Le­ben mit dem Ter­ror

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON TO­BI­AS KÄU­FER UND GRE­GOR MAYNTZ FO­TO: WER­NER GA­B­RI­EL

Bei­spie­le aus Is­ra­el und Ko­lum­bi­en ge­ben Ein­blick in ei­nen völ­lig an­de­ren Um­gang mit stän­di­ger Be­dro­hung durch Ge­walt.

BER­LIN/BOGOTÁ Ler­nen, mit dem Ter­ror zu le­ben. Wie geht das kon­kret? Wo­zu Amok­lauf und Selbst­mord­an­schlag un­mit­tel­bar füh­ren, wird in den nächs­ten Ta­gen auf dem Fest­spiel­hü­gel von Bay­reuth zu er­le­ben sein: Lei­bes­vi­si­ta­tio­nen und Ta­schen­kon­trol­len statt Schlen­dern über den ro­ten Tep­pich. Und auch bei der Vor­be­rei­tung des Ok­to­ber­fes­tes mit Mil­lio­nen Gäs­ten den­ken die Ver­an­stal­ter nun schon dar­an, Ruck­sä­cke ge­ne­rell zu ver­bie­ten. Es ist ab­seh­bar, dass die Her­stel­ler und Ver­mie­ter von Kör­per­scan­nern vol­le Auf­trags­bü­cher ha­ben und vie­le Ver­an­stal­tun­gen nur nach Durch­schrei­ten ei­nes Me­tall-De­tek­tors zu­gäng­lich sind. Aber das Le­ben mit dem Ter­ror geht in an­de­ren Ge­sell­schaf­ten noch viel tie­fer.

Bei­spiel Is­ra­el. Für den mit­tel­eu­ro­päi­schen Ba­de­gast sind die Bil­der vom Strand­le­ben au­ßer­or­dent­lich ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Da schlen­dern zwei jun­ge Frau­en bar­fuß und im Bi­ki­ni ent­spannt an den Wel­len vor­bei. Doch statt ei­ner Ba­de­ta­sche hängt bei je­der ei­ne Uzi über die Schul­ter, ei­ne schuss­be­rei­te Ma­schi­nen­pis­to­le. Als die At­ten­ta­te mit Gum­mi­boo­ten vom Meer her zu­nah­men, war das die Ant­wort: Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­ge hat­ten auch in ih­rer Freizeit je­der­zeit ih­re Waf­fe da­bei.

Das zieht sich durch den ge­sam­ten is­rae­li­schen All­tag. Wes­we­gen so vie­le Schil­de­run­gen von ter­ro­ris­ti­schen Atta­cken be­reits nach we­ni­gen Mi­nu­ten mit dem Tod des Tä­ters en­den. Bei Ter­ror­warn­la­gen wie in die­sem Jahr in der Kar­wo­che in Je­ru­sa­lem wird das Stra­ßen­bild von schwer be­waff­ne­ten Po­li­zis­ten in Schutz­wes­ten ge­prägt. Zeit­wei­se war ih­re Zahl hö­her als die der Pil- ger. Spon­ta­ne Durch­su­chun­gen Ver­däch­ti­ger zu je­der Zeit und an je­dem Ort ein­ge­schlos­sen. Und wer zum Ben-Gu­ri­on-Flug­ha­fen bei Tel Aviv will, muss be­reits im Ab­stand von drei Ki­lo­me­tern die ers­te Kon­trol­le durch­fah­ren. Zu­dem le­gen Is­ra­els Si­cher­heits­be­hör­den viel Wert auf Tä­ter-Pro­filing. Wer Merk­ma­le ty­pi­scher At­ten­tä­ter auf­weist, soll­te si­cher­heits­hal­ber stun­den­lan­ge Un­ter­su­chun­gen, Nach­fra­gen und Ge­päck­kon­trol­len ein­kal­ku­lie­ren.

Bei­spiel Nord­ir­land: Ab­ge­rie­gel­te Stra­ßen, ge­pan­zer­te Fahr­zeu­ge, Po­li­zis­ten und Sol­da­ten an fast je­der Kreu­zung, pein­lich ge­naue Per­so­nen­kon­trol­len – das war die Si­tua­ti­on in den 70er Jah­ren in Bel­fast, als ka­tho­li­sche Ter­ro­ris­ten und pro­tes­tan­ti­sche Ter­ro­ris­ten mit der bri­ti­schen Ar­mee mit­ten­drin ei­nen er­bit­ter­ten Bür­ger­krieg führ­ten.

Bei­spiel Ko­lum­bi­en: Der Münch­ner Amok­läu­fer Ali Da­vid S. wä­re in der ko­lum­bia­ni­schen Haupt­stadt nicht weit ge­kom­men. Mit ei­ner ge­la­de­nen Waf­fe in ein Ein­kaufs­zen­trum zu mar­schie­ren, das wä­re in Bogotá un­denk­bar. Je­der Kun­de wird hier am Haupt­ein­gang kon­trol­liert. Sicht­bar und un­sicht­bar: Frau­en müs­sen grund­sätz­lich ih­re Hand­ta­schen öff­nen, Män­ner wer­den – so­fern sie Klei­dung tra­gen, die mög­li­chen Waf­fen­be­sitz über­de­cken könn­te – ab­ge­tas­tet. Und na­tür­lich wacht in der Si­cher­heits­zen­tra­le noch ein Kom­man­dost­ab, der ge­nau hin­sieht, wer da durch die Ein­gangs­to­re stürmt. Auch der Um­weg durch das Park­haus bleibt ver­sperrt: Wer hin­un­ter in die Tief­ga­ra­ge will, den er­war­tet zu­nächst ein kri­ti­scher Blick des Park­haus­wäch- ters und dann der Un­ter­bo­den­spie­gel. All das stammt noch aus der Zeit, als Ko­lum­bi­ens Dro­gen­kar­tel­le aus Me­del­lín und Ca­li, aber auch die Farc-Gue­ril­la mit Vor­lie­be At­ten­ta­te auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung ver­üb­te. Der Feind hieß nicht Is­la­mi­scher Staat, son­dern Dro­gen­boss Pa­blo Es­co­bar.

Die­se Furcht hat in Ko­lum­bi­en vor al­lem zwei Wirt­schafts­bran­chen her­vor­ge­bracht: Kein an­de­res Land hat ei­nen der­art aus­ge­präg­ten 24Stun­den-Lie­fer­ser­vice. Nichts, was nicht per­sön­lich bis an die Haus­tü­re ge­bracht wird: Me­di­ka­men­te, Es­sen, Haus­halts­wa­ren, und zwar rund um die Uhr. Die Lie­fe­run­gen wer­den al­ler­dings erst ein­mal über­prüft: Je­des Mehr­fa­mi­li­en­haus, je­de Sied­lung hat ei­ge­ne Si­cher­heits­kräf­te. Und die Angst hat auch ei­ne ganz spe­zi­el­le Mo­de er­schaf­fen: Der De­si­gner Mi­guel Ca­ba­rel­lo hat sich auf mo­di­sche schuss­si­che­re Klei­dung spe­zia­li­siert, so­gar für Schü­ler.

Die Jah­re des Ter­rors ha­ben die Ko­lum­bia­ner ver­än­dert. Sie su­chen si­che­re Plät­ze auf. Des­we­gen ist das Ein­kaufs­zen­trum mehr als nur ein Platz zum Bum­meln. Es ist ein ge­sell­schaft­li­cher Treff­punkt ge­wor­den, wo sich sonn­tags die Fa­mi­li­en schon zum Got­tes­dienst tref­fen. Über­grif­fe wie in Köln sind hier nicht mög­lich, die Ka­me­ras schau­en ge­nau hin. Übel­tä­ter wer­den so­fort iden­ti­fi­ziert und vom Si­cher­heits­per­so­nal ab­ge­führt.

Der Staat Is­ra­el kon­trol­liert pe­ni­bel die Zu­gän­ge zur Kla­ge­mau­er in Je­ru­sa­lem wie hier durch ei­ne Si­cher­heits­schleu­se.

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