War­um blei­ben vie­le, ob­wohl sie das Land ver­las­sen müs­sen?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

Fra­gen und Ant­wor­ten zum Aus­län­der­recht, zur Ab­schie­be­pra­xis und zu den neu­en For­de­run­gen nach dem An­schlag von Ans­bach.

BER­LIN Die dra­ma­ti­schen Nach­rich­ten vom is­la­mis­ti­schen Selbst­mord­an­schlag in Ans­bach ha­ben die Si­cher­heits­de­bat­te in Deutsch­land neu ent­facht. Da­bei rückt vor al­lem der Ruf nach schnel­le­ren Ab­schie­bun­gen be­reits bei klei­ne­ren Straf­ta­ten in den Mit­tel­punkt. Wich­ti­ge Fra­gen da­zu: Wie vie­le ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber ver­las­sen Deutsch­land wie­der? Die Zahl ist stark ge­stie­gen. Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­dop­pel­te sich die Zahl der Ab­schie­bun­gen auf über 22.000. Hin­zu ka­men mehr als 56.000 Men­schen, die das Land frei­wil­lig ver­lie­ßen. Al­ler­dings stie­gen die Ab­schie­bun­gen nicht im glei­chen Ver­hält­nis wie die Zahl ab­ge­lehn­ter An­trä­ge. Ins­ge­samt hät­ten knapp 205.000 Men­schen Deutsch­land ver­las­sen sol­len. Wel­che Hin­der­nis­se gibt es? Vie­le Flücht­lin­ge ha­ben kei­ne Pa­pie­re, so dass nicht zwei­fels­frei ge­klärt wer­den kann, wo­hin sie zu­rück­keh­ren müs­sen. Sie dür­fen auch nicht in Län­der zu­rück­ge­schickt wer­den, in de­nen ih­nen Ge­fah­ren für Leib und Le­ben dro­hen. Zu­dem müs­sen ih­re Hei­mat­län­der die Rück­nah­me ak­zep­tie­ren. Au­ßer- dem kön­nen Ärz­te ih­nen ei­ne Rei­se­un­fä­hig­keit at­tes­tie­ren. Vie­le Ver­fah­ren lau­fen über die ört­li­chen Aus­län­der­be­hör­den. De­ren Per­so­nal ist aber nicht über­all an die neu­en Flücht­lings­zah­len an­ge­passt wor­den. Schließ­lich muss Fa­mi­li­en mit Kin­dern der Tag ih­rer Ab­schie­bung mit­ge­teilt wer­den. Im­mer wie­der trifft die Po­li­zei dann kei­nen mehr an. Bei sehr schwe­ren Straf­ta­ten, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Ter­ro­ris­mus, kann im Ein­zel­fall auch in ein Kriegs­ge­biet zu­rück­ge­schickt wer­den. Was hat sich nach der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht ge­än­dert? Mit dem im März in Kraft ge­tre­te­nen Ge­setz zur er­leich­ter­ten Aus­wei­sung von straf­fäl­li­gen Aus­län­dern wur­de das „schwer­wie­gen­de Aus­wei­sungs­in­ter­es­se“Deutsch­lands auf al­le Fäl­le er­wei­tert, in de­nen ein Aus­län­der zu ei­ner min­des­tens ein­jäh­ri­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wur­de, auch wenn es sich um ei­ne Be­wäh­rungs­stra­fe han­delt. Wur­de die Stra­fe mit Ge­walt oder un­ter An­dro­hung von Ge­walt be­gan­gen, liegt das „schwer­wie­gen­de Aus­wei­sungs­in­ter­es­se“be­reits bei je­der Be­wäh­rungs­stra­fe oh­ne zeit­li­che Vor­ga­ben vor. Die zu­vor ge­nann­ten Hin­der­nis­se gel­ten je­doch wei­ter­hin. Wie lan­ge kön­nen Aus­rei­se­pflich­ti­ge ma­xi­mal blei­ben? Ei­ne ma­xi­ma­le Zeit­dau­er ist nicht fi­xiert. Wer er­kenn­bar un­ter­tau­chen will, kann bis zu 18 Mo­na­te in Ab­schie­be­haft ge­nom­men wer­den, was vor al­lem Straf­tä­ter be­trifft. An­sons­ten wird al­le sechs Mo­na­te ge­prüft, ob die Grün­de für ei­ne Dul­dung noch vor­lie­gen. Wie se­hen Rechts­prak­ti­ker den Ruf nach er­neu­ten Ab­schie­bungs­er­leich­te­run­gen? Der Deut­sche An­walt­ver­ein (DAV) lehnt den Vor­stoß ab. „Statt er­neut ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung zu ver­lan­gen, soll­te den Be­hör­den erst ein- mal die Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wer­den, die neu­en Re­ge­lun­gen an­zu­wen­den“, sag­te DAV-Prä­si­dent Ul­rich Schel­len­berg un­se­rer Re­dak­ti­on. Erst im März ha­be die gro­ße Ko­ali­ti­on das Aus­wei­sungs­recht als Re­ak­ti­on auf die Er­eig­nis­se der Sil­ves­ter­nacht in Köln nach­hal­tig ver­schärft. „Wir kön­nen nicht bei je­dem Vor­fall – mag er noch so dra­ma­tisch sein – mit ei­ner Ge­set­zes­än­de­rung re­agie­ren“, be­ton­te Schel­len­berg. Au­ßer­dem be­stün­den „er­heb­li­che Zwei­fel dar­an, ob der­ar­ti­ge Ab­schie­bungs­er­leich­te­run­gen mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on über­ein­stim­men“, er­läu­ter­te der DAV-Prä­si­dent.

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