Dia­gno­se Amok

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON SU­SAN­NE HA­MANN UND PHIL­IPP JA­COBS

Amok­läu­fer sind oft ein­sa­me Wöl­fe. Vor ih­rer Tat sind sie ver­schlos­sen und un­schein­bar. Doch Warn­si­gna­le kön­nen auf ih­re Ab­sich­ten hin­deu­ten. Sie zu ent­de­cken und kor­rekt zu deu­ten, ret­tet Le­ben.

DÜS­SEL­DORF Wenn Ju­gend­li­che sich ei­ne Waf­fe be­sor­gen und da­mit um sich feu­ern, ist die ers­te Fra­ge meist: Wie­so? Wie­so er­schießt ein jun­ger Mensch an­de­re Men­schen? Die Last der Schuld­ge­füh­le er­drückt nach sol­chen Ta­ten die An­ge­hö­ri­gen und Freun­de. Hät­te ich et­was tun kön­nen? Hät­te ich psy­chi­sche oder so­zia­le Pro­ble­me mei­nes Kin­des er­ken­nen müs­sen? All die­se Fra­gen mün­den in ei­ne zen­tra­le Fra­ge: Kann man Amok­läu­fe ver­hin­dern, be­vor sie ge­sche­hen? Ja, man kann.

In den meis­ten Fäl­len, in de­nen ei­ne Ge­fahr von psy­chisch Kran­ken aus­ging, Me­di­zi­ner spre­chen von „Fremd­ge­fähr­dung“, hat­ten die Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men Er­folg. „Wir er­fah­ren ja nicht von den ver­hin­der­ten Amok­läu­fen“, sag­te Kri­mi­nal­psy­cho­lo­ge Ru­dolf Egg dem WDR. „Was in Mün­chen ge­sche­hen ist, ist so­zu­sa­gen ein Schei­tern der Prä­ven­ti­ons­be­mü­hun­gen. Aber an an­de­ren Or­ten – da­von bin ich fest über­zeugt – gibt es auch pro­ble­ma­ti­sche Per­so­nen, die man aber recht­zei­tig er­kannt und um die man sich dann ge­küm­mert hat.“

Ali Da­vid S., der At­ten­tä­ter von Mün­chen, soll eben­falls psy­chisch krank ge­we­sen sein. Er soll so­zia­le Pho­bi­en ge­habt und un­ter De­pres­sio­nen ge­lit­ten ha­ben. Zwei Mo­na­te sei er des­halb in Be­hand­lung ge­we­sen, teil­te die Mün­che­ner Staats­an­walt­schaft mit. Un­ter Ju­gend­li­chen kom­men De­pres­sio­nen, Angst­zu­stän­de und der­glei­chen nicht sel­ten vor. Sie ma­chen nie­man­den au­to­ma­tisch zum Mör­der. „Ins­be­son­de­re bei De­pres­sio­nen wür­de man das eher nicht ver­mu­ten, da de­pres­si­ve Men­schen sich eher zu­rück­zie­hen, als an­de­ren et­was an­zu­tun“, er­klärt Chris­ta Roth-Sa­cken­heim, Vor­sit­zen­de des Bun­des­ver­bands Deut­scher Psych­ia­ter in Kre­feld. An­ders kön­ne das bei ei­ner aku­ten Psy­cho­se sein, bei der Be­trof­fe­ne den Be­zug zur Rea­li­tät ver­lie­ren. Der Mün­che­ner Kri­mi­nal­di­rek­tor Her­mann Utz sag­te ges­tern, Ali Da­vid S. ha­be sich be­wegt wie in ei­nem Com­pu­ter­spiel.

Wenn Er­mitt­ler psy­chi­sche Pro­ble­me mit ei­ner Blut­tat in Ver­bin­dung brin­gen, wird schnell auch die Lo­cke­rung der ärzt­li­chen Schwei­ge- pflicht ge­for­dert. Me­di­zi­ner wie Roth-Sa­cken­heim se­hen das kri­tisch. Zu­dem gibt es in dras­ti­schen Fäl­len oh­ne­hin Aus­nah­men: Ärz­te kön­nen sich der Bun­des­ärz­te­kam­mer zu­fol­ge über ih­re Schwei­ge­pflicht hin­weg­set­zen, wenn et­wa „be­son­ders schwe­re Ver­bre­chen“ver­hin­dert wer­den sol­len oder ei­ne Ge­fahr für Leib und Le­ben be­steht.

Auf­merk­sam­keit im pri­va­ten und vor al­lem im schu­li­schen Um­feld sei oft­mals die bes­te Prä­ven­ti­ons­maß­nah­me ge­gen Amok­läu­fe, sa­gen Me- di­zi­ner und Psy­cho­lo­gen. Im No­vem­ber 2009, acht Mo­na­te nach dem Amok­lauf in Win­nen­den, star­te­te die Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin das Pro­jekt „Net­work Against School Shoo­tings“(„Netz­werk ge­gen Schu­lSchie­ße­rei­en“). Die Idee des Pro­jekts war es, Leh­rer zu sen­si­bi­li­sie­ren, bei den Schü­lern auf be­stimm­te Si­gna­le zu ach­ten. Si­gna­le, die auf ei­ne mög­li­che Fremd­ge­fähr­dung hin­deu­ten. Wis­sen­schaft­ler spre­chen in sol­chen Fäl­len von „Lea­king“(„leck­schla­gen“). Zeich­nun- gen in Schul­hef­ten oder in­di­rek­te Ta­tan­kün­di­gun­gen in Chat-Ver­läu­fen kön­nen sol­che „Lecks“sein. „Das heißt, es fal­len Sät­ze wie ,Die Welt wird schon noch se­hen, was sie da­von hat’ oder ,Dem­nächst wird was Gro­ßes pas­sie­ren, du wirst schon se­hen’“, sagt Nils Böck­ler, Di­plom-Päd­ago­ge und Mit­ar­bei­ter am In­sti­tut für Psy­cho­lo­gie und Be­dro­hungs­ma­nage­ment in Darm­stadt. Auch das Äu­ßer­li­che kön­ne sich wan­deln: „Das Op­fer ent­wi­ckelt sich in der Selbst­wahr­neh­mung zum Rä­cher. Es kann sein, dass die Per­son plötz­lich an­de­re Klei­dung trägt, um kämp­fe­ri­scher aus­zu­se­hen.“Mit der We­sens­än­de­rung zie­hen sich die Ju­gend­li­chen aus ih­rem ge­wohn­ten Um­feld zu­rück.

In ei­nem vom Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­ri­um ge­för­der­ten Pro­jekt mit dem Na­men „Tar­get“ka­men For­scher vor zwei Jah­ren zu der Er­kennt­nis, dass neun von zehn jun­gen Amok­läu­fern im Vor­feld Pro­ble­me und Kon­flik­te im so­zia­len Be­zie­hungs­netz hat­ten, 85 Pro­zent er­leb­ten so­zia­le Aus­gren­zung. Für das Pro­jekt wur­den erst­mals 37 Stu­di­en mit ins­ge­samt 126 Ta­ten in 13 Län­dern sys­te­ma­tisch un­ter­sucht.

Ins­be­son­de­re wenn Amok­läu­fer ei­ne Rä­cher-Iden­ti­tät an­näh­men, ge­he es oft nicht dar­um, Be­kann­te zum Op­fer zu ma­chen, son­dern dar­um, sich an der Ge­sell­schaft zu rä­chen, sagt Böck­ler, der auch im Pro­jekt­ver­bund „Tar­get“mit­forsch­te. „Ge­nau das war in Mün­chen der Fall. Des­we­gen ist es sehr na­he­lie­gend, dass es sich um ei­ne Art ört­lich ver­scho­be­nes ,School Shoo­ting’ han­delt. Ge­ra­de weil sich der Tä­ter of­fen­sicht­lich stark mit Win­nen­den be­schäf­tigt hat.“

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