Hei­mat oder Heim?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

en­ge, ho­he Du­sche geht es nur rück­wärts, in die Ho­se nur im Lie­gen. „Es geht al­les an­de­re als gut“, sagt sie. Laut ih­rem Arzt müs­se sie schon seit 15 Jah­ren tot sein, das sei ein Kom­pli­ment. „Ge­hen sie doch ins Heim“, ra­te er re­gel­mä­ßig. Ver­he­yen sagt ihr dann: „Ins Heim? Nie­mals.“

In den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren hat sich die Le­bens­er­war­tung der Deut­schen mehr als ver­dop­pelt. Um 1870 hat­ten Män­ner laut Sta­tis­tik ei­ne Le­bens­er­war­tung von et­wa 35 und Frau­en von et­wa 38 Jah­ren. Heu­te wer­den Män­ner durch­schnitt­lich 78, Frau­en 83 Jah­re alt. Un­ser Le­bens­weg wird im­mer län­ger, eben­so die Ar­beits­zeit; und die Fra­ge, in wel­che Rich­tung es ge­gen En­de ge­hen soll, im­mer wich­ti­ger: Wie will ich alt wer­den? Und wo: in den ei­ge­nen vier Wän­den, bei mei­ner Fa­mi­lie oder im Al­ten­heim? Es geht um die Ent­schei­dung: Heim oder Hei­mat.

Ge­bo­ren ist An­na Ver­he­yen 1927 in Duis­burg-Ne­u­mühl, auf­ge­wach­sen als Ar­bei­ter­kind mit zehn Ge­schwis­tern, der Va­ter Berg­mann, die Mut­ter Haus­frau. Ruhr­ge­biets-Klas­si­ker. Sie hei­ra­te­te, be­kam ei­ne Toch­ter, schuf­te­te 30 Jah­re lang als Sta­ti­ons­hil­fe. Je­der Atem­zug er­in­nert heu­te an die schar­fen Des­in­fek­ti­ons­mit­tel­dämp­fe im Kran­ken­haus da­mals, je­des Bü­cken an die Ma­lo­che. Ihr Mann, Dach­de­cker und nach dem Krieg in rus­si­scher Ge­fan­gen­schaft, starb vor 35 Jah­ren an Herz­pro­ble­men. An­na Ver­he­yens Herz starb 2006, als der Brust­krebs ihr ih­re ein­zi­ge Toch­ter nahm.

Da­mals dach­te sie: Al­lei­ne zu Hau­se ein­ge­sperrt, das hal­te ich kei­ne drei Ta­ge aus. Heu­te geht ihr Le­bens­ra­di­us nicht über die 52-Qua­drat­me­ter-Woh­nung hin­aus. Bis 80 fuhr sie Rad, ging spa­zie­ren, koch­te. Dann woll­ten Bei­ne und Ar­me nicht mehr. Sie hoff­te auf Hil­fe, vi­el­leicht ei­ne Pfle­ge­kraft. Ei­ne Gut­ach­te­rin des Me­di­zi­ni­schen Di­ens­tes der Kran­ken­kas­sen ( MDK) kam im Herbst, Ver­he­yen öff­ne­te die Tür. „Sie sind ja an­ge­zo­gen“, hieß es. Gut, dass sie das noch schafft – schlecht für die Pfle­ge­ein­stu­fung. Rund 1,5 Mil­lio­nen Gut­ach­ten er­stellt der MDK im Jahr über die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit von Men­schen, die Leis­tun­gen bei ih­rer Pfle­ge­kas­se be­an­tra­gen. Mit­ar­bei­ter klin­geln, gu­cken, fra­gen, ma­chen Häk­chen und Notizen.

Na­me: An­na Ver­he­yen. Ge­burts­da­tum: 25.08.1927. Au­gen und Oh­ren: Le­sen oh­ne Bril­le mög­lich. Zim­mer­laut­stär­ke wird ver­stan­den. Ver­si­cher­te isst und trinkt re­gel­mä­ßig. Me­di­ka­men­te wer­den selbst­stän­dig ein­ge­nom­men. Die Kon­ti­nenz ist er­hal­ten. Die Ver­si­cher­te ist be­wusst­seins­klar, die Stim­mungs­la­ge aus­ge­wo­gen. (...) Der All­ge­mein­zu­stand ist als gut ein­zu­schät­zen. Pfle­ge­stu­fe: un­ter­halb Pfle­ge­stu­fe I.

An­na Ver­he­yen könn­te wi­der­spre­chen, ein neu­es Gut­ach­ten an­for­dern so oft wie sie will, der MDK rät so­gar da­zu. „Nee, ich will nicht mehr“, sagt die 88-Jäh­ri­ge lei­se, „ich will nicht mehr. Die­ses Bet­teln.“

Für ei­ne Rei­ni­gungs­kraft reicht die klei­ne Ren­te. Das Ta­xi zum Arzt, zu dem sie zwei­mal die Wo­che soll­te, kann sie sich nur ein Mal leis­ten. Ei­nen Frei­fahrt­schein gä­be es ab 80 Pro­zent Be­hin­de­rung, in ih­rem Aus­weis ein­ge­tra­gen sind 70. Be­su­che vom En­kel sind sel­ten, Freun­de rar ge­wor­den. Ver­he­yens ein­zi­ger Arm nach drau­ßen heißt Kurt, hat ein Mo­ped und be­sorgt ihr ein­mal die Wo­che Brot, Kon­ser­ven, Fer­tig­ge­rich­te, manch­mal Eis. Ihr letz­ter Ur­laub war 1989 in Ös­ter­reich, ihr letz­ter Spa­zier­gang um den Block 2014. Das Ers­te, was An­na Ver­he­yen je­den Mor­gen und das Letz­te, was sie je­den Abend sieht, ist der Fern­se­her. Ihr Fens­ter zur Welt drau­ßen. Ih­re ei­ge­ne Welt sind ih­re vier Wän­de, der Preis da­für ist hoch. Oder un­be­zahl­bar. Wie man’s nimmt.

Ruth Pren­zy­na hat das da­mals mit­ge­nom­men. Frei­wil­lig hat die 82-Jäh­ri­ge ih­re Woh­nung in Mül­heim nach 43 Jah­ren auch nicht ver­las­sen. Aber die Schmer­zen in der Wir­bel­säu­le, die sie schon län­ger ans Bett fes­sel­ten, wur­den zu stark, Mor­phin half nicht mehr. Sie kam ins Kran­ken­haus und dach­te: Das ist das En­de. Aber es war ein An­fang.

Von der Sta­ti­on di­rekt ins „Dol­ce Vi­ta“. So heißt ihr Wohn­be­reich im Ma­ri­en­hof in Mül­heim. In die Woh­nung ist sie nicht zu­rück, son­dern gleich ins Pfle­ge­heim, vi­el­leicht war das der Trick. Pren­zy­nas Toch­ter Bär­bel Schrö­er hat ein Fo­to von dem Tag 2014, als ih­re Mut­ter zum ers­ten Mal in ih­rem neu­en Zim­mer steht, in Jeans und Wes­te. Flott sieht sie da aus, nicht un­glück­lich, „und ich dach­te, Mensch, so alt ist sie doch noch nicht“, sagt die Toch­ter. „Aber es war bes­ser so.“Der Rund­umser­vice zu Hau­se mit Pfle­ge­dienst, Putz­kraft, Essen auf Rä­dern, sie selbst Kran­ken­schwes­ter – es ging, mehr als 15 Jah­re lang, aber es ging nicht gut. Nicht für Ruth Pren­zy­na und nicht für ih­re Toch­ter.

Men­schen kom­men auf die Welt, wie sie am En­de ge­hen: hilfs- und schutz­be­dürf­tig. Es dreht sich im Al­ter, man will die El­tern ver­sor­gen, so wie sie ei­nen ver­sorgt ha­ben als Säug­ling. Et­was zu­rück­ge­ben. Und wenn ein El­tern­teil ins Heim kommt, ahnt man, wie sich der ers­te Tag im Kin­der­gar­ten für Ma­ma und Pa­pa an­ge­fühlt ha­ben muss. So oder so: Man muss los­las­sen.

Ruth Pren­zy­na hat in der ers­ten Nacht los­ge­las­sen. Sie hat­te gut ge­schla­fen, wie in ih­rem ei­ge­nen Bett, sich dann ge­dacht: Das ist ja jetzt mein Bett. Mit ih­rer al­ten Kom­mo­de, dem grau­en Ses­sel, den Fa­mi­li­en­bil­dern ist Ge­bor­gen­heit mit­ein­ge­zo­gen. An schlech­ten Ta­gen gibt es Früh­stück am Bett, die Wä­sche wird ge­macht, Fri­seur, Fuß­pfle­ger und Ärz­te kom­men re­gel­mä­ßig.

Der Mül­hei­mer Ma­ri­en­hof ist ein Neu­bau von 2009, kon­zi­piert als Haus­ge­mein­schaft mit Platz für 102 Be­woh­ner. Je elf bis zwölf le­ben zu­sam­men auf ei­ner Eta­ge, je­der in ei­nem Zim­mer mit Bad, Bal­kon oder Gar­ten­stück, zu­sam­men wird in der Wohn­kü­che ge­kocht, die Frei­zeit ge­plant. „Ein be­son­de­res Heim ist es gar nicht“, sagt Heim­lei­ter Tho- mas Krülls. Wie je­de Ein­rich­tung rin­ge man hier um Per­so­nal, gleich­zei­tig sei gu­te Pfle­ge teu­er. Der­zeit sind es 82 Mit­ar­bei­ter in Teil- und Voll­zeit, al­so zwölf bis 15 pro Schicht. Ruth Pren­zy­na sagt: „Die Schwes­tern sind ein Ge­schenk.“

Sie war im­mer Fa­mi­li­en­mensch. Ver­hei­ra­tet, Mut­ter von zwei Kin­dern, Haus­frau, vor­her Bü­ro­kraft in ei­ner Buch­bin­de­rei. Ihr Mann starb vor 16 Jah­ren. Je­der Tag in der 70Qua­drat­me­ter-Woh­nung war ein Be­weis für den Ver­lust: das Dop­pel­bett, die Rie­sen­couch. Ge­sund­heit, see­lisch wie kör­per­lich, ist oft ei­ne Fra­ge von Wol­len. Und Ruth Pren­zy­na woll­te nicht mehr. Heu­te ist sie fit, ihr Ter­min­ka­len­der voll: Gym­nas­tik, Got­tes­diens­te, Dol­ce Vi­ta. Ih­re Toch­ter sagt, man hät­te sich eher Ge­dan­ken ma­chen müs­sen. Pren­zy­na sagt, man muss sich dar­auf ein­las­sen.

An­na Ver­he­yen hat ih­re Schwes­ter ab und zu im Heim be­sucht. Ein­mal hat ih­re Schwes­ter ge­sagt, sie müs­se mal groß. „Dann schei­ßen Sie doch in die Win­del“, ha­be die Pfle­ge­rin ge­sagt. Das ist es, was Ver­he­yen über Pfle­ge­hei­me im Kopf ge­blie­ben ist. Das hat ihr ge­reicht.

An­na Ver­he­yen, 88 Jah­re alt, Wit­we, will nicht in ein Al­ters­heim. Ruth Pren­zy­na, 82 Jah­re alt, Wit­we, woll­te nie in ein Al­ters­heim.

Kürz­lich war Pren­zy­na auf der Hoch­zeit ih­rer En­ke­lin. Als ih­re Toch­ter Bär­bel Schrö­er sie spät­abends in den Ma­ri­en­hof zu­rück­fuhr, sag­te sie: „Jetzt bringst du mich nach Hau­se.“

Men­schen kom­men auf die Welt, wie sie am En­de ge­hen: hilfs­und schutz­be­dürf­tig.

An­na Ver­he­yen (88) möch­te in ih­ren ei­ge­nen vier Wän­den le­ben, auch wenn der Preis da­für hoch ist.

FO­TOS (2): ANDRE­AS BRETZ

Ruth Pren­zy­na (82) hat ih­re Woh­nung nicht ganz frei­wil­lig auf­ge­ge­ben, wür­de aber nicht zu­rück­wol­len.

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