„Es gab drei Schüs­se: Bang, bang, bang!“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - TERROR IN MÜNCHEN - VON PATRICK GUYTON UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER

Am Münch­ner Olym­pia-Ein­kaufs­zen­trum ster­ben Men­schen. In der Stadt brei­tet sich Angst aus, der Ver­kehr bricht zu­sam­men.

MÜN­CHEN Es ist kurz vor sechs ges­tern Abend, als meh­re­re No­t­ru­fe gleich­zei­tig bei der Po­li­zei in Mün­chen ein­ge­hen. Schie­ße­rei vor ei­nem Schnell­re­stau­rant am Ein­kaufs­zen­trum na­he dem Olym­pia­park, mel­den An­ru­fer. Die La­ge sei völ­lig un­über­sicht­lich. Ein Au­gen­zeu­ge, der am Tat­ort steht, filmt wäh­rend­des­sen, wie ein Mann im schwar­zen T-Shirt und Jeans vor ei­ner McDo­nald’s-Fi­lia­le plötz­lich ei­ne Pis­to­le zieht und auf Men­schen schießt, die dort zu­fäl­lig ste­hen. Au­tos fah­ren auf der Stra­ße vor­bei. Das scheint den Schüt­zen nicht zu stö­ren – er schießt ein­fach wei­ter. Dann rennt auch der Au­gen­zeu­ge weg, wäh­rend er wei­ter­filmt. Er warnt da­bei an­de­re Pas­san­ten vor der Ge­fahr. Man­che fin­den Zuflucht in na­he­lie­gen­den Woh­nun­gen.

Die Po­li­zei schickt so­fort al­le ver­füg­ba­ren Kräf­te zum Ein­kaufs­zen­trum, dar­un­ter auch Spe­zi­al­ein­satz­kom­man­dos (SEK). Als die Be­am­ten ein­tref­fen, lau­fen die Men­schen dort be­reits pa­nisch auf den Stra­ßen her­um. „Wir wa­ren im McDo­nald’s, hat­ten uns gera­de an­ge­stellt, woll­ten was essen. Da bricht die Pa­nik aus. Die Mit­ar­bei­ter sind raus­ge­rannt. Kin­der ha­ben ge­schrien. Man hat drei Schüs­se ge­hört: Bang, bang, bang!“, schil­dert ei­ne Au­gen­zeu­gin. „Die Men­schen sind ge­flo­hen, ha­ben sich ge­bückt. Es herrsch­te kom­plet­te Pa­nik.“Auf dem Vi­deo sind deut­lich mehr Schüs­se zu hö­ren – 15, vi­el­leicht 20 Mal knallt es. Ei­ne an­de­re Zeu­gin be­rich­tet von Schüs­sen auch aus dem Ober­ge­schoss.

Ei­ne Frau na­mens Lo­ret­ta sagt dem US-Sen­der CNN, im Re­stau­rant sei auch auf Kin­der ge­schos­sen wor­den. Ihr acht­jäh­ri­ger Sohn ha­be auf der Toi­let­te ei­nen dun­kel ge­klei­de­ten Mann ge­se­hen. Der Mann ha­be „Al­la­hu ak­bar“ge­ru­fen – „Gott ist groß“, der Schlacht­ruf der is­la­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten. Be­stä­tigt ist das bis zum spä­ten Abend nicht.

Of­fen­sicht­lich sind meh­re­re Tä­ter un­ter­wegs. Sie flie­hen zu­nächst ins Ein­kaufs­zen­trum – ein wei­te­res Vi­deo zeigt ei­nen schwarz ge­klei­de­ten Mann, der auf ei­nem Park­deck im­mer wie­der Schüs­se ab­gibt. Auch der Mann vom McDo­nald’s ist auf ei­nem Fo­to auf dem Park­deck zu se­hen. Dass die Män­ner sich den Be­reich vor dem Zen­trum für ih­re Mor­de aus­ge­sucht ha­ben, hat ei­ne Lo­gik: Ei­ner­seits hal­ten sich dort zu die­ser Zeit vie­le Men­schen auf, an­de­rer­seits kann man von dort blitz­ar­tig mit der U-Bahn ver­schwin­den.

Die Be­am­ten fin­den am Ein­kaufs­zen­trum To­te und Ver­letz­te vor. Über die An­zahl der To­ten gibt es zu­nächst wi­der­sprüch­li­che An­ga- ben. Man­che Qu­el­len spre­chen von drei To­des­op­fern, an­de­re von min­des­tens sechs, auch die Zahl 15 kur­siert zu­nächst.

So­fort wird das Ge­biet um den Tat­ort weit­räu­mig ab­ge­sperrt, Stra­ßen­sper­ren wer­den er­rich­tet. Das Ein­kaufs­ge­bäu­de liegt im Nord­wes­ten Mün­chens im Stadt­teil Moo­sach, mit­ten in ei­nem Wohn­ge­biet. Die Bun­des­po­li­zei ver­schärft die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen an Bahn­hö­fen und am Flug­ha­fen. Der Haupt­bahn­hof wird eva­ku­iert; der UBahn-Ver­kehr wird ge­stoppt. Die Er­mitt­ler ver­mu­ten, dass die An­grei­fer mit der U-Bahn ge­flüch­tet sein könn­ten. Nach ih­nen wird noch am spä­ten Abend ge­sucht.

In Mün­chen herrscht kurz nach der Schie­ße­rei Ve­r­un­si­che­rung. Nie­mand weiß, wo die Tä­ter sind. Und wer sie sind. Auch die Mo­tiv­la­ge ist völ­lig un­klar. „So­lan­ge sie nicht ge­fasst sind, kön­nen sie je­der­zeit wie­der zu­schla­gen. Bit­te seid vor­sich­tig“, schreibt ein jun­ger Mann über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter. Über die so­zia­len Netz­wer­ke ver­brei­tet sich die Nach­richt von dem At­ten­tat.

Die La­ge wird von der Po­li­zei den gan­zen Abend über als „un­klar“be­zeich­net – und als ge­fähr­lich. Schlag­ar­tig wird das klar, als der ge­sam­te öf­fent­li­che Ver­kehr im Münch­ner Raum ein­ge­stellt wird. Es fah­ren kei­ne U- und S-Bah­nen, kei­ne Bus­se und kei­ne Tram­bah­nen mehr. An den Hal­te­stel­len ste­hen noch Men­schen, die bis­her nicht in­for­miert sind, und war­ten. Die Bus­se fah­ren leer an ih­re Stand­or­te, als Fahrt­ziel steht nur „Rück­fahrt“.

Im­mer mehr Stra­ßen­sper­ren wer­den er­rich­tet. Mün­chen wird bin­nen ganz kur­zer Zeit ab­ge­rie­gelt, qua­si be­we­gungs­un­fä­hig ge­macht. Die Tä­ter schei­nen auf der Flucht zu sein. Sie sol­len nicht weit kom­men, so ist das Kal­kül der Po­li­zei, sol­len nicht flie­hen und vor al­lem kei­ne wei­te­re Ge­fahr dar­stel­len, wo­mög­lich wei­te­re Men­schen tö­ten.

Die Gast­häu­ser in der In­nen­stadt schlie­ßen. Ei­ni­ge Men­schen, die nicht wis­sen, wie sie nach Hau­se kom­men, fin­den Un­ter­schlupf bei Münch­nern, die ih­re Woh­nungs­tü­ren für sie öff­nen. Auch in die Staats­kanz­lei kön­nen die Ge­stran­de­ten kom­men, um nicht auf der Stra­ße blei­ben zu müs­sen. Die Bahn stellt Über­nach­tungs­zü­ge be­reit.

Die La­ge am Ein­kaufs­zen­trum bleibt der­weil hek­tisch. Blau­lich­ter blin­ken, Si­re­nen jau­len. Noch im­mer sol­len sich, so be­rich­tet ein Re­por­ter des Baye­ri­schen Rund­funks, Men­schen in der gro­ßen Shop­pin­gMall auf­hal­ten, die in Si­cher­heit ge­bracht wer­den müs­sen. Sie hät­ten sich im La­ger ei­nes Be­klei­dungs­ge­schäf­tes ver­steckt, die Luft wer­de sti­ckig und dünn. Erst am spä­ten Abend heißt es, die Men­schen hät­ten das Zen­trum ver­las­sen.

Über dem Zen­trum kreist ein Po­li­zei­hub­schrau­ber. Ein Scharf­schüt­ze späht her­aus. Das SEK durch­kämmt Ge­bäu­de na­he dem Tat­ort. Die Er­mitt­ler hof­fen, dass die Über­wa­chungs­ka­me­ras in der Shop­pin­gMall und in der U-Bahn die Schüt­zen ge­filmt ha­ben. Die Su­che wird durch Men­schen be­hin­dert, die den Ein­satz fil­men und ins In­ter­net stel­len. „Da­durch kön­nen die Tä­ter se­hen, was wir ma­chen“, kri­ti­siert ei­ne Po­li­zei­spre­che­rin. Weil vie­le Tou­ris­ten in der Stadt sind, twit­tert die Po­li­zei auch auf Fran­zö­sisch, Eng­lisch, Spa­nisch und Tür­kisch.

Aus ganz Deutsch­land wer­den Po­li­zei­kräf­te nach Mün­chen ge­schickt, dar­un­ter auch die in NRW sta­tio­nier­te GSG 9. Sie wer­den mit Hub­schrau­bern nach Mün­chen ge­flo­gen. „Wir stel­len uns auf ei­ne län­ger­fris­ti­ge La­ge ein“, teilt die Po­li­zei am spä­ten Abend mit und ap­pel­liert noch ein­mal an die Bür­ger: „Mei­den Sie die Um­ge­bung um das Ein­kaufs­zen­trum. Blei­ben Sie in Ih­ren Woh­nun­gen. Ver­las­sen Sie die Stra­ße!“

Mün­chen wird bin­nen kur­zer Zeit ab­ge­rie­gelt, qua­si be­we­gungs­un­fä­hig

ge­macht

SCREEN­SHOT: TWIT­TER

Ein Vi­deo zeigt ei­nen Mann, der vor ei­nem Schnell­im­biss Schüs­se aus ei­ner Pis­to­le ab­gibt.

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