ERIC SCHWEIT­ZER „NRW-Steu­er­po­li­tik scha­det Mit­tel­stand“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT -

Der DIHK-Prä­si­dent at­ta­ckiert die Lan­des­re­gie­rung we­gen ih­rer Bun­des­rats­blo­cka­de bei der Re­form der Erb­schaft­steu­er.

BER­LIN Eric Schweit­zer (51) steht seit drei Jah­ren an der Spit­ze des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK), der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on der 80 In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern. Zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Axel führt er in Ber­lin die Al­ba Group mit 7500 Mit­ar­bei­tern, die ein Mo­no­pol auf die Ab­fall­ent­sor­gung der Haupt­stadt hat. Ter­ror­ge­fahr, Aus­nah­me­zu­stand in der Tür­kei, Br­ex­it – wie wirkt all das auf die deut­sche Ex­port­wirt­schaft? SCHWEIT­ZER Die deut­schen Ex­por­te nach Groß­bri­tan­ni­en dürf­ten nach un­se­rer Pro­gno­se we­gen des Br­ex­its im nächs­ten Jahr um fünf Pro­zent ein­bre­chen. Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ist un­ser dritt­größ­ter Ex­port­markt. Zu­sätz­li­che Sor­gen macht mir, dass in­ter­na­tio­nal die Han­dels­hemm­nis­se er­heb­lich zu­ge­nom­men ha­ben. Zu­dem dämp­fen die welt­wei­ten Kon­flik­te das Wachs­tum der deut­schen Ex­port­wirt­schaft. Re­vi­die­ren Sie we­gen des Br­ex­its jetzt die DIHK-Wachs­tums­pro­gno­se? SCHWEIT­ZER Nein. Wir er­war­ten wei­ter­hin 1,5 Pro­zent Wachs­tum im lau­fen­den Jahr. An­ge­sichts der vie­len Un­wäg­bar­kei­ten wa­ren wir oh­ne­hin eher vor­sich­tig. Für die wei­te­re wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung ist aber ent­schei­dend, dass es beim frei­en Wa­ren-, Ka­pi­tal- und Ar­beits­kräf­te­ver­kehr mit Groß­bri­tan­ni­en bleibt. Wie wür­de sich ei­ne Hän­ge­par­tie bei Aus­tritts­ver­hand­lun­gen aus­wir­ken? SCHWEIT­ZER Bei Ent­schei­dun­gen mit die­ser Trag­wei­te geht Gründ­lich­keit vor Schnel­lig­keit. Die bri­ti­sche Re­gie­rung scheint auf die­ses Er­geb­nis nicht vor­be­rei­tet ge­we­sen zu sein. Jetzt soll­te man der neu­en Re­gie­rung die Chan­ce ge­ben her­aus­zu­fin­den, was sie wirk­lich will. Soll­te die EU jetzt ge­gen­über Lon­don ei­nen har­ten Kurs fah­ren? SCHWEIT­ZER Über 200.000 Ar­beits­plät­ze sind von bri­ti­schen Un­ter­neh­men al­lein in Deutsch­land ge­schaf­fen wor­den, deut­sche Fir­men be­schäf­ti­gen um­ge­kehrt im Kö­nig­reich so­gar 400.000 Men­schen. Es ist da­her im In­ter­es­se der deut­schen und eu­ro­päi­schen Wirt­schaft, wei­ter­hin ein sehr en­ges und ko­ope­ra­ti­ves Ver­hält­nis zu Groß­bri­tan­ni­en als der fünft­größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt zu ha­ben. Da­zu ge­hört als Ziel die wei­te­re Frei­zü­gig­keit von Wa­ren, Di­enst­leis­tun­gen, Ka­pi­tal und Ar­beits­kräf­ten. Dros­seln deut­sche Fir­men jetzt auch ih­re In­ves­ti­tio­nen in der Tür­kei? SCHWEIT­ZER Na­tür­lich gibt es jetzt bei deut­schen Un­ter­neh­men in der Tür­kei ei­ne gro­ße Ve­r­un­si­che­rung. Die po­li­ti­sche La­ge ist in­sta­bil, die tür­ki­sche Li­ra hat stark ab­ge­wer­tet. Deut­sche Fir­men hal­ten sich jetzt mit In­ves­ti­tio­nen zu­rück. War­um stel­len ge­ra­de grö­ße­re Un­ter­neh­men so we­nig Flücht­lin­ge ein? SCHWEIT­ZER Das Kern­pro­blem ist nicht, dass Un­ter­neh­men kei­ne Flücht­lin­ge ein­stel­len wol­len. In un­se­ren Um­fra­gen sa­gen drei Vier­tel der Un­ter­neh­men, dass sie be­reit sind, Flücht­lin­gen zum Ein­stieg Prak­ti­ka an­zu­bie­ten. Doch die meis­ten Mi­gran­ten sind noch nicht so weit. Wir wis­sen aus un­se­rer Um­fra­ge, dass vom Zeit­punkt des Grenzübertritts an durch­schnitt­lich 22 Mo­na­te ver­ge­hen, bis ein Flücht­ling ei­ne Aus­bil­dung be­ginnt. Er braucht da­für Kennt­nis­se der deut­schen Spra­che und schu­li­sche Qua­li­fi­ka­tio­nen wie Schrei­ben und Rech­nen. Wel­che Er­war­tung hat die Wirt­schaft an die nächs­te Bun­des­re­gie­rung? SCHWEIT­ZER 2009 la­gen die jähr­li­chen Steu­er­ein­nah­men des Staa­tes noch bei gut 520 Mil­li­ar­den Eu­ro. 2020 wer­den es über 800 Mil­li­ar­den Eu­ro sein. Je­des Jahr wach­sen die Steu­er­ein­nah­men stär­ker, auch weil wir so vie­le Er­werbs­tä­ti­ge ha­ben wie noch nie. Wir brau­chen in Deutsch­land da­her kei­ne De­bat­te über Steu­er­er­hö­hun­gen, son­dern ei­ne über Steu­er­ent­las­tun­gen. Kon­kret soll­te der Ein­kom­men­steu­er­ta­rif so ab­ge­flacht wer­den, dass da­durch ins­be­son­de­re auch klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men ent­las­tet wer­den. Und der Spit­zen­steu­er­satz darf erst bei ei­nem Jah­res­ein­kom­men von deut­lich über 53.000 Eu­ro grei­fen. Was pas­siert, wenn sich Bund und Län­der nicht auf die Re­form der Erb­schaft­steu­er ei­ni

gen kön­nen? SCHWEIT­ZER Wenn wir un­se­re be­son­de­re Un­ter­neh­mens­struk­tur er­hal­ten wol­len, die von Mit­tel­stand und Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ge­prägt ist, soll­te der vor­lie­gen­de Ent­wurf um­ge­setzt wer­den. Uni­on und SPD hat­ten im Bun­des­tag ei­nen ak­zep­ta­blen Kom­pro­miss aus­ge­han­delt. Ich kann vor al­lem die Blo­cka­de­hal­tung der Lan­des­re­gie­rung Nord­rheinWest­fa­lens im Bun­des­rat nicht nach­voll­zie­hen. Die NRW-SPD wi­der­spricht hier ih­rer ei­ge­nen Par­tei auf Bun­des­ebe­ne. Auch in NRW gibt es gro­ße wich­ti­ge Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Die Lan­des­re­gie­rung scha­det da­mit ih­rem ei­ge­nen Mit­tel­stand. Ich ra­te da­zu, jetzt die Zeit zu nut­zen und schon bis zur ers­ten Sit­zung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses ei­nen Kom­pro­miss zu fin­den. Die Po­li­tik soll­te die Ve­r­un­si­che­rung der Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men durch ei­ne Ei­ni­gung be­en­den, be­vor das Ver­fas­sungs­ge­richt wie­der über die Erb­schaft­steu­er be­rät. Denn da­bei könn­ten Re­ge­lun­gen her­aus­kom­men, die zu noch grö­ße­ren Be­las­tun­gen für die Be­trie­be füh­ren. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat Ih­nen ver­bo­ten, zu be­stimm­ten po­li­ti­schen Vor­gän­gen Stel­lung zu neh­men. Ris­kie­ren Sie, dass die IHK-Pflicht­mit­glied­schaft in­fra­ge ge­stellt wird? SCHWEIT­ZER Die­se Ge­fahr se­he ich nicht. Die Pflicht­mit­glied­schaft ist üb­ri­gens not­wen­di­ger denn je. Wir ha­ben in Deutsch­land durch die dua­le Be­rufs­aus­bil­dung die ge­rings­te Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit in Eu­ro­pa. Die­ses er­folg­rei­che Aus­bil­dungs­sys­tem ha­ben wir nur, weil die Kam­mern da­für ver­ant­wort­lich sind. Das geht nur mit der Pflicht­mit­glied­schaft. Müss­te der Staat die dua­le Aus­bil­dung or­ga­ni­sie­ren, wür­de sie nach mei­ner fes­ten Über­zeu­gung nicht so er­folg­reich funk­tio­nie­ren.

B. MAR­SCHALL FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

FO­TO: IMA­GO

DIHK-Prä­si­dent Eric Schweit­zer.

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