Som­mer der Fo­to­gra­fie

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN -

Woll­man­tel vor ei­nem Ber­li­ner Ki­osk. Die Da­me lä­chelt schick in die Lin­se, doch wer auch den Hin­ter­grund er­kun­det, stößt auf ein Schild: „Ju­den der Zu­tritt ver­bo­ten“.

1946 mach­te Re­gi­na Re­lang gleich wei­ter – mit der Auf­nah­me „Mo­de in Rui­nen“. Im zer­stör­ten Ca­fé An­nast in Mün­chen po­siert ein Mo­del in wei­ßem Kleid, und schon we­ni­ge Jah­re spä­ter schick­te die Fo­to­gra­fin ih­re Mo­dels wie­der durch ein groß­städ­ti­sches Am­bi­en­te. In ei­nem der letz­ten Ka­pi­tel der um­fang­rei­chen Schau prä­sen­tiert Re­lang Mo­de an ih­ren rö­mi­schen Lieb­lings­or­ten Piaz­za del Po­po­lo und Pe­ters­platz. Erst in den 1970ern wich sie auf rei­ne Stu­dio-Fo­to­gra­fie aus. Denn bei den Mo­de­mes­sen wa­ren die Klei­der samt Mo­dels nur nachts ab­kömm­lich, und da blieb al­lein die künst­li­che Be­leuch­tung im Ate­lier. „Ge­stal­te­te Welt“in Es­sen

Auch das Mu­se­um Folk­wang zeigt Fo­to­gra­fi­en, die vom 20. Jahr­hun­dert han­deln. Doch der aus El­ber­feld stam­men­de Fo­to­graf Pe­ter Keetman (1916-2005) hat­te die­ses Jahr­hun­dert an­ders zu spü­ren be­kom­men als Re­gi­na Re­lang. Aus dem Zwei­ten Welt­krieg war er schwer ver­letzt zu­rück­ge­kehrt, hat­te sein lin­kes Bein ver­lo­ren. Und wenn er auch schon wäh­rend des Krie­ges fo­to­gra­fiert hat­te, so ent­stand sein ei­gent­li­ches Werk doch erst mit Be­ginn der 50er Jah­re. „Ge­stal­te­te Welt“– der Ti­tel der Es­se­ner Schau ver­weist dar­auf, wie sehr er sich als Schöp­fer ver­stand. Wäh­rend Re­gi­na Re­lang in­sze­nier­te, rich­te­te Keetman sein Ob­jek­tiv oft auf De­tails und ge­wann da­mit ge­wohn­ten Ge­gen­stän­den ei­ne un­be­kann­te Sei­te ab. Bil­der von Trop­fen sind auf die­se Wei­se ent­stan­den, auch abs­trak­te, gra­fisch an­mu­ten­de Fo­to­gra­fi­en, die auf ei­ne Lang­zeit­be­lich­tung pen­deln­der Licht­quel­len zu­rück­ge­hen. Bei Keetman wirkt Schwarz-Weiß tat­säch­lich streng, kon­struk­tiv, un­nah­bar. Keetman ar­bei­te­te frei­be­ruf­lich als Wer­be­fo­to­graf, be­haup­te­te da­ne­ben aber im­mer ei­nen Frei­raum für Kunst. Selbst die Fo­to­gra­fi­en, die er 1953 ei­ne Wo­che lang im Wolfs­bur­ger Volks­wa­gen-Werk mach­te, ent­stan­den oh­ne Auf­trag. Chrom­glän­zen­de Stoß­stan­gen hän­gen da in ei­ner Werks­hal­le ne­ben­ein­an­der, statt öl­ver­schmier­ter Ar­bei­ter ver­strö­men fast fer­ti­ge VW-Kä­fer mit ova­lem Rück­fens­ter Zeit­ko­lo­rit. Keet­mans The­ma war der Wie­der­auf­bau. Sei­ne auf Ord­nung be­dach­ten Fo­to­gra­fi­en zeu­gen da­von, wie sehr die deut­sche Ge­sell­schaft da­mals da­nach trach­te­te, das Cha­os des „Drit­ten Reichs“zu ver­ges­sen. Wuppertal: „Fo­to­gra­fie und Film“

Dort ei­ne fast kli­ni­sche Welt, hier ein Cha­os von heu­te – grö­ßer könn­te der Ge­gen­satz kaum sein zwi­schen Keetman in Es­sen und der ab­schlie­ßen­den Sta­ti­on un­se­rer Rund­fahrt: Wuppertal. Un­ter dem harm­lo­sen Ti­tel „Fo­to­gra­fie und Film 1969-2015“stellt der 1950 in New York ge­bo­re­ne Künst­ler Ro­ger Bal­len dort in der Von-der-HeydtKunst­hal­le Bar­men un­be­weg­te und be­weg­te An­sich­ten von Men­schen aus, die ihr Da­sein ab­seits un­se­rer west­li­chen Wohl­fühl­welt fris­ten. Bal­len führt uns zu Über­le­bens­künst­lern in afri­ka­ni­schen Dör­fern und zu schick­sals­ge­plag­ten Men­schen, die auf sei­ne Bit­te hin in ih­ren kar­gen Be­hau­sun­gen den­noch ab­sur­de Rol­len­spie­le mit Haus­rat und Tie­ren voll­füh­ren. Im fo­to­gra­fi­schen Teil trifft man auf ei­nen Te­enager mit Glas­au­ge eben­so wie auf ei­nen fet­ten Jun­gen, der in die Ka­me­ra lacht, wäh­rend vor ihm ein zum Ske­lett Ab­ge­ma­ger­ter sei­nes To­des harrt.

FO­TO: KEETMANN

Keet­manns span­nen­des Selbst­por­trät ist im Es­se­ner Mu­se­um Folk­wang zu se­hen.

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