ANA­LY­SE Amok­läu­fe

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - AMOKLAUF IN MÜNCHEN -

ha­ben im­mer ei­ne Ge­schich­te und fol­gen oft ei­nem Mus­ter. Das aber macht sie nicht vor­her­seh­bar oder kon­trol­lier­bar, da ihr Aus­lö­ser im­mer ei­ne psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Stö­rung ist.

zie­hen, rich­tet der Amok­läu­fer sich lie­ber selbst. Das ist Selbst­be­stim­mung in ih­rer ra­di­kals­ten Form. Mit der ei­ge­nen Er­mor­dung ent­zieht er sich dem Zu­griff; sie ist sein letz­tes Zei­chen von Macht.

Der Amok­lauf ist oft nur von ei­ner Art Kunst­fi­gur durch­führ­bar, ei­ner Selbst­er­fin­dung. Der So­zio­lo­ge Wolf­gang Sofs­ky hat das ein­mal so be­schrie­ben: Der, der ich bin, wird der, der ich im­mer schon sein woll­te. Der Amok­lauf ist in die­sem Sin­ne ei­ne Iden­ti­täts­stif­tung der furcht­bars­ten Art.

Für das Ver­ständ­nis sol­cher Ge­walt­ex­zes­se ist es falsch, ei­nen Amok­läu­fer als Mas­sen­mör­der zu be­zeich­nen. Zu­mal sich das Tem­po und die Ex­zes­si­vi­tät sei­ner Tat ekla­tant von je­der an­de­ren Tö­tung un­ter­schei­den. Sei­ne Ener­gie ist die En­t­hem­mung: Wenn erst ein­mal al­le Schran­ken fal­len, er­fährt das Ich ei­ne un­ge­ahn­te Ent­gren­zung. Da­bei ist der Amok­läu­fer in sei­nem Wü­ten kei­nes­wegs blind, son­dern hoch­kon­zen­triert, er ist an­ge­spannt und si­cher. Er ist, wie jetzt in Mün­chen, noch zu ver­ba­len Re­ak­tio­nen fä­hig. Er sei Deut­scher, hat der 18-Jäh­ri­ge auf dem Park­deck ge­ru­fen und so­gar vom Kauf der Waf­fe ge­spro­chen. Für den kur­zen Mo­ment, da­rin sind sich die Ex­per­ten ei­nig, er­lebt und durch­lebt der Amok­läu­fer ein letz­tes Mal die ab­so­lu­te Ge­gen­wart.

Viel von dem klingt nach ei­nem Ver­such, Un­fass­li­ches tat­säch­lich fass­bar oder er­klär­bar zu ma­chen – mög­li­cher­wei­se kon­trol­lier­bar. Amok­läu­fe aber sind kei­ne Ter­ror­ak­te und ih­re Mo­ti­ve nicht re­li­giö­ser, po­li­ti­scher oder ideo­lo­gi­scher Na­tur. Es sind psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Fäl­le, die mit ge­sun­dem Men­schen­ver­stand kaum pro­gnos­ti­ziert wer­den kön­nen. Aber man kann schon fra­gen, ob ei­ne Welt der per­ma­nen­ten Wahr­neh­mung, die die Trenn­li­ni­en zwi­schen Wahn und Wahr­heit un­scharf wer­den las­sen, sol­che Pa­tho­lo­gi­en nicht auch be­för­dert. Un­ser Blick auf den Tä­ter macht den Amok­lauf zu ei­nem in­di­vi­du­el­len Pro­blem; un­ser Blick auf die Ta­tent­ste­hung aber er­wei­tert ihn zu ei­nem ge­sell­schaft­li­chen. Es ist dar­um kaum dien­lich, die Ver­ant­wor­tung für Ta­ten wie je­ne in Mün­chen al­lein an die psy­chi­schen Stö­run­gen ei­nes Ein­zel­nen zu de­le­gie­ren.

FO­TO: REU­TERS

Blu­men und Ker­zen vor dem Gu­ten­berg-Gym­na­si­um in Er­furt: Am 26. April 2002 hat­te dort der 19-jäh­ri­ge Ro­bert St­ein­häu­ser 16 Men­schen und sich selbst ge­tö­tet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.