Gu­te Freun­de kann nie­mand tren­nen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

Das IOC lässt die Ein­zel­ver­bän­de über die Zu­las­sung rus­si­scher Ath­le­ten zu den Olym­pi­schen Spie­len ent­schei­den.

LAU­SANNE/DÜSSELDORF Tho­mas Bach hat die gro­ße Kraft­pro­be mit dem rus­si­schen Ver­band ver­mie­den. Der IOC-Prä­si­dent wies nach ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz mit sei­nen Kol­le­gen aus dem Exe­ku­tiv­ko­mi­tee die Ent­schei­dung über ei­ne Sper­re rus­si­scher Sport­ler für die Olym­pi­schen Spie­le an die Fach­ver­bän­de zu­rück. Sie müs­sen nun dar­über be­fin­den, ob sie nach den Ent­hül­lun­gen über staat­lich ge­lenk­tes Do­ping mehr Sport­lern als nur den Leicht­ath­le­ten die Start­erlaub­nis für Rio ver­sa­gen. Die 68 rus­si­schen Leicht­ath­le­ten wur­den vom Welt-Fach­ver­band IAAF ge­sperrt, die­se Ent­schei­dung hat­te der Obers­te Sport­ge­richts­hof (CAS) be­stä­tigt.

Sport­ler, die ih­ren Welt­ver­bän­den den Nach­weis er­brin­gen kön­nen, nicht in das rus­si­sche Staats­do­ping­sys­tem in­vol­viert ge­we­sen zu sein, dür­fen nun in Rio star­ten. „Die Ent­schei­dung wird si­cher nicht je­dem ge­fal­len, aber es geht um Ge­rech­tig­keit. Die Ent­schei­dung re­spek­tiert das Recht ei­nes je­den sau­be­ren Ath­le­ten auf der gan­zen Welt“, er­klär­te Bach. „Die Bot­schaft ist ein­deu­tig. Es wird ei­ne Ge­samt­ver­ant­wor­ung an­ge­nom­men an­ge­sichts der üb­len An­schul­di­gun­gen, aber es soll auch ei­ne Er­mu­ti­gung für al­le sau­be­ren Ath­le­ten sein. Man kann im rus­si­schen Sport ein Vor­bild sein, wenn man sau­ber ist.“Der Ten­nis-Welt­ver­band be­ton­te be­reits, al­len sie­ben rus­si­schen Spie­lern das Start­recht zu er­tei­len.

In sei­ner Hei­mat be­kommt der deut­sche Sport­po­li­ti­ker Bach we­nig Bei­fall für sei­ne Ak­ti­on. Vie­le Funk­tio­nä­re wer­fen ihm vor, sich aus der Ver­ant­wor­tung zu steh­len. Ob „po­li­ti­scher Druck oder kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen den letz­ten Aus­schlag ge­ge­ben ha­ben, kann ich nicht sa­gen“, er­klär­te Dag­mar Frei­tag. „Aber das IOC hat sich ge­gen ei­ne ein­deu­ti­ge Emp­feh­lung der Welt-An­ti-Do­ping­Agen­tur aus­ge­spro­chen, in Sa­chen ei­nes glaub­wür­di­gen An­ti-Do­pingKamp­fes ist das das schlech­tes­te Zei­chen über­haupt“, er­gänz­te doe Vor­sit­zen­de des Sport­aus­schus­ses im Bun­des­tag. Wie Alfons Hör­mann, der Prä­si­dent des Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bun­des (DOSB), hat­te sie ei­ne Sper­re für die gan­ze rus­si­sche Mann­schaft er­war­tet.

Von den Rus­sen wur­de das Vor­ge­hen des IOC na­tür­lich be­grüßt. Sie fei­ern die Weis­heit des Prä­si­den­ten und sei­ne Ein­sicht in das We­sen ei­nes Sport­lers, der sich Jah­re auf Olym­pia vor­be­rei­tet hat und oh­ne ei­ge­ne Schuld aus­ge­schlos­sen wird. „Das ist ei­ne recht­mä­ßi­ge Lö­sung“, sag­te der Chef des Sport­aus­schus­ses im rus­si­schen Par­la­ment, Dmi­tri Swischt­sch­jow, „aber sol­che Ent­schei­dun­gen soll­ten nicht nur in Be­zug auf rus­si­sche Ath­le­ten, son­dern auf Sport­ler welt­weit ge­trof­fen wer­den. Dann wä­re das Pro­blem Do­ping end­gül­tig aus­ge­rot­tet.“

An­de­re rus­si­sche Po­li­ti­ker be­to­nen, dass ein kol­lek­ti­ver Aus­schluss auch Un­schul­di­ge tref­fen wür­de. Die­se An­sicht hat der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent Mich­ail Gor­bat­schow in ei­nem in Mos­kau ver­öf­fent­lich­ten Brief an Bach un­ter­stri­chen. Der be­son­ders im Wes­ten po­pu­lä­re Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger schrieb: „Mich be­un­ru­higt und be­trübt die Mög­lich­keit, dass zu­sam­men mit den Tä­tern auch Un­schul­di­ge be­straft wer­den kön­nen. Das Prin­zip der kol­lek­ti­ven Be­stra­fung wi­der­spricht der Kul­tur der olym­pi­schen Be­we­gung.“

Bach weiß aus ei­ge­nem Er­le­ben, wie es ist, oh­ne ei­ge­nes Zu­tun zum Zu­schau­er der Spie­le zu wer­den. Er ging als Fecht-Olym­pia­sie­ger von 1976 als Fa­vo­rit auf ei­ne wei­te­re Gold­me­dail­le in die Vor­be­rei­tung auf Olym­pia in Mos­kau vier Jah­re dar­auf. Doch we­gen des so­wje­ti­schen Ein­mar­sches nach Af­gha­nis­tan wur­den die Spie­le un­ter an­de­rem von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land boy­kot­tiert. Bach ver­such­te als Ath­le­ten­spre­cher die Po­li­tik um­zu­stim­men, die sich je­doch nicht er­wei­chen ließ. Es war ei­ne Er­fah­rung, die das Funk­tio­närs­le­ben des ehe­ma­li­gen Fech­ters be­stimmt.

Er hat al­ler­dings nicht nur ein gro­ßes Herz für Sport­ler, son­dern auch ein aus­ge­präg­tes Ge­fühl für sport­po­li­ti­sche Ko­ali­tio­nen. Weil er im rus­si­schen Ver­band bis in die po­li­ti­sche Spit­ze des Lan­des um Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin star­ke Ver­bün­de­te hat, war er si­cher nicht be­geis­tert, dass ihm ei­ne Ent­schei­dung im Do­ping­fall Russ­land ab­ver­langt wur­de. Die Rus­sen ha­ben ihn bei der Wahl ins Prä­si­den­tenamt vor drei Jah­ren un­ter­stützt, und sie rich­ten zahl­rei­che sport­li­che Groß­er­eig­nis­se aus. Die­se Groß­er­eig­nis­se braucht der Kon­zern IOC, sie sind der Treib­stoff der olym­pi­schen Geld­ma­schi­ne. Des­halb ist Bach mit der IOC-Füh­rung dank­bar durch das klei­ne Loch ge­schlüpft, das ihm die Sta­tu­ten las­sen.

Aber auch wenn es kei­nen kom­plet­ten Aus­schluss gibt, sind wei­te­re Sper­ren zu er­war­ten. DOSB-Prä­si­dent Hör­mann er­klär­te, im „McLa­ren-Be­richt“der Welt-An­ti­do­pingA­gen­tur wer­de nicht nur das rus­si­sche Staats­do­ping be­legt, son­dern es ge­be auch „ein­zel­ne kla­re Be­wei­se“in 20 der 28 Som­mer­sport­ar­ten . Die­se Tei­le der Mann­schaft müss­ten sus­pen­diert wer­den.

Ju­li­ja Ste­pa­no­wa wird auf je­den Fall zu­schau­en. Sie hat­te mit ih­ren Ent­hül­lun­gen den Skan­dal ins Rol­len ge­bracht. Ihr ver­wei­ger­te das IOC ein Start­recht un­ter neu­tra­ler Flag­ge. Auch das ist ei­ne Ver­beu­gung vor dem rus­si­schen Ver­band. „Wir sind dank­bar für ihr En­ga­ge­ment, des­halb la­den wir sie und ih­ren Ehe­mann ein, in Rio Gäs­te des IOC zu sein“, sag­te Bach kühl. Da hat­te er mal kein gro­ßes Herz für Sport­ler. Aus­nahms­wei­se.

FO­TO: DPA

Im­mer im Ge­spräch: IOC-Chef Tho­mas Bach (links) und Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin.

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