Über­res­te lang aus­ge­stor­be­ner Le­be­we­sen lie­gen als Zeu­gen der Erd­ge­schich­te an den Ufern des Rheins. Zwi­schen un­zäh­li­gen Kie­seln hat Sven von Lo­ga schon ei­nen Mam­mut-Ba­cken­zahn ge­fun­den. Der glänzt zwar nicht wie die Kie­sel, die der lei­den­schaft­li­che Samm­ler mitt­ler­wei­le kis­ten­wei­se in sei­nem Haus ge­sta­pelt hat, „aber es ist toll, wenn man weiß, dass hier mal ein Mam­mut ent­lang­ge­lau­fen ist“. Al­le Fol­gen der Rheinserie un­ter www. rp-on­line.de/ rhein­lie­be

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