Er­do­gan-Geg­ner wer­den of­fen­bar ge­fol­tert

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON FRANK NORD­HAU­SEN FO­TO: REU­TERS

In der Tür­kei ge­hen die „Säu­be­run­gen“wei­ter. Staats­prä­si­dent Er­do­gan ließ bis­lang 45 Pro­zent der mi­li­tä­ri­schen Füh­rung ver­haf­ten.

IS­TAN­BUL In Is­tan­bul war­te­ten sie auf die für ges­tern Abend an­ge­kün­dig­te ers­te öf­fent­li­che Kund­ge­bung der größ­ten Op­po­si­ti­ons­par­tei CHP ge­gen den ge­schei­ter­ten Mi­li­tär­putsch. Un­ter­des­sen roll­te die Wel­le der „Säu­be­run­gen“ge­gen mut­maß­li­che Put­schis­ten und ih­re Un­ter­stüt­zer im gan­zen Land wei­ter. Am Sams­tag hat­te Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan erst­mals von den Son­der­voll­mach­ten Ge­brauch ge­macht, die ihm seit der Aus­ru­fung des drei­mo­na­ti­gen Aus­nah­me­zu­stands of­fen­ste­hen. Wäh­rend im Land erst zag­haft Kri­tik am bra­chia­len Vor­ge­hen Er­do­gans laut wird, wächst das Un­be­ha­gen im Aus­land.

Per De­kret ver­füg­te der Prä­si­dent die Schlie­ßung von mehr als 2300 Pri­vat­schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Ge­werk­schaf­ten, Kran­ken­häu­sern und an­de­ren Ein­rich­tun­gen, die der is­la­mi­schen Gü­len-Be­we­gung na­he­ste­hen sol­len, wel­che er für den Putsch­ver­such vom ver­gan­ge­nen Frei­tag mit mehr als 245 To­ten ver­ant­wort­lich macht. Ihr Ver­mö­gen wur­de vom Staat ein­ge­zo­gen. Au­ßer­dem kön­nen Ver­däch­ti­ge ab so­fort 30 Ta­ge in Po­li­zei­ge­wahr­sam ge­hal­ten wer­den, bis sie ei­nem Haft­rich­ter vor­ge­führt wer­den müs­sen; bis­lang wa­ren ma­xi­mal vier Ta­ge mög­lich.

Der Spre­cher der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal in der Tür­kei, And­rew Gard­ner, sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on, er sei äu­ßerst be­sorgt we­gen der Haftbedingungen der mut­maß­li­chen Put­schis­ten: „Es ist klar, dass sie Fol­ter, Miss­hand­lun­gen und Recht­lo­sig­keit in ei­nem Aus­maß aus­ge­setzt wer­den, das wir in der Tür­kei seit dem Mi­li­tär­putsch von 1980 nicht ge­se­hen ha­ben. Wir sind auch des­halb so be­un­ru­higt, weil die Re­gie­rung die of­fen­sicht­li­chen Fol­te­run­gen bis­her nicht ver­ur­teilt, was dar­auf hin­aus­läuft, dass sie die­se Ver­bre­chen bil- ligt“, so Gard­ner. Die Zahl der Fest­ge­nom­me­nen sei auf 13.165 Per­so­nen ge­stie­gen, er­klär­te Er­do­gan in der Nacht zum Sonn­tag in ei­ner Re­de; 5862 Men­schen sei­en in Un­ter­su­chungs­haft. Bei ih­nen han­de­le es sich um 8838 Sol­da­ten, 1485 Po­li­zis­ten, 2101 Rich­ter und Staats­an­wäl­te, 52 Be­hör­den­lei­ter und 689 wei­te­re Zi­vi­lis­ten.

Gro­ße Über­ra­schung rief die An­kün­di­gung des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Bi­na­li Yil­di­rim am Sams­tag­abend her­vor, dass auch die 2500 Mann star­ke Prä­si­den­ten­gar­de Er­do­gans auf­ge­löst wer­de, weil es „kei­nen Zweck und kei­nen Be­darf“für sie ge­be. Be­reits am Frei­tag wa­ren 283 ih­rer Sol­da­ten fest­ge­nom­men wor­den. Auch ein mut­maß­li­cher en­ger Be­ra­ter und ein Nef­fe des in den USA le­ben­den Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len wur­den in­haf­tiert. Gü­len de­men­tier­te ei­ne Be­tei­li­gung an dem Putsch und ver­ur­teil­te ihn scharf.

Folgt man den Re­gie­rungs­an­ga­ben, wur­den bis­lang rund 45 Pro­zent al­ler hö­he­ren Mi­li­tär­of­fi­zie­re ver­haf­tet, was be­deu­tet, dass die Füh­rung der zweit­größ­ten Na­to-Ar­mee der­zeit stark be­ein­träch­tigt ist. Die ver­bo­te­ne kur­di­sche Ar­bei­ter­par­tei PKK nutz­te das ent­stan­de­ne Si­cher­heits­va­ku­um am Wo­che­n­en­de be­reits für neue An­schlä­ge auf die Po­li­zei­kräf­te in Ost­ana­to­li­en, bei de­nen ein Be­am­ter ge­tö­tet und zwei schwer ver­letzt wur­den.

Die le­ga­len Op­po­si­ti­ons­par­tei­en fin­den ih­re Stim­me nach dem Putsch­ver­such nur müh­sam wie­der. Am Sams­tag­nach­mit­tag ver­sam­mel­ten sich Tau­sen­de An­hän­ger der pro­kur­di­schen Link­s­par­tei HDP in ei­nem ale­vi­tisch ge­präg­ten Istan­bu­ler Stadt­vier­tel, um so­wohl ge­gen den Putsch­ver­such als auch ge­gen die re­pres­si­ve Re­ak­ti­on von Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu pro­tes­tie­ren. Der HDP-Co-Chef Se­lahat­tin De­mir­tas kri­ti­sier­te vor al­lem Er­do­gans Ent­schei­dung, den zu­läs­si­gen Po­li­zei­ge­wahr­sam auf 30 Ta­ge aus­zu­deh­nen. „Ein 30-tä­gi­ger Ge- wahr­sam läuft auf Fol­ter hin­aus“, sag­te der ehe­ma­li­ge Men­schen­rechts­an­walt. An Er­do­gan ge­rich­tet sag­te er: „Ge­gen den Putsch zu kämp­fen ist rich­tig und le­gi­tim. Aber die Maß­nah­men, die Sie er­grif­fen ha­ben, wer­den den Weg für mehr Un­ge­rech­tig­kei­ten eb­nen.“

Ge­spannt blick­te das Land am Sonn­tag auf die für den Abend an­ge­kün­dig­te Mas­sen­kund­ge­bung der größ­ten, der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Op­po­si­ti­ons­par­tei CHP. Die Po­li­zei hat­te am zen­tra­len Tak­sim-Platz, dem Ver­samm­lungs­ort, ex­tre­me Si­cher­heits­maß­nah­men er­grif­fen und meh­re­re Was­ser­wer­fer po­si­tio­niert. Gro­ße Grup­pen von CHP-De- mons­tran­ten zo­gen be­reits seit dem frü­hen Nach­mit­tag mit tür­ki­schen Fah­nen und Slo­gans „für die Re­pu­blik und die De­mo­kra­tie“zum Platz. Es wur­de er­war­tet, dass der Op­po­si­ti­ons­füh­rer Ke­mal Ki­li­ca­dar­og­lu in sei­ner Re­de die Ein­schrän­kun­gen der de­mo­kra­ti­schen Frei­hei­ten und der Ge­wal­ten­tei­lung seit dem Putsch­ver­such kri­ti­sie­ren wer­de.

Un­ter­des­sen lös­ten die Ent­wick­lun­gen in der Tür­kei in­ter­na­tio­nal Be­sorg­nis aus. Die füh­ren­den In­dus­trie- und Schwel­len­län­der for­der­ten bei ih­rem Tref­fen im chi­ne­si­schen Cheng­du von ih­rem G20Part­ner Tür­kei die Ein­hal­tung rechts­staat­li­cher Re­geln. Der Grü­nen-Vor­sit­zen­de Cem Öz­de­mir warf Er­do­gan vor, ge­walt­sam die Al­lein­herr­schaft an­zu­stre­ben. „Erst ha­ben wir ei­nen di­let­tan­tisch aus­ge­führ­ten Putsch des Mi­li­tärs er­lebt. Jetzt folgt of­fen­sicht­lich ein von lan­ger Hand ge­plan­ter Staats­putsch“, sag­te Öz­de­mir der „Pas­sau­er Neu­en Pres­se“.

Tau­sen­de An­hän­ger Er­do­gans ver­sam­mel­ten sich ges­tern Abend auf dem Tak­sim Platz in Is­tan­bul zu ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen die Put­schis­ten.

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