Pur sorgt für gro­ße Ge­füh­le

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON BAR­BA­RA GROFE

Die Band be­geis­tert im fast aus­ver­kauf­ten Mön­chen­glad­ba­cher Ho­ckey­park.

Er kann ihn ein­fach nicht stop­pen, die­sen Chor. Hart­mut Eng­ler, Sän­ger der Band Pur, steht mit of­fe­nem Mund auf der Büh­ne im Mön­chen­glad­ba­cher Ho­ckey­park – er sieht ehr­lich er­staunt aus und ge­nau­so ehr­lich über­glück­lich. Ge­ra­de singt die­ser frisch ge­bil­de­te Ho­ckey­par­kChor den Pur-Klas­si­ker „Le­na“wei­ter, ob­wohl Eng­ler schon längst auf­ge­hört hat zu sin­gen, ob­wohl kein In­stru­ment mehr spielt. Als Di­ri­gent ver­sagt Eng­ler kläg­lich, der Chor ge­horcht ihm nicht, er singt und singt und singt. Sams­tag­abend spie­len Pur auf ih­rer Open-Air-Tour am Nie­der­rhein – der Ho­ckey­park ist aus­ver­kauft.

Er­staun­lich ist die Men­schen­mi­schung an die­sem Abend. Es gibt tä­to­wier­te Ty­pen, el­fig-hip­pe Mäd­chen, die man in Sze­ne­vier­teln ver­or­ten wür­de, ke­gel­club-es­ke Grup­pen, Ka­ro­hemd­män­ner, sonst eher an Eck­knei­pen­t­re­sen zu fin­den. Den Weg zu Pur fin­den al­te und jun­ge Paa­re, Fa­mi­li­en mit und oh­ne Band-Shirts, Jung­ge­sel­len­ab­schie­de mit or­dent­lich Glit­zer im Ge­sicht und Se­nio­rin­nent­rüpp­chen. Noch er­staun­li­cher ist, dass sie eins sind an die­sem Abend. Al­le – die Tä­to­wier­ten, die El­fen, die Ka­ro­hemd­män­ner, die Se­nio­rin­nen – sin­gen mit, wenn Hart­mut Eng­ler Klas­si­ker wie „Le­na“, „Hör gut zu“, „Aben­teu­er­land“, „Wenn sie die­sen Tan­go hört“oder Songs von der neu­en Plat­te „Ach­tung“an­stimmt, al­le tan­zen und fei­ern und klat­schen im Takt und Kol­lek­tiv. Ei­ne gro­ße, re­gen­cape­b­un­te und sehr text­si­che­re Grup­pe ist das.

Pur gibt es seit rund 35 Jah­ren, sie ha­ben in ih­rer Kar­rie­re 15 Stu­dio­al­ben auf­ge­nom­men und rund 9,6 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ver­kauft – und sie ha­ben im­mer schon schwer po­la­ri­siert. Zwi­schen Lie­ben und Has­sen gab es nicht viel. Pur-Fans lieb­ten ih­re Band für viel Ge­fühl, für ehr­li­che, nicht über­kan­di­deltkünst­le­ri­sche Tex­te; Pur-Kri­ti­ker ha­ben der Band vor­ge­wor­fen, mu­si­ka­li­schen Zu­cker­guss­kitsch zu pro­du­zie­ren mit über­ein­gän­gi­gen und un­ter­kom­ple­xen Me­lo­di­en.

Das Schö­ne an die­sem Abend in Mön­chen­glad­bach aber ist: Es gibt kei­ne La­ger. Und so hat die­ser Abend – un­ab­hän­gig von der Mu­sik, die man nicht lie­ben oder auch nur mö­gen muss – auch für den Be­trach­ter et­was ex­trem Tröst­li­ches. Men­schen, die im nor­ma­len Le­ben wohl nie ein Wort wech­seln wür­den, weil ih­ren der Style des an­de­ren nicht ge­fällt oder sei­ne At­ti­tü­de oder weil er ein­fach so ver­dammt an­ders ist, kom­men zu­sam­men, hö­ren Mu­sik und fei­ern ihr ei­ge­nes, gro­ßes Ge­fühl. Und das ist doch wirk­lich mäch­tig viel für ei­nen Kon­zert­abend.

FO­TO: REICHARTZ

Hart­mut Eng­ler

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