Amok­läu­fer plan­te sei­ne Tat ein Jahr

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - VORDERSEITE - VON MAR­TIN KESS­LER UND GRE­GOR MAYNTZ

Der Münch­ner Amok­lauf, der zehn Men­schen das Le­ben kos­te­te, war ei­ne Nach­ah­mungs­tat. Die Waf­fe be­sorg­te sich der Tä­ter im In­ter­net. Als mut­maß­li­chen Mit­wis­ser nahm die Po­li­zei ges­tern Abend ei­nen 16-jäh­ri­gen Freund fest.

MÜN­CHEN Der Tä­ter von Mün­chen, der am Frei­tag­abend neun Men­schen vor und im Olym­pia-Ein­kaufs­zen­trum (OEZ) er­schoss, hat­te sei­nen Amok­lauf akri­bisch vor­be­rei­tet. Über ein Jahr lang be­fass­te sich der 18-jäh­ri­ge Deutsch-Ira­ner Ali Da­vid S. mit den Ta­ten von Amok­läu­fern wie dem nor­we­gi­schen Rechts­ex­tre­mis­ten An­ders Beh­ring Brei­vik. Wie er ver­fass­te Ali Da­vid S. ein Ma­ni­fest. Auch den Ort des Amok­laufs in Win­nen­den hat der Münch­ner Schü­ler auf­ge­sucht.

Der jun­ge Mann litt nach An­ga­ben der Po­li­zei un­ter De­pres­sio­nen. Die Be­am­ten fan­den Psy­cho­phar­ma­ka in sei­ner Woh­nung. Vor der Tat war S. zwei Mo­na­te in sta­tio­nä­rer Be­hand­lung. Sei­ne Op­fer, ne­ben den neun To­ten auch 27 Ver­letz­te, such­te er nicht ge­zielt aus. Er hat sie aber über ein ge­fälsch­tes Face­book- Pro­fil in ein Schnell­re­stau­rant am OEZ ge­lockt. Als Waf­fe be­nutz­te er ei­ne Neun-Mil­li­me­ter-Pis­to­le vom Typ Glock 17. Die war zu­nächst als Thea­ter­re­qui­si­te ver­wandt wor­den, ehe sie in der Slo­wa­kei zu ei­ner voll funk­ti­ons­fä­hi­gen Pis­to­le um­ge­baut wur­de. Ali Da­vid S. hat­te sie sich im In­ter­net be­sorgt.

Ges­tern Abend nahm ein Son­der­ein­satz­kom­man­do der Po­li­zei ei­nen 16-jäh­ri­ger Freund von S. als mut­maß­li­chen Mit­wis­ser fest. Er könn­te da­von ge­wusst ha­ben, dass am Frei­tag ein Amok­lauf ge­plant war, so ein Po­li­zei­spre­cher. Der 16-Jäh­ri­ge hat­te sich un­mit­tel­bar nach der Tat bei der Po­li­zei ge­mel­det, weil er den Tä­ter kann­te. Im Zu­ge der Er­mitt­lun­gen er­ga­ben sich dann Wi­der­sprü­che in sei­ner Aus­sa­ge. Die Er­mitt­ler prü­fen zu­dem, ob der Ju­gend­li­che auch für ei­nen Face­book- Auf­ruf zu ei­nem Tref­fen am Sonn­tag in ei­nem Ki­no in der Nä­he des Münch­ner Haupt­bahn­hofs ver­ant­wort­lich ist. Die­ser Auf­ruf hat­te ein ähn­li­ches Mus­ter wie der Face­book-Auf­ruf von S., der über das so­zia­le Netz­werk ei­ne Ein­la­dung in ein Schnell­re­stau­rant ver­schickt hat­te.

Ins­ge­samt gab es am Frei­tag in Mün­chen 35 Ver­letz­te, nicht nur durch den At­ten­tä­ter, son­dern auch als Fol­ge von Pa­nik an an­de­ren Or­ten in der Stadt. Drei der Op­fer schwe­ben noch in Le­bens­ge­fahr. Der Tä­ter selbst er­schoss sich auf der Flucht vor der Po­li­zei.

Nun wol­len Po­li­ti­ker der Ko­ali­ti­on il­le­ga­le Waf­fen­käu­fe er­schwe­ren. „Wir müs­sen die an­ony­men Zah­lungs­we­ge aus­trock­nen“, sag­te der In­nen­aus­schuss­vor­sit­zen­de Ans­gar He­ve­ling (CDU) un­se­rer Re­dak­ti­on. Der Deutsch-Ira­ner soll sich sei­ne Tat­waf­fe im so­ge­nann­ten Dar­knet be­sorgt ha­ben. In dem ver­bor­ge­nen Be­reich des In­ter­nets wer­den Zah­lun­gen an­onym ab­ge­wi­ckelt. Die SPD sprach sich für ei­ne bes­se­re Per­so­nal­aus­stat­tung des BKA für die Fahn­dung im Dar­knet aus. Wäh­rend der Amok­la­ge von Mün­chen, für die die Po­li­zei si­cher­heits­hal­ber die Ge­fahr ei­nes Ter­ror­an­schlags ein­ge­schlos­sen hat­te, wa­ren auch Feld­jä­ger der Bun­des­wehr in Be­reit­schaft ver­setzt wor­den. Der baye­ri­sche In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) for­der­te nach ei­ner ers­ten Aus­wer­tung der Ab­läu­fe, die Bun­des­wehr in Fäl­len aku­ter, ex­tre­mer Be­dro­hung auch im In­ne­ren ein­set­zen zu kön­nen.

Frei­tag­nacht wa­ren rund 2300 Po­li­zis­ten un­ter­wegs, dar­un­ter die GSG 9, die An­ti-Ter­ror-Ein­heit der Bun­des­po­li­zei. Der Ein­satz der Bun­des­wehr im In­nern ist in der Ko­ali­ti­on um­strit­ten. Im neu­en Weiß­buch ist ei­ne Ver­wen­dung der Streit­kräf­te aus­drück­lich für den Fall von Ter­ror-und Ka­ta­stro­phen­fäl­len vor­ge­se­hen. Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) kün­dig­te an, dass sol­che Ein­sät­ze ver­mehrt trai­niert wer­den sol­len. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) sprach sich da­für aus, mög­li­chen ge­setz­li­chen Hand­lungs­be­darf beim Waf­fen­recht zu prü­fen, so­bald die Ein­zel­hei­ten der Tat­vor­be­rei­tung ge­klärt sei­en. Vi­ze­kanz­ler Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) be­kräf­tig­te, man müs­se den Zu­gang zu töd­li­chen Waf­fen be­gren­zen.

Für Auf­re­gung sorg­te ges­tern auch der Fall ei­nes Man­nes, der in Reut­lin­gen in Ba­den-Würt­tem­berg mit ei­ner Ma­che­te ei­ne Frau ge­tö­tet und zwei Men­schen ver­letzt hat. Der Mann wur­de fest­ge­nom­men, sag­te ein Spre­cher der Po­li­zei. Es ge­be kei­nen Hin­weis auf ei­nen ter­ro­ris­ti­schen Hin­ter­grund. Als Tä­ter gibt die Po­li­zei ei­nen 21-jäh­ri­gen Asyl­be­wer­ber aus Sy­ri­en an, der be­reits durch an­de­re De­lik­te auf­ge­fal­len war. Dem Tö­tungs­de­likt ging ein Streit mit der Frau voraus. Es wird ei­ne Be­zie­hungs­tat ver­mu­tet. Leitartikel Son­der­sei­ten

FO­TO: EPD

Die Münch­ner Be­völ­ke­rung zeigt Trau­er und gro­ße An­teil­nah­me für die Op­fer des Amok­laufs vom Frei­tag. Am Tat­ort beim Olym­pia-Ein­kaufs­zen­trum liegt ein Meer aus Blu­men an der Stel­le, wo die meis­ten Op­fer star­ben. Vor al­lem jun­ge Leu­te ge­den­ken der To­ten, die bis auf ei­ne 45-jäh­ri­ge Frau im Al­ter von 14 bis 20 Jah­ren wa­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.