Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Ent­we­der nahm er Par­ker in ei­nem stil­len Mo­ment bei­sei­te, ge­stand ihm, dass er die Sa­che mit der Freun­din nur er­fun­den hat­te, und fleh­te ihn an, An­na kein Ster­bens­wört­chen zu ver­ra­ten. Viel­leicht konn­te er ja be­haup­ten, dass er auf An­ti­de­pres­si­va und des­halb vor­über­ge­hend nicht so auf Zack sei. Oder et­was in die­ser Rich­tung. Al­ler­dings war Par­ker, bei al­lem Wohl­wol­len, kei­ne gro­ße Leuch­te. Er wür­de sich ver­plap­pern oder es der fleisch­fres­sen­den Mi­kro­be Har­ris ganz im Ver­trau­en er­zäh­len. Und der wür­de sei­ne Mit­men­schen min­des­tens bis ins Jahr 2020 mit Witz­chen über Freun­din­nen und Kür­bis­se be­glü­cken. Nein, wenn er mit Par­ker re­de­te, konn­te er ge­nau­so gut ei­ne An­zei­ge schal­ten.

Und das hieß, dass Op­ti­on Num­mer eins es im Wett­be­werb der Scheuß­lich­kei­ten mit ei­nem ziem­lich star­ken Kon­kur­ren­ten zu tun hat­te: Er muss­te ver­hin­dern, dass Par­ker und An­na bei der Ver­nis­sa­ge mit­ein­an­der spra­chen, und hof­fen, dass sie nie von die­sem De­ba­kel er­fuhr.

Ja, Ja­mes wür­de voll aufs Gan­ze ge­hen müs­sen – Op­ti­on Num­mer zwei al­so.

An­schei­nend hat­te Lau­rence recht ge­habt, et­was, das Ja­mes nur un­gern zu­gab. Denn sei­ne Er­mitt­lun­gen nach der Rück­kehr aus dem Thea­ter lie­fer­ten Hin­wei­se dar­auf, dass Eva ei­ne im­pro­vi­sier­te Haus­durch­su­chung ver­an­stal­tet hat­te. Der von dem Blu­men­topf hin­ter­las­se­ne hel­le Ring auf dem Fens­ter­brett ent­ging ihm nicht. Al­ler­dings hät­te Lu­ther sich mit ei­nem ge­wal­ti­gen Satz auf die Pflan­ze stür­zen und sie mit den Zäh­nen zu Bo­den rei­ßen müs­sen, um das Laub zu be­na­gen und, in ei­ner Wol­ke aus Ter­ra­kot­ta- staub, in ei­nem fu­rio­sen To­des­kampf un­ter­zu­ge­hen.

Es wa­ren hin­ge­gen nicht au­ßer­ge­wöhn­li­che sport­li­che Höchst­leis­tun­gen, die ei­nem spon­tan zum The­ma Lu­ther ein­fie­len. Der Ka­ter war schon da­von über­for­dert, dem ei­ge­nen Schweif nach­zu­ja­gen. Au­ßer­dem war Ja­mes ziem­lich si­cher, dass er die Schlaf­zim­mer­tür ei­nen Spalt of­fen ge­las­sen hat­te. Er hat­te sie ge­schlos­sen vor­ge­fun­den, wo­bei na­tür­lich mög­lich war, dass Eva noch ein paar von ih­ren Sa­chen mit­ge­nom­men hat­te. Al­ler­dings schick­te ihm Eva am nächs­ten Tag ei­ne SMS, in der sie vor­schlug, sich am Abend zu ei­nem Spa­zier­gang und ei­nem Ge­spräch im Hamp­s­teadHe­ath-Park zu tref­fen. Seit ih­rem Aus­zug zeig­te sie zum ers­ten Mal den Hauch ei­nes In­ter­es­ses, sich mit Ja­mes zu ver­söh­nen. Of­fen­bar hat­te der Zau­ber­trick ge­wirkt, das Haus ei­nem Mak­ler an­zu­ver­trau­en. Doch es war ein Sieg, über den er sich nicht so recht freu­en konn­te.

Der Abend war für die­se Jah­res­zeit mild, und als er Eva dort ste­hen sah – das Haar im Na­cken zu zwei mäd­chen­haf­ten klei­nen Schne­cken auf­ge­steckt –, wur­den ihm Herz und Kör­per schwer, und er fühl­te sich plötz­lich ur­alt. Eva kam so­fort auf den Punkt. Die Ar­me vor der Brust ver­schränkt, mar­schier­te sie in ei­nem Tem­po durch den Park, das ein Ziel ver­mu­ten ließ.

„Fin­dest du nicht, dass du mich fra­gen soll­test, be­vor du das Haus zum Ver­kauf an­bie­test?“

„Das ha­be ich. Ich ha­be dir ge­sagt, dass ich es schät­zen las­se.“

„Ich kann mich nicht er­in­nern, dass wir ge­mein­sam be­schlos­sen hät­ten, es zu ver­kau­fen.“

„Du bist aus­ge­zo­gen. Al­lein brau­che ich kein so gro­ßes Haus.“– „Ver­suchst du, mich zu über­rum­peln?“

Ja­mes rang um Be­herr­schung. Er hat­te kei­ne Lust, heu­te Abend den im Park brül­len­den Ehe­mann zu ge­ben.

„Über­rum­peln? Hast du et­wa ge­glaubt, dass ich wie ein Idi­ot rum­sit­ze und dar­auf war­te, bis Finn und du mit eu­rer Bil­der­se­rie fer­tig seid? Was ist nach So­fa in Koh­le ein­ge­plant? Whirl­pool in Aqua­rell? Du hast mich ver­las­sen, Eva. Ist dir denn nicht klar, was das be­deu­tet?“

Als er ein­at­me­te, war die Luft so kalt, dass sie ihm in Keh­le und Lun­ge brann­te. Er war­te­te dar­auf, dass Eva sag­te, mit Finn sei es aus. Es sei al­les ein Feh­ler ge­we­sen. Sie woll­te das Haus nicht ver­kau­fen. War­um sonst hät­te sie sich mit ihm ver­ab­re­den sol­len? Sie schwieg. „Sa­ra wird es si­cher all­mäh­lich ein biss­chen zu eng. Hat ihr Typ denn nichts da­ge­gen?“

Er warf ihr ei­nen Blick zu. Eva starr­te zu Bo­den.

Ja­mes wur­de von ei­nem Ruck durch­fah­ren wie ein al­ter Mi­ni mit ka­put­ten Stoß­dämp­fern beim Über­win­den ei­ner Tem­po­schwel­le. „Du wohnst gar nicht bei Sa­ra?“

Sie schürz­te die Lip­pen und schüt­tel­te den Kopf.

Plötz­lich schien sein Brust­korb zu klein, um al­le Or­ga­ne da­rin zu be­her­ber­gen. Ei­gent­lich hät­te er ger­ne in en­er­gi­schem Ton den Satz Das war’s dann wohl aus­ge­spro­chen. Doch sei­ne Luft­röh­re fühl­te sich wie platt ge­drückt an. Sie gin­gen wei­ter. „So viel al­so da­zu, dass ihr nicht mit­ein­an­der schlaft. Was für ei­ne scho­ckie­ren­de Wen­dung der Er­eig­nis­se“, höhn­te er nach ei­ner Wei­le, hör­te je­doch, wie nie­der­ge­schla­gen er da­bei klang. Hier konn­te er kei­ne Punk­te mehr ma­chen. Er hat­te ver­lo­ren.

„Hof­fent­lich ver­zeihst du mir jetzt, wenn ich die­sen Mist, den du Kunst ge­nannt hast und ich Sex­spiel­chen, als ab­so­lu­te Tur­bo­schei­ße be­zeich­ne. Vor al­lem des­halb, weil ich of­fen­bar die gan­ze Zeit recht hat­te.“

„Ge­nau das ist das Pro­blem, Ja­mes. Dich in­ter­es­siert nur, ob ich Sex hat­te. Die Grün­de, war­um ich weg bin, sind dir to­tal egal.“

„Du hast nur ge­sagt, dass du dich lang­weilst. Kei­ne Ah­nung, was du dir von ei­ner Ehe er­war­tet hast. Wir ha­ben doch da­vor schon zu­sam­men­ge­lebt. Ei­ne Hoch­zeit ist ei­ne Fe­te, ein Ur­laub. Und da­nach kommt wie­der der All­tag. Du willst al­so mit Finn das wil­de Le­ben ge­nie­ßen? Wie wird das klap­pen, wenn er noch nachts durch die Dis­cos zieht und du schon auf die vier­zig zu­gehst?“

„Er re­det mit mir wie mit ei­nem gleich­be­rech­tig­ten Men­schen.

Nicht wie mit ei­nem Haus­müt­ter­chen, das er nicht ernst zu neh­men braucht.“

„Herr­gott, Eva. Hör auf zu träu­men. Seit wann bist du ei­ne frus­trier­te Ehe­frau à la Bet­ty Dra­per und fuch­telst mit der Knar­re rum?“

„Ich wer­de dir ver­ra­ten, in wel­chem Mo­ment mir klar­wur­de, dass ich ge­hen muss­te, Ja­mes. Es war an dem Abend, als Jack und Ca­ron zu Be­such ka­men.“

„Was? So schlecht war mei­ne Ta­ji­ne nun auch wie­der nicht.“

„Du hast den gan­zen Abend nur mit Ca­ron ge­re­det.“„Der Be­am­tin?“„Und bist an ih­ren Lip­pen ge­han­gen. Ka­putt­ge­lacht hast du dich. Was ich zu sa­gen ha­be, in­ter­es­siert dich nicht. Du fin­dest mich ba­nal.“

(Fortsetzung folgt)

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