WO­CHE­N­EN­DE 23./24. JU­LI 2016

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER SPORT -

Ro­man Der Ame­ri­ka­ner Ed­gar Rice Bur­roughs ließ sich von Ru­dyard Ki­plings „Dschun­gel­buch“zu Tar­zan in­spi­rie­ren. Erst­mals taucht die Fi­gur in der Zeit­schrift All-Sto­ry Ma­ga­zi­ne 1912 auf. Die Buch­aus­ga­be er­schien 1914. Fil­me Die ers­te Tar­zan­ver­fil­mung mit El­mo Lin­coln stammt aus dem Jahr 1918. Be­rühm­te Darstel­ler sind John­ny Weiß­mül­ler und Lex Bar­ker. Gor­don Scott war der ers­te Tar­zan in Far­be. Pop-Art-Künst­ler An­dy War­hol dreh­te ei­ne Tar­zanSa­ti­re. 1999 über­nahm Dis­ney den Stoff erst­mals für ei­nen Zei­chen­trick­film. Au­ßer­dem gibt es TV-Se­ri­en, Mu­si­cals und Co­mics.

Schließ­lich ist das der Preis, den der Ho­mo Sa­pi­ens für sei­ne tech­ni­sche Über­le­gen­heit, sei­nen Er­fin­der­geist, für all den Kom­fort sei­nes All­tags zahlt: Er ist ver­trie­ben aus der pa­ra­die­si­schen Ein­heit mit dem Krea­tür­li­chen, er hat sich zu­rück­ge­zo­gen in asphal­tier­te Städ­te, in de­nen die Ge­fah­ren be­herrsch­bar schei­nen. In Klei­dung aus in­tel­li­gen­ten Tex­ti­li­en, hoch­ge­rüs­tet mit al­ler­hand ul­tra­leich­tem Zu­be­hör un­ter­nimmt er ge­le­gent­lich Aus­flü­ge „zu­rück in die Na­tur“. Dann er­klimmt er Gip­fel oder tes­tet, wie lan­ge er sich im Wald von Amei­sen er­näh­ren kann. Doch die Na­tur ist im­mer der Geg­ner. Sie ist die un­wirt­li­che Um­ge­bung, die der Mensch be­zwin­gen, über­lis­ten, mit sei­ner Geis­tes­ga­be be­herr­schen muss. Das In­tui­ti­ve scheint ver­lo­ren. Es braucht al­so die Kunst, die Macht der Fik­ti­on, das Bild­me­di­um Ki­no, um den Men­schen wie­der mit der Na­tur zu ver­söh­nen.

Na­tür­lich bleibt das ei­ne Il­lu­si­on. Ge­nau wie der idea­le Na­tur­zu­stand, zu dem man sich zu­rück­seh­nen könn­te. Die­se Vor­stel­lung wur­de ja in je­nen Epo­chen be­deut­sam, in de­nen der Mensch die Kehr­sei­ten des Fort­schritts, et­wa die Fol­gen der In­dus­tria­li­sie­rung spür­te. Da wuchs die Sehn­sucht nach Idyl­le. Zugleich war da im­mer die Ah­nung, dass der Na­tur­zu­stand die Höl­le sein könn­te, weil der Mensch oh­ne zi­vi­le Zäh­mung dem Men­schen Wolf ist. Schließ­lich han­delt er sich mit dem Be­wusst­sein für die ei­ge­ne Exis­tenz auch das Wis­sen um sei­ne End­lich­keit ein. Das macht le­bens­hung­rig – und wo­mög­lich we­nig in­ter­es­siert am Wohl des Nächs­ten.

Tar­zan will da­von nichts wis­sen. Al­lein un­ter Af­fen er­weist er sich als An­pas­sungs­künst­ler, fin­det ei­ne Er­satz­mut­ter, holt sich die Lie­be, die er braucht, um kein Kas­par Hau­ser zu wer­den, kein ge­stör­tes Wolfs- kind, das an Zu­wen­dungs­man­gel lei­det. Der ame­ri­ka­ni­sche Po­pu­lär­schrift­stel­ler Ed­gar Rice Bur­roughs, der Tar­zan 1912 er­fand, ließ ihn zwar die Taug­lich­keit von Waf­fen ent­de­cken, mach­te ihn so zum Ru­del­füh­rer, doch spä­tes­tens als er Ja­ne be­geg­net, zeigt sich, dass er die bes­ten Sei­ten des Mensch­seins in der Wild­nis be­wahrt hat. Ich Tar­zan, Du Ja­ne – mehr braucht es nicht, um Für­sor­ge­taug­lich­keit zu er­klä­ren.

Ge­schich­ten von Men­schen, die der Wild­nis aus­ge­setzt sind, er­schei­nen al­so auch des­we­gen so reiz­voll, weil sie Er­kennt­nis dar­über ver­spre­chen, wie der Mensch, die­ses den­ken­de, ach so ver­letz­li­che Ge­schöpf wirk­lich ist. Ob sei­ne Ver­an­la­gung sein We­sen aus­macht oder sei­ne So­zia­li­sa­ti­on. Die­se Fra­gen rei­chen bis in die De­bat­ten von heu­te über Gen­tech­nik und den Be­ginn mensch­li­chen Le­bens.

Wie gern lässt man sich al­so bis heu­te er­zäh­len, dass der Mensch doch gut ist. Dass aus Fin­del­kin­dern im Dschun­gel sü­ße Mowg­lis oder star­ke Tar­zans wer­den, die von den Tie­ren ler­nen, ir­gend­wann ent­de­cken, dass sie Men­schen sind und dann hu­man han­deln: lie­ben und Ver­ant­wor­tung über­neh­men für Mensch, Tier, Na­tur. Auch der neue Tar­zan ist so ei­ne ma­kel­lo­se Fi­gur. Und na­tür­lich ist das lang­wei­lig. Für ei­nen wahr­haf­ti­ge­ren Tar­zan aber scheint die Zeit noch nicht reif.

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