Wein­zierl er­fin­det Schal­ke neu

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

Der Trai­ner will „fre­chen Fuß­ball“, und er hat sich wahr­schein­lich die rich­ti­ge Mann­schaft aus­ge­sucht.

GEL­SEN­KIR­CHEN Vor­sichts­hal­ber wer­den auf Schal­ke mal wie­der früh­zei­tig die Ju­bel­chö­re di­ri­giert. Wie in fast je­dem Jahr dür­fen die weg­wei­sen­den Me­tho­den ei­nes neu­en Trai­ners ge­prie­sen wer­den, der Ab­schied von der Miss­wirt­schaft, ein end­lich mal über­zeu­gen­des Kon­zept und die kon­se­quent be­trie­be­ne Durch­mi­schung ei­nes be­stimmt bald über­zeu­gend auf­tre­ten­den Ka­ders. Das hat Tra­di­ti­on.

Tra­di­ti­on hat auch die Hoff­nung, dass es pas­sen mö­ge im Zu­sam­men­spiel zwi­schen Trai­ner, Mann­schaft, Ma­na­ger. Und Tra­di­ti­on hat der leicht ver­gif­te­te Rückblick auf die stets so schreck­li­chen Zei­ten der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit, in de­nen all das eben nicht ge­lang.

So bleibt sich Schal­ke in der Som­mer­pau­se 2016 treu. Auf dem Bou­le­vard stau­nen die Blät­ter mit den gro­ßen Buch­sta­ben, wie wahl­wei­se der neue Ma­na­ger Chris­ti­an Hei­del (53) „al­les neu macht auf Schal­ke, da bleibt kein St­ein auf dem an­de­ren“(„Bild“) oder der neue Trai­ner Mar­kus Wein­zierl (41) „al­les auf links zieht“(„Sport­bild“). Nur der gro­ße Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de Cle­mens Tön­nies hat sich noch nicht kraft­voll zu Wort ge­mel­det. Das im­mer­hin ist an­ders als sonst.

Tat­säch­lich muss in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wohl fast al­les falsch ge­macht wor­den sein in Gel­sen­kir­chen. Des­halb ha­ben Wein­zierl und Hei­del die Trai­nings­be­din­gun­gen mo­der­nen Zei­ten an­ge­passt. Wein­zierls As­sis­ten­ten zeich­nen die Spie­l­er­da­ten auf, das Trai­ning wird ge­filmt, Zwei­kämp­fe, Lauf­ver­hal­ten, Grup­pen­tak­tik wer­den an­schlie­ßend an­hand der Vi­deo­auf­nah­men ana­ly­siert. Für ei­ne Mil­li­on Eu­ro wird ein neu­es Funk­ti­ons­ge­bäu­de für die Pro­fis er­rich­tet, die Räu­me für Trai­ner, Phy­sio­the­ra­peu­ten und Be­spre­chun­gen wer­den um­ge­baut. „Das wa­ren Garagen“, sag­te Hei­del der „Bild­zei­tung“, „mit Be­din­gun­gen für Pro­fi­mann­schaf­ten hat­te das nichts zu tun.“Noch hat er kei­ne Bud­dha-Fi­gu­ren für das Spie­l­er­zen­trum be­stellt, mit de­nen einst der gro­ße Re­for­ma­tor Jür­gen Klins­mann bei den Bay­ern-Pro­fis mäch­tig die Neu­zeit ein­läu­te­te.

Die Neue­run­gen er­stre­cken sich nicht al­lein auf (Ge­bäu­de-)Tech­nik. Es wird, so ver­si­chern die lang­jäh­ri­gen Be­ob­ach­ter, auch an­ders trai- niert. Und es soll an­ders ge­spielt wer­den. Hei­del hat be­reits fest­ge­stellt, dass Wein­zierl viel vom di­rek­ten Ein­grei­fen in ein­zel­ne Übun­gen hält. Der Trai­ner kor­ri­giert, ver­schiebt sei­ne Spie­ler höchst­selbst an den rich­ti­gen Platz für das ge­mein­sa­me At­ta­ckie­ren des Geg­ners, er zeigt ih­nen, wo es im Zwei­kampf hin­ge­hen soll. Er er­in­nert Hei­del an die bei­den Trai­ner Jür­gen Klopp und Tho­mas Tu­chel. Die hat er bei Mainz 05 schließ­lich er­lebt.

Wein­zierl soll Schal­kes Fuß­ball er­fri­schen – was im Üb­ri­gen auch von sei­nem am En­de schmäh­lich ge­schei­ter­ten Vor­gän­ger An­dré Brei­ten­rei­ter er­war­tet wor­den war. Der neue Coach hat ei­ne kla­re Vor­stel­lung. „Wir wol­len frech Fuß­ball spie­len“, er­klär­te er zum Amtsan- tritt. Die rich­ti­gen Spie­ler scheint er da­für im Auf­ge­bot zu ha­ben. Denn Schal­ke ist auf je­den Fall jung. Und Schal­ke ist flüs­sig. Der Trans­fer von Ju­li­an Drax­ler zu Wolfsburg brach­te schon 36 Mil­lio­nen Eu­ro, nun könn­te Le­roy Sa­né mit ei­nem Wech­sel zu Man­ches­ter Ci­ty sei­nem Klub noch mal stol­ze 50 Mil­lio­nen Eu­ro in die Kas­sen spü­len. Da­mit lässt sich wirt­schaf­ten – trotz der 185 Mil­lio­nen Ver­bind­lich­kei­ten, die der Kon­zern Schal­ke noch vor sich her­schiebt. Es wa­ren mal 250 Mil­lio­nen Eu­ro. Das zeigt, dass Schal­ke wirt­schaft­lich auf dem rich­ti­gen Weg ist. Das wird zu Recht je­des Jahr aufs Neue be­ju­belt.

Schal­ke ist nicht nur jung. Hei­del hat be­wusst den Wolfs­bur­ger Rou­ti­nier Nal­do ver­pflich­tet. Der bald 34- jäh­ri­ge Bra­si­lia­ner wird mit Wel­te­m­eis­ter Be­ne­dikt Hö­we­des (28) ein Ab­wehr­zen­trum bil­den, das der Ab­tei­lung Ju­gend Halt ge­ben wird. Nal­do war Hei­dels ers­ter Trans­fer als Schal­ker Ma­na­ger. Das hat ihm so­gar bei sei­nem al­ten Kum­pel Klopp gro­ßen Re­spekt ein­ge­tra­gen. Der Trai­ner des FC Li­ver­pool glaubt, dass in der Ver­pflich­tung von Nal­do der Schlüs­sel zu ei­ner gu­ten Sai­son lie­gen kann. Er ju­belt al­so auch aus­drück­lich mit. Mit der not­wen­di­gen Ein­schrän­kung des eins­ti­gen Dort­mun­ders al­ler­dings. „Ich fürch­te, Schal­ke könn­te echt er­folg­reich sein“, sag­te er der „Welt“. Die Schal­ker hof­fen es. Sonst müs­sen sie nächs­tes Jahr wie­der mal die un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den gu­ten Zei­ten fei­ern.

FO­TO: DPA

Da staunt Max Mey­er (rechts): Schal­kes neu­er Trai­ner Mar­kus Wein­zierl be­haup­tet sich im Zwei­kampf.

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