Duis­bur­ger Tür­ken fei­ern Er­do­gan

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON HEN­NING RA­SCHE UND CHRIS­TOPH REICH­WEIN (FO­TOS)

Die Mo­schee in Duis­burg-Marxloh ist die größ­te bun­des­weit. Vie­le Ver­eh­rer des tür­ki­schen Prä­si­den­ten be­ten dort.

DUIS­BURG-MARXLOH Die Mo­schee hat Lüt­fi Gün­ay im Rü­cken. Des­we­gen kann er auch nicht se­hen, was da ein paar Me­ter über sei­nem Kopf weht. Vier Flag­gen hän­gen dort oben, ak­ku­rat auf­ge­reiht. Ein sanf­ter Wind bringt die tür­ki­sche, die eu­ro­päi­sche und die Di­tib-Flag­ge in Schwung. Nur die deut­sche um­klam­mert ih­ren Mast, als sei sie et­was ge­hemmt. Lüt­fi Gün­ay sieht das dunk­le Blau mit den zwölf gol­de­nen Ster­nen der Eu­ro­päi­schen Uni­on am Fah­nen­mast al­so nicht. Und die klei­ne Pla­ket­te ne­ben der Ein­gangs­tür der Mer­kez-Mo­schee in Duis­burg-Marxloh ent­geht ihm auch. „Ge­baut mit För­der­mit­teln der EU“steht dar­auf. In die­ses Bild hin­ein sagt Gün­ay, der 50 Jah­re al­te tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, der in Deutsch­land ge­bo­ren wur­de: „Was sol­len wir Tür­ken in der EU? Wir brau­chen sie nicht.“

Gleich be­ginnt das Frei­tags­ge­bet in der größ­ten Mo­schee Deutsch­lands. Aus der gan­zen Re­gi­on – ein Rei­se­bus kommt so­gar aus Hes­sen – strö­men Mus­li­me nach Marxloh, um zu be­ten. Dort, im Nor­den Duis­burgs, le­ben rund 19.800 Men­schen, et­wa 64 Pro­zent von ih­nen ha­ben ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund – die meis­ten ei­nen tür­ki­schen. Was al­so den­ken die Men­schen hier, an ei­nem Ort, der bei der Er­öff­nung 2008 als „Wun­der von Marxloh“ge­fei­ert wur­de, von der Ent­wick­lung in der Tür­kei? Vom Putsch und von Mas­sen­ent­las­sun­gen im Staatsdienst, von Aus­wei­sun­gen und der To­des­stra­fe?

Die Mo­schee in Marxloh ge­hört zum Di­tib-Ver­band, der dem Prä­si­di­um für Re­li­giö­se An­ge­le­gen­hei­ten in der Tür­kei zu­ge­ord­net ist. Ex­per­ten ver­mu­ten auch ei­ne fi­nan­zi­el­le Ver­bin­dung zwi­schen der tür­ki­schen Re­gie­rung und Di­tib. Der Mo­schee­ver­band be­strei­tet das. 7,5 Mil­lio­nen Eu­ro hat die Mo­schee ge­kos­tet, die Kup­pel ist 23 Me­ter hoch und das Mi­na­rett misst 34 Me­ter. Das Ge­län­de ist ei­ne St­un­de vor dem wich­tigs­ten Ge­bet der is­la­mi­schen Wo­che be­lebt. Als die Re­por­ter, die sich te­le­fo­nisch an­ge­kün­digt ha- ben, die Mo­schee be­tre­ten, wer­den sie vom Vor­sit­zen­den der Ge­mein­de, Ne­ca­ti Mert, hin­aus­ge­wor­fen. Er droht mit „Kon­se­quen­zen“, soll­te die­ser Text er­schei­nen. Man ha­be mit der Tür­kei nichts zu tun. Nie­mand wer­de sich äu­ßern.

Auf dem öf­fent­li­chen Bür­ger­steig vor der Mo­schee äu­ßern sich die Men­schen aber doch. Ra­ma­zan et­wa bleibt ste­hen und ant­wor­tet ger­ne. „Er­do­gan ist ein Held“, sagt der 31-Jäh­ri­ge. „Was er nach dem Putsch­ver­such für das tür­ki­sche Volk ge­tan hat, ist groß­ar­tig.“Weil er deut­scher Staats­bür­ger sei, kön­ne er Er­do­gan und sei­ne AK-Par­tei nicht wäh­len. Er wür­de es aber tun. Ra­ma­zan will nach Istan­bul flie­gen, zu sei­ner Fa­mi­lie. Angst hat er kei­ne, sagt er, und: „Ich freue mich auf die Tür­kei.“Soll­te die dor­ti­ge Re­gie­rung die To­des­stra­fe ein­füh­ren, hät­te Ra­ma­zan nichts da­ge­gen. Er fän­de es aber auch okay, sagt er, wenn die Put­schis­ten in so klei­ne Kam­mern ge­sperrt wür­den, dass sie sich selbst vor Be­klem­mung mit dem Bett­la­ken er­häng­ten.

Die To­des­stra­fe. Der äl­te­re Bru­der von Lüt­fi Gün­ay sagt: „Ich bin auch da­für. Die Ge­fahr ist nur, dass dann Un­schul­di­ge ster­ben.“Aber das wä­re dann so. Zum „Schutz der De­mo­kra­tie“soll­ten die „Put­schis­ten auf­ge­hängt wer­den“, sagt er. Er sei im­mer ein Be­für­wor­ter der EU ge­we­sen, aber jetzt, da man der Tür­kei mit dem En­de der Bei­tritts­ver­hand­lun­gen dro­he, sei das vor­bei. Er hät­te sich Un­ter­stüt­zung aus Brüs­sel ge­wünscht. Im Vor­bei­ge­hen ruft ein äl­te­rer Mann: „Men­schen­rech­te nur für Re­gie­rungs­an­hän­ger.“

Sind das An­zei­chen ei­nes ge­lun­ge­nen Duis­bur­ger In­te­gra­ti­ons­pro­zes­ses, wie der frü­he­re CDU-Ober­bür­ger­meis­ter Adolf Sau­er- land 2008 zur Er­öff­nung der Mo­schee sag­te?

Ibra­him Ye­tim, SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter für Mo­ers und Neu­kir­chen-Vluyn, sagt im Ge­spräch mit der Re­dak­ti­on: „Wir müs­sen uns fra­gen, was wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der In­te­gra­ti­on falsch ge­macht ha­ben.“Er sei ver­wun­dert, dass Di­tib die Chan­ce nicht nut­ze, zur Dee­s­ka­la­ti­on bei­zu­tra­gen. Ganz ak­tu­ell sor­ge er sich da­vor, dass auch in Nord­rhein-West­fa­len die Ge­walt zwi­schen Er­do­gan-Be­für­wor­tern und Er­do­gan-Geg­nern es­ka­lie­ren kön­ne. „Ich be­fürch­te wirk­lich Schlim­mes“, sagt Ye­tim. „Hier gibt es die glei­chen Be­völ­ke­rungs­grup­pen wie in der Tür­kei, und bei der Men­ge an Men­schen dürf­te es sehr schwer sein, das un­ter Kon­trol­le zu be­kom­men.“

In der Tür­kei hat Er­do­gan Rück­halt. Has­nain Ka­zim, Kor­re­spon­dent des „Spie­gel“, der das Land ver­las­sen muss­te, sagt: „Ein gro­ßer An­teil der Be­völ­ke­rung fin­det es gut, was Er­do­gan macht.“Zu­min­dest für den Teil der Duis­bur­ger Be­völ­ke­rung mit tür­ki­schen Wur­zeln, den man in Marxloh trifft, gilt das auch. Vie­le fin­den es furcht­bar, dass die Ar­mee auf das ei­ge­ne Volk ge­schos­sen hät­te. Sie se­hen in Er­do­gan den Schutz­pa­tron der De­mo­kra­tie.

So wie auch Ka­dir Ba­sa­ran. Der 46-Jäh­ri­ge hat AKP ge­wählt und sagt: „Das Volk hat sich auf der Stra­ße ge­gen die Pan­zer ge­stellt.“Und wer Pan­zer ge­gen das ei­ge­ne Volk rich­te, der ge­hö­re be­straft. „Die To­des­stra­fe wird oft falsch ver­stan­den, aber sie kann ge­recht sein“, sagt Ba­sa­ran. Sie die­ne der Ab­schre­ckung, fin­det der Tür­ke, der in Deutsch­land ge­bo­ren wur­de. Um die de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren in sei­nem Hei­mat­land sorgt er sich nicht: „Man muss nur die Be­din­gun

gen ver­schär­fen.“

FO­TOS: REICH­WEIN

Die Mo­schee in Duis­burg

Marxloh.

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