Alt­stadt braucht mehr Ak­zep­tanz

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF -

Po­li­zei­prä­si­dent Nor­bert Wes­se­ler, Alt­stadt­wirt Hans-Pe­ter Schwe­min und Ord­nungs­de­zer­nent Ste­phan Kel­ler ha­ben auf St. Pau­li viel ge­se­hen, was auch die Düs­sel­dor­fer Par­ty­mei­le hat. Be­ein­druckt hat sie das En­ga­ge­ment der Bür­ger dort.

Sie ha­ben sich bei Ih­rem Ham­bur­gBe­such über das The­ma Si­cher­heit auf der Ree­per­bahn und in St. Pau­li in­for­miert. Was ist von al­lem hän­gen­ge­blie­ben? NOR­BERT WES­SE­LER Die Po­li­zei­ar­beit äh­nelt sich, aber die Pro­ble­me und Struk­tu­ren dort sind an­ders. Wir ha­ben in der Alt­stadt kei­nen Rot­licht­be­zirk, und Ham­burg ist als Stadt­staat an­ders or­ga­ni­siert. Dort gibt es bei­spiels­wei­se kei­nen Ord­nungs- und Ser­vice­dienst (OSD), mit dem wir hier ja sehr gut ko­ope­rie­ren. Es ist auch nicht wie bei uns re­gel­mä­ßig am Wo­che­n­en­de Be­reit­schafts­po­li­zei auf der Stra­ße. Po­si­tiv ist mir auf­ge­fal­len, wie gut sich dort die Bür­ger ver­net­zen und wie in­ten­siv sie sich für ihr Vier­tel ein­set­zen. Es gibt aber auch ei­nen we­sent­li­chen Un­ter­schied: In der Alt­stadt le­ben 2000 Men­schen, in St. Pau­li 25.000. STE­PHAN KEL­LER Die Ham­bur­ger wa­ren von un­se­rem OSD tat­säch­lich ziem­lich be­geis­tert. Wir bün­deln da­rin ja die Zu­stän­dig­kei­ten vie­ler Äm­ter zu The­men wie Ge­wer­be­über­wa­chung, Lärm, Stra­ßen­recht, Son­der­nut­zun­gen oder die Ahn­dung von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten wie dem Wild­pin­keln. Ge­nau­so gibt es bei uns ei­ne Ge­neh­mi­gung für ei­ne Ver­an­stal­tung, in der Kom­pe­ten­zen ge­bün­delt sind, in Ham­burg müs­sen Sie zu meh­re­ren Äm­tern. Es liegt an der Struk­tur, dass es ei­nen OSD dort nicht gibt, un­ter den Mi­nis­te­ri­en sind gleich die Be­zirks­äm­ter an­ge­sie­delt, die ja kei­nen ei­ge­nen Ord­nungs­dienst auf­stel­len. Das führt da­zu, dass das ein­zi­ge Auf­tre­ten von be­hörd­li­cher Uni­for­mi­tät die Po­li­zei dar­stellt. Aber auch der OSD er­höht das per­sön­li­che Si­cher­heits­ge­fühl. HANS-PE­TER SCHWE­MIN Mich ha­ben die Bu­si­ness Im­pro­ve­ment Districts (BID) be­ein­druckt. In ei­nem klar de­fi­nier­ten Be­reich müs­sen min­des­tens 15 Pro­zent der Im­mo­bi­li­en­ei­gen­tü­mer be­tei­ligt sein. Ist das so, kön­nen für den Be­reich für al­le ver­bind­li­che Re­ge­lun­gen ge­fun­den wer­den. In St. Pau­li wer­den auf die­se Wei­se im Rah­men ei­nes Fünf-Jah­res-Plans 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro von al­len auf­ge­bracht, mit dem die bei­den Quar­tier­ma­na­ger so­wie ge­mein­sa­me Maß­nah­men für Mar­ke­ting etc. fi­nan­ziert wer­den. Wie­so ha­ben wir so et­was nicht? KEL­LER Un­ser Lan­des­recht geht nicht so weit, die Ham­bur­ger sind da bun­des­weit füh­rend und ha­ben zehn BID, von de­nen sich neun al­ler­dings „nur“um die Wohn­um­feld­ver­bes­se­rung be­mü­hen. St. Pau­li ist die Aus­nah­me. Dort set­zen die Bür­ger auch durch, dass bei zwei Wohn­bau­pro­jek­ten ge­nü­gend So­zi­al­woh­nun­gen ent­ste­hen. So et­was gin­ge bei uns schon we­gen der Grund­stücks­prei­se kaum, das hät­ten wir beim Andre­as­quar­tier nicht ge­macht. In NRW gibt es Im­mo­bi­li­en­und Stand­ort­ge­mein­schaf­ten, der Grad der Ver­pflich­tung des Ein­zel­nen ist aber nicht ver­gleich­bar. Vie­le Düs­sel­dor­fer sa­gen, sie gin­gen nicht mehr in die Alt­stadt. Muss nicht et­was pas­sie­ren? SCHWE­MIN Ich hal­te das für ei­ne Phan­tom­dis­kus­si­on, die al­le Jah­re wie­der­kehrt. Die Düs­sel­dor­fer ge­hen sehr wohl in die Alt­stadt, ich se­he sie ja in mei­nem Brau­haus. Na- tür­lich gibt es Din­ge, die auch mir nicht ge­fal­len, aber die Jung­ge­sel­len­ab­schie­de und ein paar Wild­pink­ler hal­ten doch nicht vom Alt­stadt­be­such ab. WES­SE­LER Wir dür­fen die Din­ge al­ler­dings auch nicht ver­harm­lo­sen. Die Alt­stadt ist, was die Zah­len für die doch sehr klei­ne Flä­che an­geht, ein Kri­mi­na­li­täts­schwer­punkt. Wir sind im Ver­fah­ren, ei­ne wei­te­re Vi­deo­über­wa­chung an der Andre­as-/ Kur­ze Stra­ße ein­zu­rich­ten. Am Burg­platz sol­len, auch aus­ge­löst durch die Vor­fäl­le an Sil­ves­ter, Schein­wer­fer in­stal­liert wer­den. En­de des Jah­res be­kom­men wir die Aus­rüs­tung für 40 Bo­dy­cams, die wir si­cher auch in der Alt­stadt ein­set­zen. Das ma­chen wir ja al­les nicht, weil nichts los ist. Und das Image? WES­SE­LER Ich ha­be dort schon die­ses Ge­fühl ge­spürt „Wir sind St. Pau­li“. Ich fand das sehr po­si­tiv. KEL­LER Was das Image an­geht, ist si­cher noch Luft nach oben. Ich möch­te die Ak­teu­re der Alt­stadt in Kür­ze ein­la­den, um über die Er­fah­run­gen in Ham­burg zu be­rich­ten. Wir müs­sen schau­en, wel­che Maß­nah­men wir für uns frucht­bar ma­chen und wie wir der „Bal­ler­man­ni­sie­rung“ent­ge­gen­wir­ken kön­nen. Und we­ni­ger du­bio­se Dis­kos und Ki­o­s­ke? KEL­LER In Ham­burg läuft das über per­sön­li­che An­spra­che des Chefs der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft St. Pau­li. Er wirkt auf Grund­stücks­ei­gen­tü­mer ein. Ob das hier geht, weiß ich nicht, aber man kann ver­su­chen klar­zu­ma­chen, dass al­le von ei­nem bes­se­ren Bild der Alt­stadt pro­fi­tie­ren. Herr Schwe­min, wie ge­hen Sie denn im „Kür­zer“mit Jung­ge­sel­len­ab­schie­den um? SCHWE­MIN Das Kür­zer ist ei­ne Mi­schung aus Brau­haus und Stu­den­tenknei­pe. Wenn da An­fra­gen kom­men, sa­gen wir, dass al­le Gäs­te will­kom­men sind, wir aber kei­nen Kon­dom­ver­kauf möch­ten und Be­su­cher im Schwei­ne­kos­tüm hin­aus­kom­pli­men­tiert wer­den. Meis­tens hö­ren wir dann nichts mehr. Aber ich muss auch sa­gen: Die Jung­ge­sel­len­ab­schie­de fin­den Sie über­all, ob in Mai­land oder London, das ist kein Düs­sel­dor­fer Phä­no­men. War­um ver­sucht man nicht, sich mit schö­nen Fes­ten wie dem Ho­he­s­tra­ßen­fest po­si­tiv dar­zu­stel­len? WES­SE­LER In St. Pau­li gibt es das Ree­per­bahn-Fest. Da sa­gen al­le: Da musst du hin. Ich fin­de es scha­de, dass der Alt­stadt­herbst um­be­nannt wur­de, denn der Na­me war po­si­tiv be­setzt. Die Po­li­zei merkt an sol­chen Wo­che­n­en­den, wie auch bei der Jazz Ral­ly, dass ein ganz an­de­res Pu­bli­kum in die Düs­sel­dor­fer Alt­stadt kommt. Beim OB-Dia­log mit Tho­mas Gei­sel ha­ben die An­woh­ner ei­nen Auf­stand ge­macht. Sie ha­ben das Ge­fühl, die Alt­stadt hat als Wohn­stand­ort kei­ne Prio­ri­tät. KEL­LER Wir ver­su­chen, das zu än­dern, da­für steht un­ser Pro­gramm „Wir wol­len dem Lärm die Spit­ze neh­men“, das sich et­wa ge­gen ex­tre­me Au­ßen­be­schal­lung rich­tet. Wir wol­len die Alt­stadt als Wohn­quar­tier auf­wer­ten, da­für steht ja auch das Andre­as­quar­tier. WES­SE­LER Ord­nungs­amt und Po­li­zei ge­hen den Be­schwer­den der An­woh­ner ge­mein­sam nach. Am Al­ten Ha­fen und auch am Durch­gang der Kunst­samm­lung hat sich mei­ner Kennt­nis nach die La­ge ver­bes­sert. Zum Schluss: Was hät­ten Sie in Ham­burg am liebs­ten ein­ge­packt und mit­ge­nom­men? KEL­LER Die Ak­ti­on „St. Pau­li pin­kelt zu­rück“. WES­SE­LER Die ro­sa Ab­fall-Con­tai­ner, ne­ben de­nen ei­ne Vor­rich­tung für Pfand­fla­schen in­stal­liert ist. Und die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Men­schen mit ih­rem Vier­tel. SCHWE­MIN Es wa­ren in­ter­es­san­te Ge­sprä­che, aber ganz ehr­lich: nichts au­ßer vi­el­leicht den Blick auf den Ha­fen. STE­FA­NI GEILHAUSEN UND UWE-JENS RUHNAU FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

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